Feuer unter der Haut

Feuer unter der Haut

 Ein leises Knacken der Holztür signalisierte ihr, dass es mit der herrlichen Einsamkeit nun leider vorbei war. Schnell brachte sie sich wieder in eine unverfängliche Sitzposition und schaute dem Hereinkommenden kurz entgegen. Im Halbdunkel erkannte sie die wohlgeformten Konturen eines männlichen Körpers. Er setzte sich in die zweite Reihe und grinste sie an. ‚Donnerwetter’, dachte sie, als sich ihre Augen nach dem Öffnen der Tür wieder an das Halbdunkel gewöhnt hatten. Dieses Prachtexemplar von Mann sah verdammt gut aus, schlank und trotzdem muskulös, braun gebrannt. Zwei blaue Augen blitzten schelmisch in seinem Gesicht, in dem die Lachfältchen um Augen und Mund einen fröhlichen Charakter vermuten ließen. Das bereits leicht ergraute Haar war zu einem Zopf gebunden. Die wenigsten Frauen würden so jemanden von der Bettkante stoßen.

„Wenn Sie beten wollen, müssen Sie sich aber gen Osten wenden.“ Dabei nickte er mit dem Kopf an die Holzwand, die sich hinter ihm befand. „Mekka liegt dort“, fügte er hinzu.
‚Als wenn ich mit blauen Augen und blondem Haar wie eine Muslime ausschauen würde! Dir werde ich’s zeigen – von wegen plumpe Anmache!’, dachte sie belustigt und musste sich ein Grinsen verkneifen.
Sie dachte fieberhaft nach. Wie lange mag er wohl an dem kleinen Fenster in der Tür gestanden und sie beobachtet haben? Von der Tür aus gesehen, hatte sie sich ihm in voller Breitseite präsentiert, was für einen Außenstehenden sicher sehr belustigend war. Wer weiß, in welche Richtung ihn seine Fantasie in diesem Moment getragen hatte?

Absichtlich hatte sie sich genau zu dieser Zeit in diese Kräutersauna begeben. Alle anderen saßen in der Aufgusssauna und warteten auf den Bademeister. Sie liebte diese Momente, allein bei entspannender Musik, und vollzog bei sechzig Grad verschiedene Dehn- und Yogaübungen, um die verspannten Rücken- und Nackenmuskeln wieder etwas in Form zu bringen. Zum Schluss ihrer Dehnübungen hockte sie sich auf die Fersen, legte die Unterarme auf die Bank, die Stirn auf beide Handrücken und rundete den Rücken so, dass sich die Wirbel so weit wie möglich auseinander zogen. In dieser wohltuenden Haltung hätte sie ewig verharren können. Natürlich wollte sie dabei keine Zuschauer haben und achtete trotz Tiefenentspannung auf jedes kleine Geräusch, das sich der Saunakabine näherte.
War es nur die Hitze, die ihr das Wasser aus den Poren trieb? Sie musste raus, sich abkühlen und unter die kalte Dusche. Oder sie würde kollabieren und sich ihm im wahrsten Sinne zu Füßen legen.

Sie ging hinaus, ohne ihm einen Blick zuzuwerfen, duschte sich eiskalt ab, nahm ein kurzes Bad im kalten Tauchbecken und trat mit gestrafften Schultern wieder in die Saunakabine.
Er hatte eine Schneidersitzhaltung eingenommen, die unschwer erkennen ließ, dass er sehr gelenkig war. Seine Handrücken lagen auf den Knien, die Hände waren geöffnet. Er hatte die Augen geschlossen. Er atmete tief und regelmäßig in den Bauch hinein.

Sie nahm ihr Handtuch, legte es rechts neben ihn, hockte sich wieder in die Blattstellung und fragte ihn herausfordernd „Wollen wir zusammen beten?“
Er riss erschrocken die Augen auf.
„Ähm…ja, ich…“, stotterte er unbeholfen herum.
Diese Reaktion hatte er nicht erwartet und überlegte fieberhaft, ob er dieses verlockende Angebot annehmen oder ablehnen sollte. Die Entscheidung fiel blitzschnell und sein Gehirn signalisierte ihm: annehmen.
Ob das aber der richtige Ort für eine intensivere Begegnung sei? Und wenn jemand hereinkäme – und damit musste man in jedem Moment rechnen – würde er möglicherweise ein Hausverbot riskieren. Das war ihm doch etwas zu heikel.

„Wissen Sie, ich bin Christ, und wenn meine Orientierung mich nicht täuscht, liegt Rom in einer ganz anderen Richtung. Begleiten Sie mich doch dorthin“.
Unmissverständlich deutete er auf die Tür, nahm sein Handtuch, stand auf und wartete darauf, dass sie ihm folgen werde.
„Dann schlage ich vor, Sie gehen nach Rom und ich bleibe in Mekka, so brauchen wir beide nicht fremd zu gehen.“

Er schaute sie an, als hätte er auf eine Zitrone gebissen und verließ die Sauna ohne ein weiteres Wort.
Bingo! Scheinbar hatte er die Lektion verstanden. Sie legte sich wieder auf den Rücken, schloss die Augen und entspannte sich. Sie war wieder allein und hatte ihre Ruhe.

©G. Bessen

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