Auf dem Weihnachtsweg 3. Advent

 

weihnachten-0018Ein unkonventionelles Weihnachtsgeschenk

     Eigentlich war der Weihnachtsmann ein routinierter Geselle und lief zur Weihnachtszeit zu seiner Höchstform auf. Nichts machte ihn glücklicher als in die strahlenden Augen der Menschen zu sehen, wenn sie ihre Geschenke ausgepackt hatten und sich an ihnen erfreuten. Heute hatte er eine ganz besondere Mission vor sich und ihm war gar nicht wohl ums Herz. Lange hatten sie im Team der Weihnachtsmänner über dieses Problem diskutiert und nach einer Lösung gerungen. Aber sie hatten gemeinsam einen Entschluss gefasst und nun lag es an ihm, dieses Problem zu lösen.

      Die junge Frau, die ihm die Tür geöffnet hatte, führte ihn durch die kleine gemütliche Wohnung direkt ins Schlafzimmer. Valentina lag in ihrem Bett, ihre Augen waren geschlossen. Leise trat der Weihnachtsmann an ihr Bett und betrachtete sie lange und nachdenklich. Sein Herz zog sich schmerzlich zusammen.

Sie musste einst eine hübsche Frau gewesen sein. Das zarte helle Gesicht war von dunklen Locken umrahmt, durch die sich silbergraue Fäden zogen. Doch ihr Gesicht war von Krankheit gezeichnet. Dunkle Schatten lagen um ihre Augen, die Nase ragte spitz aus dem abgemagerten Gesicht, die Lippen schienen blutleer. Ein leichtes Heben und Senken der Bettdecke verriet eine unruhige und  flache Atmung.

     Plötzlich öffnete Valentina die Augen und blickte den Weihnachtsmann mit großen Augen an. „Wer bist du?“, fragte sie mit flüsternder Stimme.

„Erkennst du mich nicht? Ich bin der Weihnachtsmann und wollte dich gern besuchen.“ Er war ein wenig schockiert, dass sie ihn vermutlich nicht erkannt hatte. Sein Äußeres ließ doch eigentlich keinen Zweifel aufkommen.

     „Was kann ich dir Gutes tun, Valentina?“

Valentina schaute ihn lange an, ihr zartes Gesicht war von Schmerz wie verzerrt,  sagte aber kein Wort. Der Weihnachtsmann zog sich leise einen Stuhl heran und setze sich an ihr Bett.

     „Ich weiß, wie krank du bist und ich weiß auch, wonach du dich am meisten sehnst“, hob er mit brüchiger Stimme an.

„Auch du kannst mir nicht helfen, lieber Weihnachtsmann. Das, was ich ersehne, ist nur, von diesem Leben befreit zu werden. Der Krebs wütet in meinem Körper, jeden Tag ein wenig mehr. Ich will nicht klagen, aber ich halte diese Schmerzen nicht mehr länger aus. Der Tod will und will nicht kommen und doch ersehne ich nichts mehr als den ewigen Frieden. Ich kann nicht mehr.“

     Der Weihnachtsmann war darüber informiert, dass die erst dreißigjährige Valentina an einem Krebsleiden litt und ihr nicht mehr zu helfen war. Sie erlitt Schmerzen, die mit Höllenqualen zu vergleichen waren. Sie klagte nicht, sondern ergab sich ihrem Schicksal, nichts sehnlicher wünschend, als dem Tod zu begegnen.

„Ich habe dir eine Tüte mit besonderen Lebkuchen mitgebracht.“ Valentina versuchte, die rechte Hand zu heben, um seine Rede zu unterbrechen. Sie konnte ja kaum noch etwas bei sich behalten.

      „In diesen Lebkuchen ist ein Mittel, dass dich schmerzfrei werden und dich innerhalb von wenigen Stunden einschlafen lässt. Wir wünschen dir und wollen dir sogar dabei helfen, dass du in Würde und in Frieden gehen kannst.“

Valentina konnte nichts darauf antworten. Sie blickte den Weihnachtsmann an und er erkannte in ihren Augen ein Leuchten, das er bisher nur bei glücklichen Menschen gesehen hatte.

© G. Bessen

 

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22 Kommentare

  1. Liebe Anna-Lena, wie wundervoll ist Dein Weihnachtsmanntext!

    Wundervoll und sehr, sehr einfühlsam.
    Wie gut kann ich die Worte verstehen, weil ich im Januar eine lebensfrohe und tatkräftige Freundin innerhalb eines halben Jahres so habe sterben sehen und ich wollte und wollte es nicht wahrhaben… was da mit ihr geschah…

    Sehr herzlich
    Deine Bruni am dritten Advent

    Gefällt 2 Personen

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