Bereit sein

 

Es gibt keine Grenzen.
Nicht für den Gedanken,
nicht für die Gefühle.
Die Angst setzt die Grenzen.

(Ingmar Bergman)

Bereit sein

Es war ein ganz normaler Sonntagmorgen und doch spürte Antonia beim Aufstehen, dass dieser Tag ein besonderer werden würde. Wie jeden Morgen schlurfte sie nach dem Waschen und Anziehen in ihre gemütliche Küche, setzte heißes Wasser auf und brühte sich einen starken Filterkaffee. Von ihrer kleinen Küche, mit dem abgewetzten schwarz-weiß gefliesten Boden, kam sie direkt auf die Terrasse. Sie sog die frische Morgenluft tief ein und begrüßte die Spatzen, die sich eifrig im Vogelhäuschen nach frischen Körnern umsahen.

Es ging auf Ende November zu. Die Sonne ging gerade hinter der alten Kastanie auf und schickte ein paar wärmende Strahlen zu ihr herüber. Es war unglaublich mild, viel zu warm für diese Jahreszeit. Sie rückte eine alte Wolldecke auf der Holzbank zurecht, die sie im Sommer hatte streichen wollen. Aber die Fingergelenke hatten so geschmerzt, dass sie dieses Vorhaben erst einmal verschoben hatte.

Mit leicht zitternden Händen umschloss sie die Kaffeetasse, die sie sich den Schoß gestellt hatte. Sonntags trug sie immer ein schwarzes, knöchellanges Kleid mit einem weißen Spitzenkragen. Sie hatte es sich zur Goldenen Hochzeit gekauft, weil Michael  es so geliebt hatte. Nach seinem Tod hatte sie es ihm zuliebe wieder herausgeholt, denn der Sonntag war der Tag in der Woche gewesen, den sie ganz allein miteinander verbrachten und sich durch nichts und niemanden stören ließen. Und als sie in den blauen Himmel blickte, war ihr, als lächelte Michael ihr zu. Heute fühlte sie sich ihm besonders nahe.

Irgendetwas war heute anders, aber sie konnte nicht  erspüren, was es war. Sie blieb lange auf ihrer Gartenbank sitzen und  schaute sich  in ihrem kleinen Garten um. Alles war wie sonst und doch war alles anders.  Sie lauschte in ihren Körper hinein und spürte den langsamen Kräfteverfall von Tag zu Tag mehr. Ihr Gehirn arbeitete immer noch wie ein präzises Uhrwerk, doch manchmal war ihr, als setzte ihr Denkvermögen für kurze Zeit aus. War der Schwindel vorüber, verwarf sie alle trüben Gedanken, die sich in solchen Momenten aufzudrängen versuchten. Michael  würde mit ihr schimpfen, wenn er wüsste, dass sie seit seinem Tod nicht mehr beim Arzt war. Die Ärzte hatten ihm nicht mehr helfen können und sie glaubte schon lange nicht mehr an ihre eigene Heilung. Nicht, dass sie ernsthaft krank war, aber mit Anfang achtzig  hat man naturbedingt das eine oder andere Zipperlein. Alle Tabletten, die sie nehmen musste, gegen Bluthochdruck,  Magenbeschwerden, Gicht und Cholesterin hatte sie in die Toilette geworfen und zugesehen, wie die kleinen bunten Pillen zerschmolzen und eine Flüssigkeit wie Himbeersaft hinterließen. Nach einer Weile  hatte sie den Himbeersaft hinuntergespült und sich über den gewonnenen Platz in ihrer Nachttischschublade gefreut.

Antonia war eine Frau, die immer alles genauestens geregelt haben wollte. Sie ging in Gedanken alles durch, was sie in der letzten Zeit erledigt hatte. Zufrieden, auch nichts vergessen zu haben, schlurfte sie in die Küche und brühte sich eine zweite Tasse Kaffee.

Ein Toastbrötchen mit Honig war alles, was sie zu sich nahm.

Sie vernahm die Stille um sich herum und ihr fiel auf, dass sie entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit das Radio nicht eingeschaltet hatte. Merkwürdig, sie hatte – im Gegensatz zu sonst – keinerlei Bedürfnis, Nachrichten zu hören. Auch die Sonntagszeitung, die sicherlich in ihrem Briefkasten steckte, holte sie nicht rein.

‚Ob es so weit war’? ,schoss es ihr durch den Kopf. Sie räumte ihren Teller, das Messer  und ihre Tasse ins Spülbecken, wusch  ab und stellte alles sorgfältig wieder in den Schrank.

Sie schlurfte in die gemütliche Wohnstube und schaute im Schreibfach ihres Sekretärs nach. In einer kleinen bunten Metallkiste mit  bunten Weihnachtsmotiven lagen diverse Briefe für verschiedene Empfänger. Oben in der rechten Ecke klebten fein säuberlich Briefmarken.

Sie nahm die Briefe heraus und legte sie auf den Wohnzimmertisch.

Nur einen Brief mit einem cremefarbenen Umschlag, ohne Briefmarke, behielt sie in der Hand. Er bekam einen gesonderten Platz auf einem Schränkchen gegenüber der Eingangstür, sichtbar für jeden, der den Flur von außen betrat. Neben den Brief stellte sie eine Flasche Eierlikör, den ihre Nachbarin Ilse so gerne mochte.

Antonia schloss die Fenster, zog die schweren Vorhänge zu und setzte sich in ihren Fernsehsessel. So war es gut. Wenn Ilse irgendwann kam und das würde spätestens morgen sein, würde sie den Brief und den Eierlikör finden und wissen, was zu tun sei.

Ja, heute war der Tag, Antonia spürte es genau. Sie hatte so oft in letzter Zeit Zwiesprache mit dem lieben Gott gehalten, dass er sie endlich holen möge. Sie war bereit.

Antonia legte sich ihre Decke über den Körper und schloss die Augen. Um sie herum war es ganz still. Sie dachte an Michael, nach dem sie sich so sehr sehnte und plötzlich sah sie ein gleißendes Licht. Die Umrisse von Michaels Gesicht nahmen immer mehr Konturen  an. Wie ein Anker wirkten  seine graublauen Augen.  Antonia versank darin und glitt sanft in die Ewigkeit hinüber.

 

© G.Bessen