Auf dem Weihnachtsweg: 10. Dezember und 2. Advent

Weihnachten

Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh‘ ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus ins weite Feld,
Hehres Glänzen, heil’ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schnees Einsamkeit
Steigt’s wie wunderbares Singen –
O du gnadenreiche Zeit!

Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff
(1788 – 1857), deutscher Dichter, Novellist und Dramatiker
https://www.aphorismen.de/gedicht/18958

Markt und Straßen steh’n verlassen,
– verlassen? – Vielleicht wenn der Weihnachtsmarkt zu ist!
still erleuchtet jedes Haus;
– still erleuchtet? – Da flackert es schreiend bunt! Was für Stromkosten!
sinnend geh ich durch die Gassen,
– gehen? – Die Menschenmassen schieben dich!
alles sieht so festlich aus.
– festlich? – Vieles eher kitschig!

An den Fenstern haben Frauen
– an den Fenstern? – Fassaden, Dächer, Vorgärten sind aufgerüstet!
buntes Spielzeug fromm geschmückt,
– fromm? – Die geben ein Heidengeld dafür aus!
tausend Kindlein steh’n und schauen,
– steh’n? – Die laufen vorbei und machen’s kaputt!
sind so wunderstill beglückt.
– beglückt? – Höchstens noch im Kleinkindalter!

Und ich wandre aus den Mauern
– wandern? – Dazu hab’ ich keine Zeit! Doch nicht jetzt!
bis hinaus ins freie Feld.
– freies Feld? – Da müsste ich weit fahren!
Hehres Glänzen, heilges Schauern,
– heilig? – Eher handfester Konsum!
wie so weit und still die Welt!
– still? In der Weihnachtszeit? Wo denn das?

Sterne hoch die Kreise schlingen;
– Sterne? – Seh’ ich in der Stadt vor lauter Lichtern nicht!
aus des Schnees Einsamkeit
– Schnee? – Wann hatten wir das letzte Mal weiße Weihnacht?
steigt’s wie wunderbares Singen.
– Singen? Singt noch jemand Weihnachtslieder?
O
du gnadenreiche Zeit!
– Zeit? – Gnadenreiche Zeit? Vielleicht nach Weihnachten!

(Mit freundlicher Erlaubnis zur Veröffentlichung von einer Bekannten)

 

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15 Kommentare

  1. Pingback: Unerwartet – Typewriterfool

  2. Eine mit Eichendorff-Stimmung, die bin ich auch und weiterhin unverbesserlich. Schließlich handelt es sich bei *Markt und Straßen stehn verlassen* bei mir um eine außerordentlich starke Kindheitserinnerung. Müßte ich weit laufen, um die Stille zu finden, wäre es mir auch nicht mehr wohl und die übermäße Weihnachtsbeleuchtung übersehe ich, soweit es geht und ist da ein Haus, ganz und gar eingebettet in Glitzerkram und es leuchtet und blinkt überall, dann gelingt es mir locker, es nicht ernst zu nehmen und mich darüber zu amüsieren 🙂
    Aber für mich ist Weihnachten auch eher ein traditionelles und kein in erster Linie religiöses Fest.

    Brauchen wir nicht alle das Licht in der Nacht und hier haben wir es.

    Liebe unverbesserliche Brunigrüße am verschneiten Aventssonntag

    Gefällt 1 Person

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