Auf dem Weihnachtsweg 6

Mitten im Weihnachtstrubel

Es ist Samstag Mittag. Geschäftig eilen die Menschen über Berlins Tauentzienstraße, voll bepackt mit Tüten, aus denen weihnachtlich Verpacktes schaut. So kurz vor dem Fest wird das Geschiebe auf den Gehwegen immer schlimmer und die Menschen am Rande des Gehweges werden immer mehr verdeckt.
So auch die kleine Frau, die still an der Ecke Tauentzien/Nürnberger Straße sitzt.
Vom Bauch an ist sie in einen blauen Müllsack gepackt. Eine Wolldecke umgibt ihren Unterleib und ihre Beine und ihren neun Monate alten pechschwarzen Hund, dessen verschiedenfarbige Augen aufmerksam das Geschehen rings herum betrachten. In einer anderen Mülltüte, ebenfalls in eine wärmende Decke eingehüllt, liegt ihr anderer Hund, ebenfalls jung und mit einem Leckerchen beschäftigt.

„Möchten sie eine Bratwurst essen?“, fragt eine elegant angezogene ältere Dame, blickt die Frau auf dem Gehsteig freundlich an und reicht ihr eine dampfende Wurst in einem frischen Brötchen.
Sie hebt den Kopf, lächelt die ältere Dame freundlich an und antwortet leise „Gerne“.

Ich weiß nicht, wie lange die Frau dort schon sitzt. Sie ist zierlich gebaut. Sie könnte vierzig, aber auch sechzig Jahre alt sein. Sorgenfalten ziehen sich durch ihr Gesicht. Sie trägt eine dunkle Wollmütze auf dem Kopf. Ihre zierlichen Hände stecken in schwarzen Handschuhen. Die Finger sind nicht bedeckt. Mit einer dicken Stopfnadel ist sie damit beschäftigt, dunkle Socken zu flicken.

Gelegentlich legt sie die Nadel beiseite, haucht in ihre erkaltenden Hände und streichelt liebevoll die Köpfe ihrer beiden jungen Hunde, die fast bewegungslos an ihrer Seite liegen und das bisschen Wärme der Wolldecken auf dem gefrorenen Boden genießen.

Hin und wieder bleiben Menschen stehen, betrachten die Frau nachdenklich und werfen ein paar Münzen in einen kleinen Filzhut, der vor ihr liegt. In diesen Momenten leuchten ihre Augen und ihre schmalen Lippen hauchen ein freundliches ‚Danke‘.

frau-mit-hunden

©Text und Foto: G. Bessen

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15 Kommentare

  1. Das ist auch hier zu beobachten – nicht in unserer Kleinstadt – aber in Ulm in der Fussgängerzone. Wenn ich dann über den Markt dort laufe, dann denke ich mir, es ist leider so, dass 98% davon wirklich nicht „gebraucht“ wird. Aber, man kann nicht verlangen, dass jetzt alle verzichten. Doch etwas weniger kaufen und abgeben, den Mensch, der dort auf der Straße sitzt, würdigen und freundlich behandeln. Eben auch mal den Geldbeutel öffnen, das ist wirklich nicht so schwer.

    Liebe Grüße, Brigitte

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  2. Ich möchte zu diesem Thema die Studie der Hilfsorganisation Oxfam zitieren: Die Kluft zwischen Arm und Reich nimmt von Jahr zu Jahr zu. Das Vermögen der Superreichen der Welt ist um 44 Prozent gestiegen, während der Besitz der restlichen Weltbevölkerung um 41 Prozent zurückging.

    Diese Tendenz macht sich auch auf unseren deutschen Straßen bemerkbar; auch bei uns wird diese Kluft immer größer und sichtbarer. Wir nennen uns ein reiches Land und doch ist es ein beschämendes Armutszeugnis, dass die Tafeln immer mehr Zulauf erhalten und viele Menschen nicht mehr über die Runden kommen.

    Gleichzeitig biegen sich die Konsumtempel unter der Last der Luxusgüter und der Kaufrausch nimmt kein Ende. Ich werde es nie akzeptieren und begreifen können!

    Ein Gruß von Helga

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