Wehmut

Sie konnte ihren Blick nicht von der letzten Blütenpracht der Sommerblumen losreißen und um ihren Mund lag ein wehmütiger Zug. Ihr Gesicht und ihre Augen spiegelten, was sie dachte. Als fühlte sie, dass ich in ihrer Nähe stand und sie beobachtete, drehte sie sich um, schaute mich mit traurigen Augen an und sagte: “Der Sommer ist wohl vorbei.“
Sie hatte ihn genossen. Ihre Gesichtshaut war tiefbraun, ihre vom Leben gezeichneten Züge hatten sich vertieft. Doch ihre zahlreichen Falten zu dem kurzen Haarschnitt vermittelten das Bild einer Frau, die viel erlebt und sich von nichts aus der Fassung bringen ließ.

Was ging in ihr vor, was sie nicht sagte? Die Hoffnung, einen weiteren Sommer erleben zu dürfen?
Das Alter verändert den Menschen, macht ihn sensibler für das, was immer näherkommt, der Abschied für immer, wenn der Körper sein Leben gelebt hat, die Kraft nachlässt und die Lebensuhr abläuft. Genau das konnte ich in ihrem Blick lesen.

Sie straffte sich, als gäbe sie sich einen inneren Ruck, nahm ihre Tasche und wir verabschiedeten uns, in der Hoffnung auf ein Wiedersehen im kommenden Sommer.

©Text und Foto: G. Bessen

10 Kommentare

  1. Die Wehmut verspüre ich auch jedes Jahr zum Ende des Sommers, aber ich hoffe doch noch viele Sommer zu erleben 😉

    Deine Geschichte macht nachdenklich und auch ein klein wenig traurig, denn unser Leben ist letztendlich irgendwann vorbei, auch wenn wir es nicht so gerne wahr haben wollen,
    Aber jetzt wollen wir wieder positiv denken und freuen uns darauf gemeinsam die nächsten Jahreszeiten im Bloggerland erleben zu dürfen 🙂
    Hab ein schönes WE
    Susanne

    Gefällt 1 Person

  2. Es ist nicht unbedingt der Sommer, dessen Ende uns mit Wehmut erfüllt, es ist das Vergehen einer Jahreszeit, die prall gefüllt mit Leben war und zeigt, uns/ihr wie vergänglich auch die stärkste Kraft ist.

    Was danach kommt, scheint nur noch Vergehen zu sein, auch wenn es noch so wunderschön in goldenes Licht verpackt ist.
    Der Herbst des Lebens… ist bei uns/ihr angekommen.
    Doch es ist das Bereitmachen zur Ruhe, zur Erholung, Entspannung, damit die gesamte Natur sich dann, nach der dringend benötigten Ruhe, wieder erneuern kann, denn sie hat so viel geleistet und all ihre Kräfte sind nun verbraucht.

    In Deinen wundervollen Zeilen ist es ein Mensch, der das Vergehen sehr deutlich bemerkt, weil er wohl immer sehr intensiv gelebt hat.
    Es ist nicht einfach, dieses Altern, das Vergehen, das Nachlassen der Kräfte zu erkennen. Oh ja, es macht wehmütig, liebe Anna-Lena, manchmal sehr und oft ist es kaum erträglich, darum zu wissen… und nun anders mit sich umgehen zu müssen als früher, selbst vor einigen Jahren noch…
    Wir sind im Kreislauf des Lebens eingebettet und Frühling und Sommer sind vorüber …

    Du hast mich mal wieder sehr nachdenklich gemacht, liebe Anna-Lena

    Herzlichst, Bruni

    Gefällt 1 Person

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