abc.etüden: Auf besonderen Wegen (10-15)

Was bisher geschah… (Teil 10-15)

 

      Ludwig staunte nicht schlecht, als er vor Walters schmuckem Anwesen stand und klingelte.

Nach dem Fußweg vom Hotel zu Walter – ein Taxi konnte er sich nicht leisten  und niemand nahm ihn als Anhalter mit – fühlte er sich flunderplatt und dunkle Schweißflecken hatten sich vom Laufen in seinen Achselhöhlen gebildet.

Walter öffnete und erwartungsvoll blickten sich beide Cousins gegenseitig in die Augen, taxierend, abwartend und ein wenig misstrauisch, denn der Zahn der Zeit hatte auch an ihren Körpern genagt.

„Komm herein, mein Lieber“, brach Walter das Schweigen und öffnete einladend die dunkle Holztür des kleinen Häuschens, das er offensichtlich von seiner verstorbenen Frau Mama geerbt hatte. Ein Duft nach Badesalz, einer Mischung aus Ingwer und Lemongras, umwaberte Walter.

Tante Greta, so erinnerte sich Ludwig, war die Reinheit in Person gewesen. Dass Walter überhaupt noch Haut am Körper behalten hatte, grenzte fast an ein Wunder. Ludwig konnte sich bei Walter nicht daran erinnern, dass er je schmutzige Socken, durchbeulte Knie an seinen Hosenbeinen oder Dreck unter den Fingernägeln gehabt hatte. Dreck war in Walters Leben nicht vorgekommen und somit war er früher, als sie noch Kinder waren, in Ludwigs Augen nie ein waschechter  Junge gewesen. War er je ein richtiger Mann geworden oder hatte er den Lehrmeister-Modus seiner Frau Mutter übernommen, denn er starrte auf Ludwigs Schuhe, als fordere er ihn ohne Worte auf, sie bitte VOR der Tür zu lassen.

So sehr sich Ludwig um einen formvollendeten Auftritt bemühte, so sinnlos schien ihm bald dieses Unterfangen, seinen Cousin Walter verstehen zu können. Während er im übertragenen Sinne von ‚Äpfeln’ sprach, antwortete Walter mit ‚Birnen’ , das bedeutete, sie redeten komplett aneinander vorbei.

Ludwig schwammen alle Felle weg, als ihm immer mehr klar wurde, das Walter niemals sein Problem verstehen, geschweige, ihm helfen würde. Walter hatte seine inneren Augen geöffnet und erzählte Ludwig in epischer Breite, wie schwer ihm das Leben nach Gretas Tod gefallen sei, wie oft er an Selbstmord gedacht hatte, bis, ja, bis Edgar seinen Weg gekreuzt hatte.

Offenbar war Walter nicht unvermögend und ob er mit Edgar sein Geld verprassen oder dem Tierschutzverein vererben würde, der Cousin Ludwig aus Wuppertal würde nichts von dem kleinen Kuchen probieren können.

Als Walter unvermittelt nach Hildchen und Charlotte, deren gemeinsamer Tochter fragte, wurde es Ludwig doch zu bunt. Was sollte er antworten? Dass er ja eigentlich auf dem Jakobsweg sei  und die Tochter die familiäre Nabelschnur endgültig durchtrennt hatte?

Das ging Walter nichts an! Ludwig beschloss, schnellstens einen langen Schuh zu machen und winkte Walter zu, wie er an der Tür stand, dem riesigen Königspudel die Kopfhaare kraulte, die in gewisser Weise den grauen, lückenhaft lockigen Haaren von Walter glichen und eine unverkennbare Ähnlichkeit mit einem Vogelnest hatten.

Die Ehe von Hildchen und Ludwig war immer gleichförmig gewesen, ohne nennenswerte Höhen und Tiefen und schon gar nicht wie eine spannende Achterbahnfahrt durchs gemeinsame Leben.

Sie hatten sich als Jugendliche im Jugendclub der Gemeinde kennengelernt, sich verliebt und mit dem Drang, früh zuhause auszuziehen, geheiratet. Töchterchen Charlotte, einzigartig was das nächtliche Durchschlafen betraf, kam mit genau neun Monaten als wahrer Wonneproppen auf die Welt und bis zu ihrer Volljährigkeit waren sie eine durchschnittliche Familie, zufrieden mit sich und dem Rest  der Welt. Nun waren beide unterwegs, keiner wusste vom anderen, wo er war.

Hildchen machte sich seit der Postkarte ihres Angetrauten natürlich Sorgen, wo er steckte, denn die Nummer mit dem Jakobsweg war eine so platte, die hätte selbst der Weihnachtsmann nicht von sich gegeben. Die Annahme, dass er sie nach Strich und Faden belügen und betrügen würde, ließ sie nicht so nah an sich herankommen. Und Ludwig steckte so tief in der Klemme, dass er weder aus noch ein wusste und all seine Felle dahin schwimmen sah. Er wusste, dass er Hildchen eine Menge zumuten konnte, doch Lügen waren das Schlimmste, was er ihr antun konnte. Das war, als würde er die Büchse der Pandora öffnen.

