Aus dem Polizeibericht… oder Tratsch im Treppenhaus

Aus dem Polizeibericht… oder Tratsch im Treppenhaus

Niemand wusste Genaues über das zurückgezogen lebende  Ehepaar im Hochhaus ‚Am Weiher 6’ und es interessierte eigentlich auch niemanden. So war es üblich in dem Hochhaus mit den einunddreißig Stockwerken, fünf unterschiedlich große Wohnungen auf jeder Etage.  Man kannte bestenfalls den Nachbarn rechts und links, warf sich im Fahrstuhl einen flüchtigen Gruß zu – wenn überhaupt – und ging seiner Wege.

Das Ehepaar, das seit fünf Jahren in einer Zweizimmerwohnung gegenüber dem Fahrstuhl lebte, hatte keine Kontakte, auch nicht zu den unmittelbaren Nachbarn. Die jedoch wussten an diesem Morgen eine Menge zu berichten und trugen alles zusammen, was sie aus ihren spärlichen Beobachtungen, dem Hören-Sagen anderer erfahren hatten und was auch nicht zu überhören war….

So trug es sich zu, dass Frau M. drei Nachmittage in der Woche, teils in sehr aufreizender Kleidung und stark geschminkt, das Haus verlassen und erst spät in der Nacht zurück gekommen sei. Herr M. verließ das Haus ganz selten und wenn, dann in Begleitung seiner Frau, denn er war stark gehbehindert und konnte sich nur mit zwei Krücken fortbewegen. Allerdings war nicht zu überhören, dass er täglich zum Müllschlucker auf dem Flur humpelte und lautstark Flaschen hineinwarf.

Man munkelte etwas von „ die vielen Flaschen können doch nur Schnapsflaschen sein“ – „wer weiß, ob sie nicht auf den Strich gegangen ist, von irgend etwas mussten die ja leben und seinen Alkoholismus finanzieren“.

Der unmittelbare Nachbar rechts von ihnen erinnerte sich plötzlich an „seine laute Stimme, die regelmäßig zu hören war, gefolgt von einem Weinen der Frau“. „Sie trug häufig eine Sonnenbrille, auch wenn keine Sonne schien. Vielleicht hat er sie verprügelt, so dass sie ihre blauen Augen verdecken musste.“

Ob sie je Besuch hatten? „Nein, sie haben sehr zurück gezogen gelebt. Besuch hatten sie nie, wahrscheinlich auch keine Kinder.“

Kommentarlos schrieb der junge Kriminalbeamte auf, was die Menschen aus dem Haus ‚Am Weiher 6’ ihm mitteilten, während der zerschundene Körper der Frau mit dem gebrochenen Genick  in die Gerichtsmedizin abtransportiert wurde. Ein Spaziergänger hatte die Leiche früh um sechs, nach einem Sturz vom Balkon aus der zwölften Etage, entdeckt.

Mord oder Selbstmord? Ein Fall wie so viele in der Anonymität der Großstadt. Der Kriminalbeamte hoffte auf eine schnelle Aufklärung.

©G. Bessen