abc-Etüden 41.42.18

Herbstzeit ist auch Etüdenzeit bei Christiane. Die Wörter für die Textwochen 41 und 42 im Jahr 2018 spendete Gerda Kazakou. Sie lauten:

Genuss
skrupulös
schneiden.

 Herbstzeit – Kürbiszeit

 

Mara klappte ihren Laptop entnervt zu. Der Versuch, den Reformationstag mit Halloween für die nächste Sonntagspredigt unter einen gescheiten Hut zu bekommen, gelang der jungen Pastorin im Storchendorf Linum in Brandenburg einfach nicht. Sie hatte gute Gedanken notiert, doch der Geistesblitz, diese in eine vernünftige Reihenfolge zu bringen und mit Logik und Freude zu verbinden, fehlte ihr – noch.

Maras Blick fiel durch das Fenster in den sonnendurchfluteten Garten und blieb zärtlich an Holger und den Zwillingen Leni und Elena hängen, die mit Eifer und einem Strahlen im Gesicht damit beschäftigt waren, Augen in einen ausgehöhlten Kürbis zu schneiden.

Sie erinnerte sich an ihre eigene Kindheit und an den süßsauer eingelegten Kürbis bei ihrer Großmutter. Schon der Gedanke daran schüttelte sie und trieb ihr den säuerlichen Geschmack auf die Zunge.

Erst als junge, frisch verheiratete Ehefrau wagte sie sich selbst an das orangefarbene Gemüse, servierte es mit einem abwartenden Blick ihrem Gatten, meist gekocht, gebraten oder gebacken. Beide empfanden den Kürbis mittlerweile als Delikatesse in vielfältiger
Form als höchsten Genuss.

Skrupulös sammelte Mara jedes Jahr neue Rezepte und kochte mit Begeisterung Kürbissuppen mit roten Linsen, Paprika und Lauchzwiebeln oder zauberte ein Kartoffel-Kürbis-Gratin.

Sie hatte zum Erntedanksonntag mehrere Bleche mit Kürbiskuchen gebacken und nach dem Gottesdienst verteilt. Etliche Gläser mit Apfel-Kürbis-Marmelade waren eingekocht und füllten die Regale im Keller, die sie gern bei Hausbesuchen als kleines Mitbringsel verschenkte. Und nun, da die Kinder im Kindergarten mit wachsender Begeisterung Kürbislaternen aushöhlten und Augen, Mund und Nase schnitzten, hatte das Halloween-Fest auch in der kleinen protestantischen Familie im kleinen Ort Linum Einzug gehalten.

Sie freute sich schon darauf, wenn die großen leuchtenden Kürbisköpfe den Treppenaufgang des kleinen Pfarrhauses schmückten und die Kinder aus der Nachbarschaft am Halloween-Abend furchtlos im einladenden Licht der orangefarbenen Gesellen ein Stück Pekan¬-Kürbis-Cake zu einer heißen Schokolade verzehren würden.

© Text und Fotos: G. Bessen,

300 Wörter

 

 

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22 Kommentare

  1. und so verschmelzen die Feste
    und was uns als Kind nicht schmeckte, das ist nun in anderer Verarbeitung plötzlich sehr schmackhaft und wird zu einem herbstlichen Lieblingsessen.
    So geht es mir auch, liebe Anna-Lena, dieses süßsäuerliche Kompott früher fand ich eklig und anderes gab es einfach nicht aus Kürbissen.
    Wie sehr hat sich doch die heutige Küche verändert, auch alte Gemüsesorten kommen wieder und der Kürbis feierte sozusagen seine Auferstehung.
    Wobei ich auch viele alte Rezepte koche und sie nicht vergesse, aber ganz bestimmt gibt es bei mir kein sußsäuerliches Kürbiskompott mehr! 🙂

    Ganz herzlich, Bruni aus der Sonne

    Gefällt 2 Personen

  2. Auch ich kannte als Kind keine Kürbisgerichte. Ich kann mich auch nicht erinnern, ihn damals bei uns im Supermarkt gesehen zu haben.
    Heute mögen wir gerne Kürbissuppe und es gibt ja so viele Rezepte.

    Deine Geschichte war wieder einmal so schön und ich staune immer wieder, was Du aus ein paar Wörtern zaubern kannst. Kompliment!!!!

    LG susanne

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 43.44.18 | Wortspende von redskiesoverparadise | Irgendwas ist immer

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