Auf dem Weihnachtsweg

Auf dem Weihnachtsweg 2017

Morgen beginnt der Advent, eine Zeit, um deren Geschäftigkeit wir wissen und der wir uns nur bedingt entziehen können. Aber es ist auch die Zeit des Innehaltens, die Zeit um selbst ein wenig zur Ruhe zu kommen und die Vorweihnachtszeit, das Fest der Liebe, und den beginnenden Jahresausklang bewusst zu erleben und zu gestalten.

Auch in diesem Jahr werde ich hier einen kleinen Weihnachtsweg gestalten, mit selbst Geschriebenem, Gedanken von anderen, die mir erlaubt haben, sie hier einzustellen, mit den traditionellen Gedichten längst verstorbener Schriftsteller und … ja, lasst Euch überraschen. Es wird sowohl profanes als  auch religiöses Gedankengut dabei sein und jeder sollte sich das ansehen, was zu ihm und seiner Einstellung passt.

 

Ich wünsche Euch eine stimmungsvolle
und leuchtende Adventszeit.

„Die Adventszeit ist eine Zeit,
in der man Zeit hat,
darüber nachzudenken,
wofür es sich lohnt,
sich Zeit zu nehmen.“
©Gudrun Kropp

abc.etüden 48.17

Die Wörter der heutigen abc.etüde stammen von Frau Myriade vom Blog la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée  und lauten:

 

 

Flussbett
langwierig
klöppeln

abc.etüde 48.17

Vorfreude in Siebenbrunn

Eine zarte Puderzuckerdecke hatte sich über das Vogtland gelegt und das Novembergrau bekam dadurch einen freundlicheren Anstrich.

Grete schob ihre Brille ein wenig höher und begutachtete ihren ersten fertiggestellten Christbaumschmuck für den diesjährigen Weihnachtsmarkt.
Sterne, Engel und Weihnachtsmänner blickten ihr zart und fein entgegen und diese filigrane Arbeit erfüllte sie mit Stolz, aber gleichzeitig mit Sorge, denn das Alter war ihr in die Hände gekrochen und von Jahr zu Jahr wurde es mit ihrer Gelenkarthrose mühsamer für sie zu klöppeln.

Die Frauen ihres Ortes hatten sich vor einigen Jahren zusammengeschlossen und sich vorgenommen, diese traditionelle Handarbeit ihrer Heimat aufrechtzuerhalten und an die Jüngeren weiterzugeben.

Der Prozess der Überzeugung war langwierig, ohne Frage, denn Handarbeit schien generell immer mehr aus der Mode zu kommen.
Warum sich abmühen, wenn Textilien woanders hergestellt und in unseren Geschäften zu Schleuderpreisen wieder verkauft wurden, ohne zu hinterfragen, wie sie in den jeweiligen Ländern und unter welchen sozialen Bedingungen entstanden?
Das war im Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler der hiesigen Schullandschaft noch nicht so angekommen, bis Frau Petermann aus Chemnitz als neue Direktorin des Schiller-Gymnasiums erreichte, Handarbeit und speziell das Klöppeln als Wahlfach einzurichten.

In ihrer mitreißenden und freundlichen Art schaffte sie es, zwei Kurse bis an die Obergrenze zu füllen und im Ort Siebenbrunn war wahrhaftig das Klöppelfieber bei Jung und Alt ausgebrochen, sodass die Alten zufrieden, die Jungen mit Feuereifer dabei waren und nur so gelang es , das Miteinander im Ort wieder in gute und gemeinschaftliche Bahnen zu lenken.

Der Weihnachtsmarkt war gut organisiert, die Werbung lief in vollen Zügen und Siebenbrunn erwartete ein gutes Geschäft, dessen Erlös der Infrastruktur des Ortes zugutekommen sollte. Nur die Weiße Elster bewahrte die Ruhe und schlängelte sich, gespannt auf das, was kommen würde, durch ihr breites Flussbett.