Den Kopf eingezogen, eilte er durch die Straßenschluchten bis er sein Hotel erreicht hatte, während Hildchen und Antonia auf dem Rückweg von Breslau nach Hause waren und Hildchen unvermittelt zu Antonia sagte: „Ja, meine Liebe, ich mache mir große Sorgen um Ludwig und weiß gar nicht, wo ich nach ihm suchen soll.“

      Hildchen konnte nicht einschlafen und starrte verzweifelt auf die scharf gezeichnete Mondsichel, die genau über ihrem Garten stand.  Ihr Herz klopfte als wolle es sich überschlagen. Kein Lebenszeichen hatte sie von Ludwig, weder im Postkasten noch auf dem Anrufbeantworter. Er war seit knapp sechs Wochen unterwegs, aber so ganz ohne Nachricht – sieht man von dieser merkwürdigen Pilger-Jakobsweg-Karte mal ab – war das ganz und gar nicht ihr Ludwig. Ihrer beider Leben geriet deutlich aus den Fugen, das spürte sie genau.

Dieser seltsame Wunsch Ludwigs nun zu pilgern war so eine deutliche Zäsur in beider Leben, das Hildchen etwas ganz anderes dahinter vermutete, eine midlife crisis, den Wunsch nach einem zweiten Frühling, den Männer in der fortgeschrittenen Mitte ihres Lebens oft verspüren und sie fragte sich, was sie mit Ludwig überhaupt noch verband.

Sie begann, fürchterlich zu zittern, wie bei einem Schüttelfrost vor einer schweren Grippe. Es gelang ihr nicht, ihren Körper zu kontrollieren, die Nerven gehorchten ihr nicht und der Boden unter ihr wollte sich wie ein gähnender Schlund auftun. Gleich am Morgen würde sie eine Vermisstenanzeige bei der Polizei aufgeben.

      Antonia staunte nicht schlecht, als Hildchen am folgenden Morgen bei ihr Sturm klingelte. Sie saß noch im Schlafanzug  beim Frühstück, blaue und gelbe Lockenwickler im Haar und war gerade damit beschäftigt, ihren Tag zu strukturieren.

„Was ist denn passiert?“, fragte sie Hildchen, die mit geröteten Augen und einem verzweifelten Gesichtsausdruck vor ihr stand.

„Soll ich dir das hier auf dem Flur erzählen, oder bittest du mich auch mal herein?“, fauchte Hildchen und drehte sich vorsichtig um, als sei ihr jemand von der Stasi auf den Fersen.

Nach zwei hastig hinunter gekippten Becherovka-Schnäpsen  und einer Tasse starken Kaffees war Hildchen in der Lage, von ihrem Besuch bei der Polizei zu berichten.  Die Vermisstenanzeige lief nun, doch die anzüglichen Bemerkungen des Polizeibeamten, sich erst nach sechs Wochen daran zu erinnern, dass der Ehemann womöglich abhanden gekommen sei und nun erst zu reagieren, hatte sie doch mächtig in Rage versetzt.

„Dieser junge Schnösel, was denkt er sich, schließlich kenne ich meinen Ludwig fast schon aus der Buddelkiste. Wir haben nächtelang über Gott und die Welt schwadroniert, Partys gefeiert, das Tanzbein geschwungen… . Ja, mein Ludwig war früher ein flotter Hecht, wenn ich das so recht bedenke.

Und nun pilgert  der plötzlich den Jakobsweg, verschwindet einfach und lässt mich hier sitzen, ohne Geld, denn unser Notgroschen ist auch weg!“

„Wie, euer Notgroschen ist weg, was meinst du damit?“, fragte Antonia mit vor Schreck geweiteten Augen und ließ fast ihr Stativ fallen. Sie hatte sich früher immer gewünscht, eine berühmte Portraitfotografin zu werden, doch der Krieg hatte diesen Kindheitstraum brutal weggewischt.

Nun fotografierte sie, was ihr vor die Linse kam und da sie eine ganz erlesene Pflanze hatte, deren Blüte sich nur in der Nacht öffnen würde, hatte sie Kamera und Stativ stets in Reichweite.

„Wir haben ein wenig Geld auf die Seite gelegt, für später, als Notgroschen. Man weiß doch nie, was noch kommt, und dieses Geld befand sich in einem Bankschließfach, zu dem wir beide eine Vollmacht und jeder einen Schlüssel haben und das Schließfach ist nun leer.“

Hildchen ließ ihre eigenen  Worten mit angehaltenem Atem durch den Raum schweben, als glaube sie selbst nicht, was sie da gerade erzählt hatte.

„Das hört sich ja fast so an, als sei er wie ein Verbrecher getürmt, vor dir, aus eurer Ehe, ja, aus eurem gesamten Leben – unglaublich!“

Antonia sank auf den nächsten Stuhl, griff nach dem aus Breslau mitgebrachten  Becherovka und goss Hildchen und nun auch sich großzügig einen ein.

„Den siehst du nie wieder, verlass dich drauf!“

Nun war es an Hildchen, die Augen aufzureißen und Antonias Worten nachzuspüren – fassungslos, ungläubig und entsetzt.

© G. Bessen