Etüdensommerpausenintermezzo (3)

Etüdensommerpausenintermezzo (3)

 mit den Wörtern:

Badelatschen
Hitzefrei
Höhenfeuer
Liegestuhl
Qualle

Qualm
Schwimmflügel
Sommersprossen
Ventilator
Wassermaler

Schicksalsschläge

So konnte es auf keinen Fall weitergehen.

Ihr Lieblingsplatz war der Sessel am Fenster geworden, doch obgleich sie in den Garten  hinausstarrte, sah sie nichts. Ihre Augen waren blind vor Tränen, ihre Stimme stumm vor Schmerz  und ihre Gefühle durch den Schock wie eingefroren.

Der Regen, der seit Tagen ohne Unterlass fiel, hatte ihren Keller geflutet und die Utensilien aus den Regalen geschwemmt. Wenn der Regen nicht aufhörte, säße sie bald mit nassen Füßen in ihrem Sessel am  Fenster. Auch das wäre ihr egal .

Jeder Wassermaler hätte vor Freude seinen Pinsel gezückt und die Kellerbilder gern als abstrakte Kunst  für die Nachwelt auf die Leinwand gebannt.

Seitdem es passiert war, nahm sie ihre Außenwelt kaum noch wahr. Immer wieder spulten sich die Geschehnisse düster und unheilvoll vor ihrem inneren Auge ab. Sie wollte schreien, aber ihre Kehle gab keinen Ton frei, als seien ihre Stimmbänder gar nicht mehr vorhanden.

Wie lange war es her? Vier Wochen? Sechs Wochen?
War das überhaupt noch wichtig?

Clarissa war aus der Schule gekommen, sie war gerannt und ihr blonder Pferdeschwanz hüpfte zeitgleich mit ihrem kleinen aufgeregten Herzen um die Wette.

„Mamaaaaaa, wo bist du? Wir haben hitzefrei bekommen! Gehen wir baden?“

Lisa blickte in das vor Aufregung glühende Gesicht ihrer Tochter. Selbst Clarissas unzählige Sommersprossen leuchteten  wie kleine Sterne.

„Pack deinen Rucksack, ich mache uns etwas zu essen und dann fahren wir los!“

Die Gärtnerei musste am heutigen Nachmittag mal wieder ohne ihre Chefin auskommen. Lisa führte zwei kurze Telefonate und freute sich, dass sie sich immer wieder hundertprozentig auf ihre beiden Angelstellen verlassen konnte und sich für Clarissa den einen oder anderen Nachmittag freischaufeln konnte.

Clarissa hatte ihren kleinen Rucksack schnell gepackt. Den Badeanzug hatte sie bereits an, die Badelatschen und die Schwimmflügel hatte sie zusammen mit einem Handtuch in ihren kleinen Rucksack gepackt und ihr Liegestuhl für Kinder war ohnehin mit dem für ihre Mutter seit längerem im Kofferraum.

Wer unmittelbar in Ostseenähe wohnt, kann sich besonders  im Sommer glücklich schätzen.

Lisa liebte die kleine verträumte Bucht, in die sich kaum Touristen verliefen. Unter den Einheimischen galt sie als der heiße Tipp, wo man noch unter sich war. Niemand war bisher da, Clarissa und Lisa hatten die kleine Bucht ganz für sich. Nachdem Clarissa von Kopf bis Fuß Mit Sonnenmilch eingeschmiert war, ihre Schwimmflügel wie zwei neonfarbene Quallen an ihren Oberarmen leuchteten, hüpfte sie vergnügt ins Wasser.

„Bleib bitte ganz vorne, ja?“

„Aber sicher, Mama, das musst du mir nicht immer wieder  sagen.“

Lisa nahm sich eine Zeitschrift aus der Tasche, stellte ihren  kleinen, mit Batterien betriebenen Mini-Ventilator an und vertiefte sich in den neuesten Promiklatsch. Sie musste eingeschlafen sein. Sand klebte auf ihrem eingekremten Körper und gab ihr das Empfinden, ein Fischstäbchen zu sein. Plötzlich setzte sie sich ruckartig auf.

„Clarissa!“ Nichts.

Hektisch blickte Lisa um sich. Clarissa war nirgendwo zu sehen.

Lisa sprang auf, rannte den kleinen Strand der Bucht entlang und blickte sich angestrengt nach allen Seiten um – keine Spur war von Clarissa zu sehen. Sie schrie sich die Lunge aus dem Hals, rannte, als sei der Leibhaftige hinter ihr her , bis sie jäh stoppte und auf das Meer hinausstarrte. Etwas in einem knalligen Orange war auf dem Meer zu sehen, als wippe es auf und ab.

Lisas Geschrei hatte zwei junge Männer herangelockt , die die Situation sofort erfassten und sich in die Fluten stürzten. Sie brachten den kleinen leblosen Körper an Land und taten alles, um ihn ins Leben zurückzuholen – vergeblich.

Clarissa war tot.

An diesem Tag starb auch Lisa. Jegliche Lebensfreude war aus ihrem Körper entwichen, sie konnte nicht begreifen, was geschehen war und die Last der Schuld fraß sich tief  und unauslöschlich in ihre Seele. Die Sehnsucht nach ihrer Tochter beherrschte Lisas Gedanken.

Sie wollte nicht mehr leben.

Die Nachbarn auf der anderen Straßenseite sahen den Qualm zuerst und rochen den Benzingeruch, der sich bis über die Straße zog.

Als die Feuerwehr eintraf, brannte das Haus bereits lichterloh und setzte sich wie ein Höhenfeuer gegen den unaufhaltsamen Regen durch.

© G. Bessen

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13 Kommentare

  1. och, liebe ANNA-LENA, was machst Du denn da?
    So traurig und so endgültig, wo bleibt das Ende, mit dem ich leben kann? *seufz*
    Wirklich gut geschrieben, da gibt es nix, aber ich bin jetzt ganz geplättet und muß mich erst mal wieder beruhigen.
    Wie soll ich denn die Nacht überstehen, wenn Du kleine süße Mädchen ertrinken läßt …?

    Trotzdem liebe Grüße an Dich und auch eine gute Nacht.
    Herzlichst Bruni

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Etüdensommerpausenintermezzo – danke! | Irgendwas ist immer

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