© G. Bessen

abc.etüden 47/17

3 Wörter von Wortgerinnsel  Pissnelke, krümelig, verdrehen vorgegeben, Ludwig Zeidler hat die Grafik erstellt und Christiane hat wieder aufgerufen:

3 Wörter in zehn Sätzen = Kurzgeschichte

 Das Sprachniveau

„Opa, was ist eine Pissnelke?“ , fragte die knapp vierjährige Frieda ihren Opa, dessen Kopf ruckartig nach oben schoss und der die Zeitung, die von seinen Knien rutschen wollte, samt Lesebrille im letzten Moment auffing.
„Ähm – wer will das wissen?“, fragte Opa Michael, nun hellwach.
„Meike, eine von den Erzieherinnen, hat das heute zur Köchin Olga gesagt und ich weiß nicht, was das ist.“
Friedas Ton klang etwas genervt, ein klares Zeichen, dass Opa Michael nun Rede und Antwort stehen sollte, während sie emsig dabei war, einen Zwieback als Futtergabe für das Vogelhäuschen zu zerkleinern. Auf dem Tisch vor ihr sah es äußerst krümelig aus und Michael musste sich zusammenreißen, um nicht die Augen zu verdrehen, denn wenn Oma Gitti gleich um die Ecke schoss, gab es womöglich Ärger.

Zu spät – Oma Gitti blickte zuerst ihre Enkelin, dann ihren Gatten an, strafend der Blick.

Pissnelke, das sollte man eigentlich nicht sagen, denn das ist eine Beleidigung für einen Menschen und ich glaube, das ist der Meike rausgerutscht, weil sie sich über die Olga geärgert hat“, klärte die Pädagogin im Ruhestand die kleine Frieda auf.

Der Blick, den sie Michael zuwarf, bedeutete genau das, worüber sie in letzter Zeit oft diskutierten: die Frage, wie sie einer Verrohung der Sprache entgegen wirken konnten.
Sie hatten beschlossen, Frieda so viel wie möglich vorzulesen, um ihren Sprachschatz auf einem gewissen Sprachniveau zu erweitern und um sie zu motivieren, bald selbst das Lesen lernen zu wollen.

Frieda blickte nachdenklich aus dem Fenster und fragte dann unvermittelt, warum sich ihr Opa so oft über den Nachbarn ärgere, wenn er sich bei Oma Gitti beschwerte, was der Nachbar, das blöde Arschloch, wieder alles angestellt hatte…

© G. Bessen

Aus dem Polizeibericht… oder Tratsch im Treppenhaus

Aus dem Polizeibericht… oder Tratsch im Treppenhaus

Niemand wusste Genaues über das zurückgezogen lebende  Ehepaar im Hochhaus ‚Am Weiher 6’ und es interessierte eigentlich auch niemanden. So war es üblich in dem Hochhaus mit den einunddreißig Stockwerken, fünf unterschiedlich große Wohnungen auf jeder Etage.  Man kannte bestenfalls den Nachbarn rechts und links, warf sich im Fahrstuhl einen flüchtigen Gruß zu – wenn überhaupt – und ging seiner Wege.

Das Ehepaar, das seit fünf Jahren in einer Zweizimmerwohnung gegenüber dem Fahrstuhl lebte, hatte keine Kontakte, auch nicht zu den unmittelbaren Nachbarn. Die jedoch wussten an diesem Morgen eine Menge zu berichten und trugen alles zusammen, was sie aus ihren spärlichen Beobachtungen, dem Hören-Sagen anderer erfahren hatten und was auch nicht zu überhören war….

So trug es sich zu, dass Frau M. drei Nachmittage in der Woche, teils in sehr aufreizender Kleidung und stark geschminkt, das Haus verlassen und erst spät in der Nacht zurück gekommen sei. Herr M. verließ das Haus ganz selten und wenn, dann in Begleitung seiner Frau, denn er war stark gehbehindert und konnte sich nur mit zwei Krücken fortbewegen. Allerdings war nicht zu überhören, dass er täglich zum Müllschlucker auf dem Flur humpelte und lautstark Flaschen hineinwarf.

Man munkelte etwas von „ die vielen Flaschen können doch nur Schnapsflaschen sein“ – „wer weiß, ob sie nicht auf den Strich gegangen ist, von irgend etwas mussten die ja leben und seinen Alkoholismus finanzieren“.

Der unmittelbare Nachbar rechts von ihnen erinnerte sich plötzlich an „seine laute Stimme, die regelmäßig zu hören war, gefolgt von einem Weinen der Frau“. „Sie trug häufig eine Sonnenbrille, auch wenn keine Sonne schien. Vielleicht hat er sie verprügelt, so dass sie ihre blauen Augen verdecken musste.“

Ob sie je Besuch hatten? „Nein, sie haben sehr zurück gezogen gelebt. Besuch hatten sie nie, wahrscheinlich auch keine Kinder.“

Kommentarlos schrieb der junge Kriminalbeamte auf, was die Menschen aus dem Haus ‚Am Weiher 6’ ihm mitteilten, während der zerschundene Körper der Frau mit dem gebrochenen Genick  in die Gerichtsmedizin abtransportiert wurde. Ein Spaziergänger hatte die Leiche früh um sechs, nach einem Sturz vom Balkon aus der zwölften Etage, entdeckt.

