Opa ist ein Stern

img_3655Opa ist ein Stern

Es war bitterkalt. Der Vollmond schien hell vom wolkenlosen Himmel und um ihn herum blinkten die Sterne in die eisige Januarnacht.
Anaelle und Eleni  drückten ihre kleinen Stupsnäschen gegen die Fensterscheibe und ihr warmer Atem bildete gleich einen feinen Nebel.
„Schau mal, wie die Sterne blinken. Ich glaube, ich habe den Opa entdeckt“, flüsterte Eleni. „Ich auch,“ antwortete Anaelle.
Die Zwillinge schwiegen und schauten angestrengt in die Richtung des Sternes, der am hellsten leuchtete. Eigentlich lagen sie schon in ihren warmen Kinderbettchen und sollten längst schlafen. Doch, wie so oft abends, saßen sie auf der Fensterbank und waren still damit beschäftigt, ihrem Opa zu erzählen, wie es ihnen ging und wie sehr sie ihn vermissten.

Sie waren vier Jahre alt und hatten ihren Opa sehr oft krank erlebt. Oftmals mussten sie Rücksicht auf ihn nehmen, wenn es ihm nicht gut ging. Manchmal durften sie ihn nicht besuchen, da sie ihn mit Bazillen aus dem Kindergarten auf keinen Fall anstecken durften.
Aber wenn es Opa gut ging, verbrachten sie gern ihre Zeit mit ihm.

Nun war ihr Opa gestorben, denn die Krankheit war stärker gewesen als er. Er starb mitten im blumigen August. Als er im Krankenhaus lag, durften sie ihn besuchen und sich von ihm verabschieden.

img_3654Oma und Mama hatten ihnen erklärt, der Opa sei jetzt ein Stern, ein besonders heller Stern sogar, dem es jetzt gut ginge und der nun auch keine Schmerzen mehr habe. Dieser Stern brauchte ganz viel Licht, um zwei kleine Mädchen auf Schritt und Tritt zu beschützen. In seiner Gegenwart konnten sie sich sicher fühlen.
Und wenn der Himmel wolkenlos war, saßen sie am Fenster und hielten Zwiesprache mit ihm. Ihre kleinen Herzen hatten ihm so viel zu erzählen.

Irgendwann würden sie verstehen, warum ihr Opa gestorben war und nun in einer anderen Welt lebte, aber alles zu seiner Zeit….

© G. Bessen

Für unseren Freund Rolf
(gest. 27. August 2016)

kerze
RIP

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23 Kommentare

  1. Meine Oma ist auch ein Stern. Ich danke dir für diese berührende Geschichte, die gut in das Projekt von Tristan Rosenkranz gepasst hätte: Wenn Wurzeln Flügel tragen- dies war eine Anthologie für Kinder mit Trosttexten für sie, falls sie jemanden verloren haben oder sich die Eltern trennten … in meiner Geschichte ging es eben um ein Mädchen, die ihre Eltern bei einem Unfall verloren hatte, nun lebte sie bei den Grosseltern, ihre Eltern aber waren zu einem hellblinkendem Stern geworden, das war der Trost und wann immer sich das Mädchen einsam fühlte, schaute sie in den Nachthimmel und ward getröstet.
    herzlichst
    Ulli

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  2. Ein wunderschöner Text, liebe Anna-Lena.

    Zwei kleine Mädchen, die ihren Opa sehr lieb hatten und nun können sie sich immer noch mit ihm unterhalten, obwohl er sterben mußte, denn er ging nicht einfach stillschweigend weg von ihnen und ließ sie im Stich, nein, er konnte für sie zu einem hellleuchtenden Stern werden… Wie schön ist das.

    Ganz herzliche liebe Grüße von Bruni an Dich ♥

    Gefällt 1 Person

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