Einer von ihnen

Einer von ihnen

Seit Wochen war er das Tagesgespräch im Ort.

Er, den normalerweise  niemand beachtete, der für die anderen lediglich der Dorftrottel, der Vollpfosten, der Schulabbrecher und der Nichtsnutz war. Er, aus der Familie eines Vaters mit einem Alkoholproblem und Hartz 4 und einer Mutter, die eines Tages getürmt war und alles hinter sich gelassen hatte. Allen hatte er mit seinen knapp 16 Lenzen bewiesen,  dass er schlau war, dass ihm so leicht niemand auf die Schliche kommen konnte.

Seit in seinem Dorf die Wahlplakate für die anstehende Bundestagswahl aufgestellt worden waren, schlich er sich nachts davon, mit Spraydosen und Stiften bewaffnet und machte sich daran, die Gesichter der Politiker zu verändern.  Was interessierte ihn denn die Wahl? All diese Pappnasen, die versprachen und doch nichts hielten. Mit denen hatte er, Lars aus einem kleinen Ort in Meck-Pom, ohnehin nichts zu schaffen. Sollten die doch machen, was sie wollten.

Wenn es abends dunkel wurde und sein alter Herr seinen schweren Körper mit dem entsprechenden Alkoholpegel ins Bett geschleppt hatte, stiegen bei Lars Herz-Frequenz und Blutdruck an und er zog los.

Auch wenn er nichts besonders gut konnte, aber Gesichter verändern, sie abmalen und karikieren, das konnte er, wenn er auch sonst nicht viel in der Birne hatte – so glaubten es die anderen. Den größten Kitzel verschaffte es ihm, bisher nicht erwischt worden zu sein.

Am nächsten Tag sprachen die Leute im Dorf über nichts anderes und feixten sich mittlerweile eins, weil die Polizei so völlig im Dunkeln tappte. Lars ging mit offenen Ohren durchs Dorf, er hatte Zeit genug, seitdem er seine Lehrstelle hingeschmissen hatte und seinem Vater langsam auch egal wurde, wo sich sein Sohn tagsüber herumtrieb, solange nur genug Alkohol im Haus war. Lars war erleichtert, auf diese Weise auf dem Laufenden zu bleiben, ohne dass jemand wusste, dass er hinter der Aktion stand.

Die verunstalteten Plakate waren in den ersten Tagen erneuert worden, aber das war mittlerweile sinnlos geworden.

Es war später Abend geworden uns Lars machte sich auf den Weg. Als er sein Fahrrad hinter einer Baumgruppe abgestellt hatte und sich mit seinen Sprühdosen und Eddings auf das Plakat seiner heutigen Aufgabe  hin bewegte, stutzte er. Er starrte auf das Plakat der Kanzlerin neben einer Gaslaterne, die ihn mit einem Heiligenschein um ihren Kopf freundlich anlächelte.

Zögernd trat er näher. Da hatte ihm doch jemand ein Schnippchen geschlagen und ihm regelrecht ins Handwerk gepfuscht.

‚Nicht mit mir’ , dachte Lars zornig. ‚Das ist meine Baustelle.’

Er nahm den schwarzen Edding und setzte gerade an, den Heiligenschein zu schwärzen, als mehrere Lichtstrahler angingen. Ihm wurden die Arme auf den Rücken gelegt und als Lars hörte, wie sich die Handschellen um seine Handgelenke schlossen, wusste er, dass das Spiel aus war.

Aber am nächsten Tag würde das ganze Dorf über ihn reden und das allein war ihm ausreichende Genugtuung.

© G. Bessen