Mord oder Selbstmord? Ein Fall wie so viele in der Anonymität der Großstadt. Der Kriminalbeamte hoffte auf eine schnelle Aufklärung.

©G. Bessen

Bereit sein

 

Es gibt keine Grenzen.
Nicht für den Gedanken,
nicht für die Gefühle.
Die Angst setzt die Grenzen.

(Ingmar Bergman)

Bereit sein

Es war ein ganz normaler Sonntagmorgen und doch spürte Antonia beim Aufstehen, dass dieser Tag ein besonderer werden würde. Wie jeden Morgen schlurfte sie nach dem Waschen und Anziehen in ihre gemütliche Küche, setzte heißes Wasser auf und brühte sich einen starken Filterkaffee. Von ihrer kleinen Küche, mit dem abgewetzten schwarz-weiß gefliesten Boden, kam sie direkt auf die Terrasse. Sie sog die frische Morgenluft tief ein und begrüßte die Spatzen, die sich eifrig im Vogelhäuschen nach frischen Körnern umsahen.

Es ging auf Ende November zu. Die Sonne ging gerade hinter der alten Kastanie auf und schickte ein paar wärmende Strahlen zu ihr herüber. Es war unglaublich mild, viel zu warm für diese Jahreszeit. Sie rückte eine alte Wolldecke auf der Holzbank zurecht, die sie im Sommer hatte streichen wollen. Aber die Fingergelenke hatten so geschmerzt, dass sie dieses Vorhaben erst einmal verschoben hatte.

Mit leicht zitternden Händen umschloss sie die Kaffeetasse, die sie sich den Schoß gestellt hatte. Sonntags trug sie immer ein schwarzes, knöchellanges Kleid mit einem weißen Spitzenkragen. Sie hatte es sich zur Goldenen Hochzeit gekauft, weil Michael  es so geliebt hatte. Nach seinem Tod hatte sie es ihm zuliebe wieder herausgeholt, denn der Sonntag war der Tag in der Woche gewesen, den sie ganz allein miteinander verbrachten und sich durch nichts und niemanden stören ließen. Und als sie in den blauen Himmel blickte, war ihr, als lächelte Michael ihr zu. Heute fühlte sie sich ihm besonders nahe.

Irgendetwas war heute anders, aber sie konnte nicht  erspüren, was es war. Sie blieb lange auf ihrer Gartenbank sitzen und  schaute sich  in ihrem kleinen Garten um. Alles war wie sonst und doch war alles anders.  Sie lauschte in ihren Körper hinein und spürte den langsamen Kräfteverfall von Tag zu Tag mehr. Ihr Gehirn arbeitete immer noch wie ein präzises Uhrwerk, doch manchmal war ihr, als setzte ihr Denkvermögen für kurze Zeit aus. War der Schwindel vorüber, verwarf sie alle trüben Gedanken, die sich in solchen Momenten aufzudrängen versuchten. Michael  würde mit ihr schimpfen, wenn er wüsste, dass sie seit seinem Tod nicht mehr beim Arzt war. Die Ärzte hatten ihm nicht mehr helfen können und sie glaubte schon lange nicht mehr an ihre eigene Heilung. Nicht, dass sie ernsthaft krank war, aber mit Anfang achtzig  hat man naturbedingt das eine oder andere Zipperlein. Alle Tabletten, die sie nehmen musste, gegen Bluthochdruck,  Magenbeschwerden, Gicht und Cholesterin hatte sie in die Toilette geworfen und zugesehen, wie die kleinen bunten Pillen zerschmolzen und eine Flüssigkeit wie Himbeersaft hinterließen. Nach einer Weile  hatte sie den Himbeersaft hinuntergespült und sich über den gewonnenen Platz in ihrer Nachttischschublade gefreut.

Antonia war eine Frau, die immer alles genauestens geregelt haben wollte. Sie ging in Gedanken alles durch, was sie in der letzten Zeit erledigt hatte. Zufrieden, auch nichts vergessen zu haben, schlurfte sie in die Küche und brühte sich eine zweite Tasse Kaffee.

