FARB-LOS

Die Welt der Farben

Wir erleben unsere Welt in Farbe  und nicht in schwarz-weiß. Das ist keine Laune der Natur oder irgendwelcher Künstler oder Modeschöpfer, sondern dient uns Menschen und den Tieren  zur Orientierung und zum Überleben. Daraus hat die Werbung selbstverständlich ihren Nutzen gezogen und trifft gezielt auf  unser Unterbewusstsein, um uns von der Notwendigkeit des Erwerbens zu überzeugen.

 Farben prägen unser Denken, Fühlen und Handeln. Wie geht es aber Menschen, die nicht mehr sehen können?

Foto: Freestyler/pixelio.de

FARB-LOS

Alles war anders geworden.

Müde saß er in seinem Stuhl am Fenster und schaute hinaus in den Garten. Aber er sah keine  bunten Blätter, die der Herbstwind von den Bäumen trieb und die, wie in einem letzten Tänzchen, in der lauen Herbstluft sanft zur Erde schwebten.

Seine Augen sahen nur eine schwarze Wand.

Wenn er morgens aufwachte, sah er diese schwarze Wand. Den ganzen Tag über stand sie vor ihm, fast schon zum Greifen nahe und wenn er schlafen ging und die Augen schloss, stand sie immer noch da – unverrückbar, unzerstörbar.

Seit Jahren gehörte sie zu ihm und immer noch lehnte er sie ab, lehnte sich innerlich gegen sie auf, versuchte sie zu bekämpfen – vergebens.

Seine Seele litt und war krank geworden. Diese Wand hatte sich über sie gelegt und wie ein schwarzes Tuch unabänderlich eingehüllt.

Nicht nur sein Leben hatte sich verändert.

Die Rollen in der Familie hatten sich vertauscht.

Er, der liebevolle und fürsorgliche Partner und Vater, zu dem die Familie immer aufgeschaut hatte, war zu einem Menschen geworden, der stets und ständig Hilfe und Pflege brauchte.

Das, was sein Leben mit ausgemacht hatte, seine Liebe zur Literatur, zur Kunst und zur Musik, war nur noch eine schmerzhafte Erinnerung und eine weitere große Lücke in seinem Leben, die er  nicht mehr füllen konnte.

Seine Arbeit, seine Reisen, beruflich und auch privat mit der Familie, all das war ihm genommen worden.

Er hatte sich zurückgezogen, von allem, was ihm früher wichtig gewesen war und  von fast allen Menschen, die ihm stets lieb und teuer waren.  Er kreiste in seinem Inneren nur um sich selbst, traurig, verbittert und in einem ständigen Kampf mit seinem Schicksal.

„Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!?!“

Dieses Bibelzitat hatte sich auch in seinem Kopf fest gesetzt.

Die Familie hatte alles versucht, ihn aus seiner Lethargie zu locken, bisher vergeblich.

Doch ihr neuer Plan könnte funktionieren.

Sarah, das ehemalige Au-pair-Mädchen der Familie, hatte inzwischen ein festes Engagement als Geigerin im Wiener Mozart Orchester und hatte auch erste kleine Erfolge als Solistin.

Sie weilte für ein paar Tage bei ihrer Familie in Hannover  und ruhte sich aus, bevor das Orchester Mitte September auf Tournee ging.

Als Charlotte sie anrief und ihr vom akuten Zustand ihres Vaters in seiner Freudlosigkeit berichtete, überlegte Sarah keine Sekunde lang.

„Natürlich werde ich am Wochenende kommen,“ versprach Sarah. „Ich denke, euer Plan könnte Erfolg haben.“

Als Werner erfuhr, dass am Sonntag ein Gast zum Mittagessen eingeladen worden war, zog er sich mürrisch in sein Zimmer zurück.

„Ich habe doch gesagt, ich will niemanden sehen. Begreift das doch endlich!“

Bei dem Wort „sehen“ blickten sich Charlotte und ihre Mutter Sofia still an. Wie so oft wurden sie schmerzlich daran erinnert, dass Werner gar nicht daran dachte, sein Schicksal zu akzeptieren.

