abc-Etüden 39.40.18 (2) Abschied

Christianes

aktuelle Etüdenherausforderung,

mit überzeugenden Illustrationen und einer Wortspende von mir.

Die aktuellen  Wörter lauten:

Kreuzfahrt
gemeingefährlich
stelzen

Abschied

 Anna schaute aufs Meer hinaus und lächelte sanft.

Der Wind spielte mit ihrem schulterlangen blonden Haar und jeder Außenstehende auf dieser Kreuzfahrt hätte auf den ersten Blick an eine junge zufriedene Frau geglaubt, wäre da nicht der Rollstuhl, in dem die junge Frau gefangen war …

Es hatte Annas Eltern, seit Jahren geschieden, sehr viel Kraft gekostet, ihrer Tochter den Wunsch zu erfüllen, gemeinsam als Familie eine Kreuzfahrt zum Nordkap zu machen.

Anna wollte unbedingt einmal die Mitternachtssonne am nördlichen Polarkreis und das legendäre Treiben der Feen und Trolle erleben. Davon hatte sie bereits als Kind gesprochen, beim abendlichen Vorlesen oder wenn Hanne und Martin sie überreden mussten, dass der Strand und das Meer am nächsten Morgen auch noch da seien und Anna nun wirklich ins Bett musste.

Und nun hatten sie es erlebt, wie die Sonne dicht über dem Meer schwebte und das Land in ein geheimnisvolles Licht tauchte. Es war überwältigend gewesen. Anna, Hanne und Martin hingen ihren eigenen Gedanken nach, denn morgen würden sie wieder in Hamburg sein und was dann käme, wussten sie alle nicht.

Als Annas Freundinnen ihre ersten Pubertätswellen durchlebten und die ersten Gehversuche auf High Heels machten, mehr ein Stelzen als ein Gehen, traf die Diagnose Leukämie die kleine Familie wie ein Donnerschlag. Anstelle einer unbeschwerten Jugend durchlief Annas Körper eine gemeingefährliche Chemotherapie nach der anderen und nach einer zweijährigen Erholungsphase, in der Hoffnung und Vertrauen Hochkonjunktur hatten, schlug der Krebs erneut zu. Ein Sturz hätte fatale Knochenbrüche zur Folge.

Anna war beliebt, in der Schule und in der kleinen Stadt, in der sie seit ihrer Geburt lebte. Spendensammlungen und regelmäßige kleine Projekte brachten so viel Geld ein, dass Anna sich ihren Herzenswunsch erfüllen und der Mitternachtssonne begegnen konnte, bevor sie selbst in naher Zukunft ihr junges Leben dem großen Universum zurückgeben würde.

300 Wörter

© G. Bessen

abc-Etüden 39.40.18 Außer Gefecht gesetzt

Christiane lädt wieder zur neuen Etüde ein, mit überzeugenden Illustrationen und einer Wortspende von mir. Danke für deine Mühe, liebe Christiane!

Die heutigen Wörter lauten:

Kreuzfahrt
gemeingefährlich
stelzen

Außer Gefecht gesetzt

 Jemand schien mit mir tanzen zu wollen. Ich stand an einer Treppe, die hinunter zu meiner Kabine führte, doch die Treppe hatte sich irgendwie verdoppelt, ja verdreifacht und schwappte nach vorn und nach hinten, wie Wellen, die bei Flut den Strand im Blickfeld hatten. Wie aus dem Nichts tauchten Gesichter auf der Treppe auf. Gesichter, die tiefroten Flaschentomaten ähnelten und eigenartig verzerrt schienen.

Die Breite der schwappenden Treppen und die in die Länge gezogenen Gesichter machten mir Angst. Der Boden unter meinen Füßen begann bedrohlich zu schwanken.

Meine Beine versagten. Ich wollte zurück in meine Kabine, doch anstatt zu gehen, begann ich wie ein Storch zu stelzen und klammerte mich mit aller Kraft ans Treppengeländer.

Wo war ich nur und was passierte hier eigentlich mit mir? Warum half mir niemand?

Ich versuchte meinen Blick zu fixieren und starrte geradeaus. Wasser, überall Wasser! ‚Du bist auf einer Kreuzfahrt’, flüsterte mir plötzlich eine innere Stimme zu und ich erinnerte mich dunkel daran, in Warnemünde ein großes Schiff betreten zu haben. Dabei hasste ich Kreuzfahrtschiffe, diese schwimmenden Hochhäuser, die schwarzen Dreck in die Luft schleuderten und die Meere und alles, was in ihnen lebte, vergifteten.