Ein Toastbrötchen mit Honig war alles, was sie zu sich nahm.

Sie vernahm die Stille um sich herum und ihr fiel auf, dass sie entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit das Radio nicht eingeschaltet hatte. Merkwürdig, sie hatte – im Gegensatz zu sonst – keinerlei Bedürfnis, Nachrichten zu hören. Auch die Sonntagszeitung, die sicherlich in ihrem Briefkasten steckte, holte sie nicht rein.

‚Ob es so weit war’? ,schoss es ihr durch den Kopf. Sie räumte ihren Teller, das Messer  und ihre Tasse ins Spülbecken, wusch  ab und stellte alles sorgfältig wieder in den Schrank.

Sie schlurfte in die gemütliche Wohnstube und schaute im Schreibfach ihres Sekretärs nach. In einer kleinen bunten Metallkiste mit  bunten Weihnachtsmotiven lagen diverse Briefe für verschiedene Empfänger. Oben in der rechten Ecke klebten fein säuberlich Briefmarken.

Sie nahm die Briefe heraus und legte sie auf den Wohnzimmertisch.

Nur einen Brief mit einem cremefarbenen Umschlag, ohne Briefmarke, behielt sie in der Hand. Er bekam einen gesonderten Platz auf einem Schränkchen gegenüber der Eingangstür, sichtbar für jeden, der den Flur von außen betrat. Neben den Brief stellte sie eine Flasche Eierlikör, den ihre Nachbarin Ilse so gerne mochte.

Antonia schloss die Fenster, zog die schweren Vorhänge zu und setzte sich in ihren Fernsehsessel. So war es gut. Wenn Ilse irgendwann kam und das würde spätestens morgen sein, würde sie den Brief und den Eierlikör finden und wissen, was zu tun sei.

Ja, heute war der Tag, Antonia spürte es genau. Sie hatte so oft in letzter Zeit Zwiesprache mit dem lieben Gott gehalten, dass er sie endlich holen möge. Sie war bereit.

Antonia legte sich ihre Decke über den Körper und schloss die Augen. Um sie herum war es ganz still. Sie dachte an Michael, nach dem sie sich so sehr sehnte und plötzlich sah sie ein gleißendes Licht. Die Umrisse von Michaels Gesicht nahmen immer mehr Konturen  an. Wie ein Anker wirkten  seine graublauen Augen.  Antonia versank darin und glitt sanft in die Ewigkeit hinüber.

 

© G.Bessen

 

 

abc.etüden 46/17

Die Wörter für die Textwoche 46.17 spendete Petra Schuseil (wesentlichwerdenblog.wordpress.com) und sie lauten:

Stilblüte
banal
jodeln

Die visuellen Schmankerl, wie immer, von Ludwig Zeidler.

 

Stilblüten sind eine Sache, bei der jeder banale Rotstift ins Hüpfen kommt  und der Lehrer das Jodeln lernen kann.

Der folgende Aufsatz entstand, nachdem das Schneeballverbot in der Hofpause wieder einmal missachtet wurde und ein Schneeball durch das offene Lehrerzimmerfenster flugs in die Kaffeetasse einer Kollegin klatschte, deren weißer Rolli im Handumdrehen weiß-braun gesprenkelt war. Wer sich nun wundert, warum Lehrer im Winter bei offenem Fenster im Lehrerzimmer sitzen, dem sei geflüstert, dass es Zeiten gab, in denen man in der Schule – im Lehrerraucherzimmer – noch rauchen durfte.

„Das Schneballwerfen ist in der Schule verboten weil, es schlimme folgen haben kann Z.B. Es können im Schneeball Steine sein und das kann´s in das Auge gehen und dann Kann man Blind werden. Und auch Z.B. Kann das ins Ohr gehen und dann Kann man Ohrenschmerzen bekommen. Mann kann Schneebälle auf die Nase bekommen und bekommt Nasenbluten. Man Kann auch durch ein Eisball am Bein getroffen werden und man bekommt Blaue Flecken. Wenn ein Schneball zu einem Eisball geworden ist und man wird am Kopf getroffen Kann man auch eine leichte Verletzung herbeitragen. Das war mein Aufsatz über Schneebälle und seine Folgen.“

(Der Verfasser ist der Autorin bestens bekannt  🙂 )

 

© G. Bessen