Auf dem Weihnachtsweg 4. Advent

weihnachten-0024Der Wunschzettel

„Hallo, ist da jemand“? Sie bemühte sich, ihrer Stimme einen festen Klang zu geben und schob vorsichtig die angelehnte Wohnungstür auf. „Hallo?“, wiederholte sie noch einmal deutlich. „Hier bin ich, im Kinderzimmer“, antwortete ein helles Stimmchen. Frau Silbermann umfasste  ihren Gehstock und betrat das Kinderzimmer.

„ Julia, warum ist die Eingangstür auf und warum bist du nicht in der Schule?“ Entsetzt blickte die Nachbarin auf ein blondes Mädchen von etwa sieben Jahren herab, das auf dem Fußboden des Kinderzimmers saß und etwas auf ein Blatt Papier malte. „Hallo Frau Silbermann“, begrüßte  das kleine Mädchen die Nachbarin,  sprang auf und warf  sich der älteren Dame schluchzend in die Arme. „Kleines, was ist denn passiert? Nun red doch mit mir.“ Sanft, aber deutlich schon Frau Silbermann das kleine Mädchen von sich und blickte ihm prüfend in die verweinten Augen.

„Ich konnte nicht zur Schule gehen, Mama ist die ganze Nacht nicht nach Hause gekommen und ich habe die Tür aufgemacht, falls sie ihren Schlüssel vergessen hat.“ Frau Silbermann blickte sich um. Julia hatte noch ihren bunten Plüschpyjama an. Im Zimmer lag alles kreuz und quer durcheinander. „Komm, zieh dir deinen Morgenmantel über und dann gehen wir nach nebenan zu mir. Ich werde dir erst mal einen Kakao kochen und dir Frühstück machen“. Julia zog brav ihren Morgenmantel über, nahm das Blatt Papier und ein paar Stifte  und folgte Frau Silbermann in deren  Wohnung. Während Julia hastig die beiden Toastscheiben mit goldgelbem Honig herunter schlang, erfuhr Frau Silbermann bruchstückhaft, was sich bisher ereignet hatte.

Julia und ihre Mutter lebten seit ein paar Monaten alleine. Julias Vater hatte eine sehr junge Freundin, wurde bald zum zweiten Mal Vater und hatte seine kleine Familie von heute auf morgen im Stich gelassen. Julias Mutter war Krankenschwester. Man war ihr zwar entgegen gekommen und setzte sie als allein erziehende Mutter meist nur im Tagesdienst ein, doch hin und wieder ließ sich ein Nachtdienst nicht vermeiden. Frau Silbermann sprang gern als Kindermädchen ein und Julia mochte sie. Als Julias Mutter am Abend nicht nach Hause gekommen war, hatte Julia bei Frau Silbermann an der Tür geklopft. Die ältere Dame war ein wenig schwerhörig und setzte beim abendlichen Fernsehprogramm stets einen Kopfhörer auf, um die Nachbarn um sie herum nicht zu stören. Sie hatte das Klopfen des kleinen Mädchens nicht gehört und machte sich nun bittere Vorwürfe. Was muss die Kleine durchgemacht haben, die ganze Nacht alleine und in Sorge um ihre Mutter? Frau Silbermann wusste nicht, was sie davon halten sollte. Im Fall eines kurzfristigen Nachtdienstes hätte Julias Mutter sie informiert und Julia hätte bei Frau Silbermann geschlafen.

Während sie Julia beruhigte und tröstete, überlegte sie fieberhaft, was sie tun könne. Sie musste in der Klinik anrufen. Julia saß währenddessen am Küchentisch und vollendete ihren begonnen Brief an den Weihnachtsmann, in dem sie sich nichts sehnlichster wünschte, als dass er ihre Mama nach Hause schicken möchte. Den Kopf in der Schräglage, dachte sie verbissen nach, was sie dem Weihnachtsmann noch alles versprechen wollte. Sie musste ihm ja etwas anbieten, was sie in Zukunft besser machen oder unterlassen würde, damit der Weihnachtsmann ihren sehnlichsten Wunsch erfüllte.„Hast du einen  Briefumschlag und eine Briefmarke für mich? Ich muss meinen Wunschzettel ganz schnell an den Weihnachtsmann abschicken, damit er ihn bald bekommt.“  Zum Absenden bereit lag der Brief „AN DEN WEIHNACHTSMANN“ auf dem Küchentisch. Julia fühlte sich müde und kroch in Frau Silbermanns großes Doppelbett.

Sobald Julia eingeschlafen war, begann Frau Silbermann zu telefonieren, entschuldigte das Mädchen wegen Krankheit in der Schule und rief Julias Vater an , nachdem sie mit viel Mühe und Geduld in der Klinik erfahren hatte, dass Julias Mutter nach Dienstschluss einen Autounfall hatte und in der Nacht notoperiert werden musste. Sie lag auf der Intensivstation und war mittlerweile außer Lebensgefahr. Während Julia schlief, suchte Frau Silbermann Julias Kleidung zusammen, und als das kleine Mädchen in Frau Silbermanns Badewanne saß, bereitete sie das Kind behutsam darauf vor, was passiert war.

„Während du geschlafen hast, kam der Briefträger und ich habe ihm deinen Wunschzettel mitgegeben. Ich habe auch schon eine Antwort, allerdings eine sehr traurige. Deine Mama kommt wieder, aber nicht so schnell, denn sie ist krank. Gestern Abend  hatte sie nach der Arbeit einen Unfall mit dem Auto und musste wieder ins Krankenhaus. Sie musste operiert werden und konnte sich deshalb nicht bei dir melden. In einer halben Stunde kommt dein Papa dich abholen und fährt mit dir ins Krankenhaus. Und wenn du an Weihnachten bei deinem Papa bist, kannst du deine Mutter jeden Tag besuchen.“ Julia war betroffen und versuchte, zu begreifen, was Frau Silbermann ihr behutsam erklärte. Aber die alte Dame hatte soviel Hoffnung in der Stimme, dass Julia plötzlich trotz des Kummers lächelte, aus der Wann stieg und sagte: „Dann wollen wir uns mal beeilen, ich will Mama nicht lange warten lassen.“

© G. Bessen

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