Niemand schien Notiz von mir zu nehmen und auf Hilfe konnte ich scheinbar nicht hoffen. Ich musste hier weg. Hier, an der Treppe, schien es gemeingefährlich zu sein und da ich ohnehin nicht Herrin meiner Sinne war, wollte ich keinen Absturz riskieren und womöglich mit gebrochenen Beinen in irgendeinem Krankenzimmer landen.

Plötzlich packten mich starke Arme von rechts und von links, und dann wurde es mir schwarz vor Augen.

Es dauerte ein paar Tage, bis ich wieder völlig im Lot war, doch bisher weiß ich nicht, wer mich mit K.-o.-Tropfen außer Gefecht setzen und mir so schaden wollte. Eine Anzeige gegen unbekannt, das führte ohnehin zu nichts …

300 Wörter

© G. Bessen

 

 

abc-Etüden 37.38.18 (2) Umkehr

Schreibeinladung für die Textwochen

37.38.18 |

 

 

 

Wortspende  und Illustration: Christiane von Irgendwas ist immer

Dort finden sich auch die Neuerungen zum beliebten Schreibprojekt abc-Etüden.

Umkehr

Die Liebe zur Kunst, speziell zur Fotografie, war Constanze schon mit der Muttermilch eingeflossen und nie war sie müde geworden, mit ihrer großen Fototasche und diversen Kameras und Objektiven um die Welt zu reisen, um an unterschiedlichen Orten in der Welt für Reportagen in diversen Magazinen zu fotografieren.

Doch Kriegsschauplätze und Länder, in denen Armut und Not einerseits und Korruption und Machtmissbrauch andererseits an der Tagesordnung sind, verkraftet man nur eine bestimmte Zeit, wenn man nicht selbst vor die Hunde gehen und seelisch einigermaßen gesund bleiben will.

Als Constanze sich entschloss, das aufregende Nomadenleben aufzugeben und nur noch heimische naturnahe Fotoprojekte in Angriff zu nehmen, ging es ihr zunehmend besser. Der Frühling und der Herbst wurden ihre favorisierten Jahreszeiten und als sie ihre brillanten Fotos in Aquarellmalereien umwandeln konnte, die sich gewinnbringend verkaufen ließen, war ihre Lebensplanung eigentlich abgeschlossen.

Ein kleiner Bauernhof in der Brandenburger Schorfheide, ein helles und riesiges Atelier mit großen Fenstern, zwei Hunde und ein Mann, der die Talente seiner begabten Frau förderte, waren die Erfüllung ihrer Wünsche.

Seit diesem Sommer war alles anders. Constanze wollte keine Zeit mehr verschwenden und fühlte sich erneut hinaus in die Welt getrieben, an die Schauplätze, an denen es vehement brodelte. Dorthin, wo jede helfende Hand gebraucht wurde, um Menschen vor dem sinnlosen Ertrinken zu bewahren und dorthin, wo die Menschen nicht einsehen wollten, dass nur ein buntes Miteinander auf Augenhöhe auf Dauer Demokratie und Frieden sichern könnten.

Zu lange hatten die Menschen in ihrer grenzenlosen Gier ignoriert, worauf es auf diesem großartigen Planeten ankam. Er schlug zurück, nicht nur in Form von Naturkatastrophen und extremen Wetterlagen. ’Florence’ und ‚Mangkhut’ werden vergehen und andere Namen werden ihre Schrecken verbreiten und Opfer fordern.

Sie musste los, raus aus ihrer kuscheligen Komfortzone und dokumentieren, was es heißt, in dieser Welt Verantwortung zu tragen.

300 Wörter

© G. Bessen

 

abc-Etüden 37.38.18 Beharrlichkeit

Schreibeinladung für die Textwochen 37.38.18 | Wortspende von Irgendwas ist immer

Pünktlich zum Herbst haben sich auch in den abc-Etüden Neuerungen ergeben. Im Rhythmus von 14 Tagen heißt es nun: 3 Begriffe in maximal! 300 Wörtern.

Es können auch weniger Wörter sein, denn wer weiterhin bei 10 Sätzen bleiben will, kann das tun, ansonsten ist der Fantasie bis zu 300 Wörtern keine Grenze gesetzt. Die Überschrift zählt nicht mit.

