Betreten erwünscht!

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Still und ergeben erstreckt er sich über mehrere Etagen, immer wieder variierend in seiner farblichen Gestaltung und der Anordnung seiner Muster.Unzählige Augenpaare haben ihn betrachtet, bewundert, abgeschätzt und wertgeschätzt und nur er könnte preisgeben, wie viele Füße ihn im Laufe der Jahrzehnte berührt haben.

Erwähnt werden sollten auch all die Knie, die auf ihm weilten, die fleißigen Hände, die ihn schrubbten und bis heute für sein strahlendes Aussehen sorgten.

Es gab eine Zeit der Schulmädchenfüße, die es oft eilig hatten und geräuschvoll über seine immer glänzende Oberfläche gelaufen sind. Junge Füße sind oft verhalten über ihn gehuscht, den drohenden Zeiger der Uhr mit der Verspätung im Nacken und der Hoffnung, nicht erwischt zu werden. Er lernte Füße mit energischem Schritt kennen, zielgerichtet und selbstbewusst und wusste bald, welche Füße wann und in welche Richtung gingen. Aber auch die Füße der Ruhe und der inneren Gelassenheit begegneten ihm und noch heute empfindet er ihren ausgleichenden Charakter als sehr wohltuend.

Voller Anteilnahme erfasste er die Füße, die nicht mehr so schnell sein konnten, wie sie vielleicht wollten, wenn die Beine zu müde waren oder der Körper insgesamt, oft schwer und träge, in die Jahre gekommen war. Immer häufiger erspürte er schleppende Schritte und dazu die Räder der fahrbaren Gehhilfen.

Ja, sie alle waren in die Jahre gekommen und doch fühlten sie sich immer noch miteinander verbunden, heimisch und geerdet.

 

©Text und Fotos: G. Bessen

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19 Kommentare

  1. Was für ein feinsinniger und liebevoller Text über die alten Fliesen Deiner Schulzeit in Holland, liebe Anna-Lena.

    Ich fand sie immer wunderschön, diese alten Fliesen mit den schlichten Mustern und bin immer ganz angenehm berührt, wenn ich sie irgendwo entdecke. Leider sind sie allzu oft rausgerissen und durch häßliche Beläge ersetzt worden

    Ganz herzliche Grüße von Bruni

    Gefällt 2 Personen

  2. Ein gaaaanz toller Beitrag. Ich stelle mir gerade das Treppenhaus in einem Altbau in Berlin vor, ein Haus mit hohen Zimmern und stuckverzierten Decken. Ein Haus, was Geschichten erzählt….von Familien mit kleinen Kindern, mit Jugendlichen, von jung verheirateten Ehepaaren, von älteren Ehepaaren, wo die Kinder inzwischen ausgezogen sind, von Senioren, die noch rüstig sind, aber auch von kranken, alleinstehenden Menschen, die nur noch ab und zu Besuch bekommen, die Ihr Essen geliefert bekommen und wo der Lieferbote vielleicht der einzige menschliche Kontakt am Tag ist.
    LG Susanne

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Susanne,
      diese Altbauten gibt es noch und sicher nicht nur in Berlin. Da springt auch gleich mein Kopfkino an und wenn die Wände, Decken und Fußböden erzählen könnten, was sie alle erlebt haben, säßen wir gebannt wie die kleinen Kinder da und würden zuhören … .Zum Glück gibt es gute Bücher und Filme, die uns aus vergangenen Zeiten erzählen können.

      Mit lieben Grüßen
      Anna-Lena

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