„Du lebst aber nicht alleine in diesem Haus und es kann sich auch nicht alles nur um dich drehen,“ entfuhr es Charlotte, die es einerseits kaum ertragen konnte, ihren einst so lebensbejahenden und kontaktfreudigen Vater so leiden zu sehen, andererseits aber auch für ihre Mutter und ihre eigene Familie ein halbwegs normales Leben weiterführen wollte.

Charlotte warf ihrer Mutter, die so eine Reaktion hatte kommen sehen, einen aufmunternden Blick zu und ging nach oben in ihre Wohnung.

Werner wollte am Sonntag nicht aufstehen, er hatte sich wieder in seine innere Dunkelheit eingehüllt und dachte verzweifelt darüber nach, wie sein Leben weitergehen sollte.

Wenn er ehrlich zu sich selbst war, kannte er sich selbst nicht mehr wieder und legte Reaktionen an den Tag, die er früher bei anderen immer kritisiert hatte. Aber er konnte nicht anders und auch das lag ihm wie ein Stein auf seiner Brust und schien ihn zu zerquetschen.

Er hatte alles im Leben erreicht, was ein Mann erreichen konnte. Sofia  stand ihm in jeder Lebenslage zur Seite, wie sie es seit fast fünfzig Jahren immer getan hatte. Beruflich hatte er viel erreicht. In seiner kurzen Karriere als Lokalpolitiker hatte er viel für sein Bundesland und seine Heimatstadt bewirkt und die Menschen haben ihn respektiert und geliebt. Er hatte zwei wunderbare Kinder, Charlotte und Michael,  und mittlerweile vier gesunde Enkelkinder.

Aber der Augeninfarkt, der ihn zur Erblindung geführt hatte, hat seinem alten Leben und all den Aktivitäten, die ihm wichtig waren, ein jähes Ende bereitet. Er weinte, wie so oft,  still in sein Kissen und schlief ein.

Werner träumte. Zumindest glaubte er das, bis er realisierte, dass er mit offenen Augen in seinem Bett lag.

Er vernahm die zarten Töne einer Geige, ein Stück aus Mozarts Zauberflöte. Wie lange hatte er diese Melodien aus den Werken seines Lieblingskomponisten nicht mehr gehört? Er lag ganz still und lauschte. Seine Seele begann zu schwingen und ein warmes Gefühl durchströmte ihn.

Es trieb ihn, den Ursprung dieser Töne zu suchen. Er stand auf, zog sich an und ging ins Wohnzimmer. Sarah, Sofia und Charlotte sahen ihn gespannt  und erwartungsvoll an und freuten sich über das Lächeln in seinem plötzlich rosigen Gesicht.

Sarahs Besuch hatte etwas in ihm bewegt. Eine längst verschüttet geglaubte Seite in seiner Seele hatte wieder zu klingen begonnen. Von diesem Tag an saß er stundenlang in seinem Zimmer und lauschte der  klassischen Musik mehrerer von ihm verehrten Komponisten.

Sofia und er unternahmen wieder Spaziergänge durch den herbstlichen Wald und setzten sich oft auf eine Bank in die warme Spätsommersonne. Sofia erzählte ihm, wie die Natur sich veränderte und Mutter Erde immer mehr zur Ruhezeit überging. Er hielt bunte Blätter in seinen Händen, ertastete die glatte Oberfläche der frisch gefallenen Kastanien und spürte die wärmende Sonne auf der Haut.

Als Sofia ihm mit ihrem besonderen Talent der detailgetreuen Schilderung von längst vergangenen Reisen erzählte, wurde sein Inneres  heller und bunter, auch wenn seine Augen an der schwarzen Wand nicht vorbeikamen.

Er lernte, sein Schicksal zu akzeptieren und sich mit seiner Einschränkung zu arrangieren.

Seine Depressionen wurde er nicht gänzlich  los, aber er hatte immer mehr Momente der Freude und schaffte es, seine Erinnerungen lebendig zu halten.

Seine Seele begann zu gesunden.

 

© G.Bessen 9/17