Die Anziehungskraft der Erde

Die Anziehungskraft der Erde

Der Tag fing schon gegen den Strich gebürstet an.

Mein zuverlässiger Wecker schaffte es um acht Uhr nicht, mich aus dem nächtlichen Koma zu befreien. Immer wieder schlug ich kurz auf ihn ein, um mir weitere fünf Minuten zu retten. Letztendlich kam für mich eine ganze Stunde dabei heraus, aber ohne nennenswerte Erholung, denn der Nacken schmerzte und das Rheuma in den Augen blieb hartnäckig den ganzen Tag lang bei mir.

Voller Panik rechnete ich mir aus, wann ich denn los müsse, um meinen ersten Termin zu schaffen. Ein Blick auf die Uhr – machbar! Der Kaffee lief, ich konnte schon mal unter die Dusche gehen. Ich hatte hinreichend Zeit, meine morgendliche Körperpflege in Ruhe zu betreiben, bis… es ‚pling’ machte und das kleine blaue Kämmchen meiner Augenbrauenschneideschere ins Waschbecken fiel und zielstrebig gen Ausguss rutschte.

Während ich diesem unerwarteten Procedere gespannt zuschaute, ratterte es durch mein Gehirn: … brauchst du…wo hast du das gekauft…Rechnung?… wo bekommst du das her?… Solche Fragen sollte man sich nach intensiven Ausmistaktionen nicht stellen, schon gar nicht, wenn das System von ‚Wo finde ich jetzt was? (falls ich das Objekt der Begierde  überhaupt noch habe) noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Nun galt es erst einmal, Ruhe zu bewahren und das kleine Kämmchen vor der großen fremden Kanalisation zu schützen. Zwei meiner Finger passten in den Ausguss und tasteten sich vorsichtig durch die Dunkelheit. Tatsächlich, das Kämmchen lag da. Nur die Ruhe bewahren und keine unüberlegte Handlung begehen, dass es sich doch verschiebt und im Nirwana verschwindet. Ich ertastete seine Lage, zog meine Finger heraus, ergriff eine Pinzette und wie in kleiner Angelköder hing das Kämmchen irgendwann endlich zwischen den beiden Greifern der Pinzette.

‚Das wäre geschafft’, seufzte ich – hörbar.

Mit der Taschenlampe leuchtete ich in den Ausguss. Mich traf fast der Schlag! Als leuchtete mir das Fell einer Ratte entgegen, bot sich mir ein haariger Anblick. Diverse Utensilien, angefangen von einer Häkelnadel bis hin zum Schraubenzieher, kamen zum Einsatz, bis auch das letzte (selbstverständlich menschliche Kopf-, Bart- oder was-auch-immer-Haar) auf dem Waschbecken lag. Und das bei mir, der Sauberkeitsfanatikerin!

Der Zeiger der Uhr rückte unerbittlich vor und rief mich in die Realität zurück. Da die Alibert-Lampe ihren Geist aufgegeben hatte und der Göttergatte gerade nicht daheim weilte, nahm ich alles, was ich brauchte und verschwand im unteren Bad. Auf dem Weg dahin legte ich mir noch schnell ein Oberteil zum Anziehen auf mein Bett.

Plötzlich schaute ich wie hypnotisiert auf meine Augenbrauenschneideschere. Das kleine blaue Kämmchen war schon wieder weg!!! Ich fasste es nicht, ging die Treppe von unten nach oben, suchte in allen Ecken – es war verschwunden. Gut, dass mich niemand sah, denn als ich mit der Taschenlampe erneut in den Ausguss leuchtete, um mich zu vergewissern, dass das Teil dort nicht mehr lag, hätten mich vielleicht gewisse „weiße Männer“ …, na ja, lassen wir das.

Wieder im unteren Bad angekommen, setzte ich meine Suche fort. So ein kleines blaues Kämmchen war auf weißen Fliesen doch unübersehbar!

Plötzlich durchfuhr es mich wie ein Blitz. Ich ging in die Küche. Einer der Hunde hatte doch nicht etwa…?!? Nein, beide lagen friedlich nebeneinander im Körbchen und schliefen den Schlaf der Gerechten, der Dackel zart und leise, der Mops mit seinem leichten Schnarchton.

Nun war mir langsam egal, ob ich zu meinem Termin noch pünktlich kam. Ich kalkuliere immer ein paar Minuten Zeit mehr ein für Eventualitäten, wie diese .

augenbrauenschneideschereNoch einmal die Treppe rauf und runter, die Ecken mit der Taschenlampe ausgeleuchtet. Nichts! Gut, dann eben nicht, von solch einem Utensil ließ ich mir den Tag nicht verhageln. Die Erde musste heute wieder eine besondere Anziehungskraft haben. Nur noch anziehen, in Ruhe einen Kaffee trinken und dann los – dachte ich. Als ich ins Schlafzimmer kam, um mich mit dem letzten Rest zu bekleiden, was glaubt Ihr, was vor dem Bett auf dem Fußboden lag? Richtig! Beim Gang nach unten hatte ich den Arm ziemlich voll gehabt . Dabei hat sich das kleine Kämmchen scheinbar wieder gelöst und mit zum zweiten Mal an diesem Tag einen Streich gespielt.

© G.Bessen 10/16

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38 Kommentare

  1. Köstliches Theaterstück liebe Anna-Lena 😀 Ich kenne die Abflussgeschichte, deshalb mache ich die sauber bevor meine Frau auf den Gedanken kommt sie hätte Haarausfall 😉 Ich muss doch mal direkt fragen, ob sie auch so ein schnuffiges Kämmchen ihr Eigen nennt, denn ich habe noch nie davon gehört! Dir einen schönen Tag wie aus einem Guss 🙂

    Gefällt 2 Personen

  2. *kicher*, ich habe noch nie so etwas gebraucht, geschweige denn vermißt, liebe Anna-Lena.
    Aber die Ausgußgeschichte kenne ich gut! Manchmal wollen meine Ohrringe da rein und ich frage mich, was sie darin wohl wollen 🙂

    Säuberungsaktionen für den Ausguß sind hochwichtig *lach*. Ich denke von Zeit zu Zeit fast von selbst daran (na ja, die Ohrringe)
    und dann dieses Verlegen des Schlüssels… wo habe ich dieses vermalledeite Ding schon überall gefunden *g* u. der Schlüssel ist nicht das Einzige, was ich suche…

    Niedliche Geschichte mit hohem Wahrheitsgehalt und dann Dein Dialog mit Finbar – göttlich

    Herzlichst Bruni am Freitagnachmittag

    Gefällt 1 Person

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