Die Bank

Die Bank

Als Kind war ich ein blasser, schmächtiger Junge mit rötlichen Haaren und Sommersprossen im Gesicht. Im Gegensatz zu meinen Klassenkameraden war ich sehr klein und dünn. Meine Eltern bemühten sich, unsere große Familie satt zu bekommen, was oft nicht einfach war.
Durch die Hilfe von Freunden war es uns gelungen, nach Amerika auszuwandern und somit dem sicheren Tod in einem Konzentrationslager zu entkommen.

Wenn ich mich auch äußerlich von meinen Klassenkameraden unterschied, so war ich nicht auf den Mund gefallen. Viele Jungen in meiner Klasse kamen aus wohlhabenden Verhältnissen. Ein Vater hatte eine große Fabrik, ein anderer war ein berühmter Chirurg und ein weiterer besaß ein großes Kaufhaus mit vielen Angestellten.
Eines Tages in der Pause wurde ich gefragt, was mein Vater beruflich mache.
„Mein Opa hat eine Bank.“
„Eine Bank in der Familie zu haben ist gut, da hat man immer genug Geld“, war die einhellige Meinung der Jungen meiner Klasse.

Nach dem Abitur zog es mich an eine Universität nach Kalifornien. Uns ging es damals wirtschaftlich viel besser, aber lange nicht gut. Neben meinem Studium musste ich hart arbeiten, um mein Zimmer im Studentenheim und das Nötigste zum Leben zu bezahlen.
Mein Opa war längst gestorben. Nun hatte mein Vater die Bank geerbt.
„Warum arbeitest du nebenher so hart, wenn dein Vater eine Bank hat?“, wurde ich oft gefragt.
„Mein Vater und ich verstehen uns nicht besonders gut. Ich möchte auf eigenen Beinen stehen.“ Eine plausible Antwort, die höchstens die Frage nach sich zog, warum es zwischen meinem Vater und mir nicht stimmte. Nun, dazu fiel mir immer etwas ein.

Als ich Rechtsanwalt geworden war, hatte ich eine gut gehende Kanzlei mit vielen Angestellten und konnte meine Familie an der Ostküste sogar finanziell unterstützen.

Die Bank meines Großvaters und Vaters lag in der Schweiz und war eine kleine Privatbank mit einem unbedeutenden Namen.

Und wenn ich zu meiner Familie nach Hause fuhr, ging ich als Erstes in unseren Garten, setzte mich vergnügt auf unsere Bank, die mich so manches Mal unproblematisch durchs Leben getragen hatte.

bank-des-vertrauens

© G. Bessen (nach der Erzählung eines inzwischen verstorbenen Freundes)

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