Wehmut

Sie konnte ihren Blick nicht von der letzten Blütenpracht der Sommerblumen losreißen und um ihren Mund lag ein wehmütiger Zug. Ihr Gesicht und ihre Augen spiegelten, was sie dachte. Als fühlte sie, dass ich in ihrer Nähe stand und sie beobachtete, drehte sie sich um, schaute mich mit traurigen Augen an und sagte: “Der Sommer ist wohl vorbei.“
Sie hatte ihn genossen. Ihre Gesichtshaut war tiefbraun, ihre vom Leben gezeichneten Züge hatten sich vertieft. Doch ihre zahlreichen Falten zu dem kurzen Haarschnitt vermittelten das Bild einer Frau, die viel erlebt und sich von nichts aus der Fassung bringen ließ.

Was ging in ihr vor, was sie nicht sagte? Die Hoffnung, einen weiteren Sommer erleben zu dürfen?
Das Alter verändert den Menschen, macht ihn sensibler für das, was immer näherkommt, der Abschied für immer, wenn der Körper sein Leben gelebt hat, die Kraft nachlässt und die Lebensuhr abläuft. Genau das konnte ich in ihrem Blick lesen.

Sie straffte sich, als gäbe sie sich einen inneren Ruck, nahm ihre Tasche und wir verabschiedeten uns, in der Hoffnung auf ein Wiedersehen im kommenden Sommer.

©Text und Foto: G. Bessen