Die erste Wortspende ist von Christiane, wie auch die Illustration, da unser Illustrator Ludwig aus triftigen Gründen z.Zt. kein Bloghaus führt.

Liebe Christiane, danke für deine viele Mühe für und deine Geduld mit uns.

Kunst
müde
verschwenden

 

Beharrlichkeit

 „Was soll daran Kunst sein?“

Die zynische Stimme des verhassten Kunstlehrers näherte sich Charlottes Ohren wie ein chronischer Tinnitus und sie zuckte zusammen. Unsicher blickte sie sich um, doch er stand nicht hinter ihr. Um sie herum waren an Kunst interessierte Menschen unterschiedlicher Altersstufen, die wie sie die neue Ausstellung im Museum Barberini in Potsdam genossen und sich dabei wohlfühlten.

Noch immer verfolgte er sie, auch nach so vielen Jahren. Oft wurde sie nachts wach, in Schweiß gebadet, schreckte hoch und sah ihn vor ihrem geistigen Auge, pures Verlangen in seinem irren Blick.

Sie hatte damals weder ihre Eltern noch die Schulleitung eingeschaltet, denn wer hätte ihr geglaubt, einer unscheinbaren und angeblich mittelmäßig talentierten Schülerin der neunten Klasse? Wer hätte sie vor den zahllosen versuchten Zugriffen dieses besessenen Lehrers bewahren können?

Ihre Freundin Melanie hatte die zündende Idee. Und so konnten Charlotte und Melanie nach einem langen Gespräch mit der Vertrauenslehrerin mit Erlaubnis der Schulleitung regelmäßig im Kunstunterricht die gläsernen Schaukästen des weitläufigen Schulgebäudes mit den Werken von Schülerinnen und Schülern der unterschiedlichen Klassenstufen dekorieren und schmücken.

Der Kunstlehrer tobte, entzog sich Charlotte immer wieder seinem Verlangen und seinem direkten Zugriff. Er wurde nicht müde, ihr nachzustellen und wenn er es geschafft hatte, sie nach dem Pausenklingeln alleine im Kunstraum anzutreffen, hatte er nur spöttische und ironische Kommentare für sie übrig. Charlotte ihrerseits nahm die Note ‚ausreichend’ auf dem Zeugnis in kauf, denn es gab genügend Menschen in ihrem Umkreis, die sie liebten und schätzten

Sie ging ihren Weg konsequent, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, sie sei nicht talentiert genug.

Mit Leidenschaft und einem unerschütterlichen Glauben an die richtige Berufswahl kümmert sie sich heute als Kunsttherapeutin um die Gesundheit ihrer kleinen Patientinnen und Patienten, denen sie einen weiteren Schaden an Leib und Seele mit aller Kraft ersparen möchte.

299 Wörter

© G. Bessen

Herbstgeflüster

Nimm dir Zeit,
den Himmel zu betrachten.
Suche Gestalten in den Wolken.
Höre das Wehen des Windes
und berühre das kalte Wasser.
Gehe mit leisen Schritten.

(indianische Weisheit)

Nach Vielfalt riecht die Luft.
Die Blätter färben sich.
Wolken jagen über den Himmel,
spielerisch dem Wind ergeben.
Kühle liegt in der Luft,
Vorboten des Herbstes
und ein Hauch Vergänglichkeit.

© Text und Foto: G. Bessen

 

Die Kastanie in der Geranie

 

Die Kastanie in der Geranie

Sanft plumpste sie in die Geranie,
die braune, glänzende Kastanie,
landete weich und unverletzt,
samt Schale auf dem Blätternetz.

Die Geranie irritiert,
verwundert, wer sich da verirrt,
beugt sich mit Vorsicht weit nach unten,
den Schrecken noch nicht ganz verwunden.

„Was machst du da auf meinem Blatt?
Es sticht und kribbelt und ist hart.
Von mir aus kannst du liegen bleiben,
doch vorher musst du dich entkleiden!
Du tust mir weh mit deiner Schale,
die hinterlässt hässliche Male.“

„Entkleiden?“, fragt die Kastanie und wird rot.
„Die Schale brauch‘ ich in der Not.
Wenn das Wasser kommt, ist sie mein Boot.“

„Nun gut, dann bleib halt wo du bist.
So lange in mir Leben ist,
kannst du dich ganz auf mich verlassen,
ich werde dich nicht fallen lassen.“

© Text und Foto: G. Bessen