Neuigkeiten

Es war im Altweiber-Sommer.
Die Sonne schickte ihre letzten wärmenden Strahlen aus. Die Menschen, die an diesem Nachmittag zum Dorffest am alten Anger herbeiströmten, waren guter Laune und freuten sich darauf zu bummeln, Freunde und Bekannte zu treffen, ein wenig zu klönen und an den vielen Buden und Ständen ihren Hunger und Durst zu stillen.

Sie nahm den Teller mit dem Russischen Zupfkuchen und ihren Milchkaffee und suchte sich vor dem Kuchenstand auf einer Holzbank einen Sitzplatz. Sie war allein. Ihr Alter war schwer zu schätzen, irgend etwas zwischen fünfundsechzig und achtzig. Ihr graues Wollkostüm war ebenso zeitlos wie ihre grauen Haare, die sorgfältig hoch gesteckt waren. Ihr braun gebranntes Gesicht mit den unzähligen Fältchen um Augen und Mund und ihre derben, mit Altersflecken übersäten Hände zeigten, dass sie viel an der frischen Luft arbeitete.

Mit zufriedenem Gesicht verzehrte sie den Kuchen langsam, mit Genuss. Zum Kaffee rauchte sie eine Zigarette und sog den Rauch tief ein. Dann begann sie zu sprechen, leise und lebhaft. Dabei glitten ihre graugrünen Augen aufmerksam über den Platz. Aufmerksam beobachtete sie die Menschen um sich herum, die zu zweit oder in Grüppchen beisammen standen. Der eine oder andere grüßte sie, sie antwortete stets mit einem freundlichen Kopfnicken und redete weiter vor sich hin. Niemand schien sich darüber zu wundern, dass sie alleine saß und mit sich selbst redete.
Ich folgte ihr in sicherem Abstand, als sie an einem Stand mit selbst gestalteten Seidenschals verweilte und sich ein Halstuch kaufte, an einem anderen Stand prüfend das Obst betrachtete und ein Pfund Pflaumen erwarb. Hin und wieder blieb sie stehen, schüttelte dem einen oder anderen die Hand und wechselte ein paar Worte mit Bekannten, die sich offenbar freuten, sie hier zu treffen.
Aber stets setzte sie ihren Weg alleine fort. An einem Weinstand kaufte sie eine Weißweinschorle, setzte sich wieder ein wenig abseits von einer Gruppe und rauchte eine weitere Zigarette.

Ihr Blick schweifte ein wenig ab und sie begann erneut zu reden.
Diese Frau übte eine eigenartige Faszination auf mich aus.
Sie nahm als intensiver Beobachter und aktiver Teilhaber an diesem Dorffest teil und trotzdem schien sie sich in ihrer eigenen Welt zu bewegen. Niemanden störte das.
Sie schien mit sich selbst und ihrer Welt in Einklang. Und das, was sie erzählte, war nur für einen einzigen Menschen bestimmt, für jemanden, der nicht mehr auf dieser Welt weilte.
Sie sprach mit ihrem Mann, mit dem sie jedes Jahr im Herbst auf diesem Fest war, seitdem sie hier wohnten. Alle Neuigkeiten teilte sie ihm mit, so wie sie es in all den Jahren ihrer gemeinsamen, langen Ehe getan hatte. Und er hatte immer aufmerksam zugehört und ihr zugelächelt.

Holzbänke im Herbst
c/ G.B. 2009

Advertisements

16 Kommentare

  1. Sehr lebendig geschrieben diese Geschichte! So, dass es einem fast vorkommt, als würde man mitgehen und alles wahrnehmen dürfen. Aber auch ungemein sympathisch.

    Ich liebe solche Geschichten!

    Und das war mir schon klar, dass sie immer wieder ein Zigarettchen genüsslich schmauchen würde. Aber wir haben alle unsere kleinen Laster. Das mache ich auch mal, aber höchstens zweimal im Jahr, gell!

    Liebe Grüße, Brigitte

    Gefällt mir

  2. Das war wieder eine sehr einfühlsame Geschichte. Nach langer Ehe plötzlich alleine zu sein, führt viele Menschen in eine Einsamkeit. Doch diese Frau schien einsam und doch nicht einsam zu sein. Von den anderen gemocht, aber doch etwas abseits. Mit ihrem (verstorbenen) Mann innerlich vereint und doch alleine.
    Ich war bei diesem Spaziergang mit Dir gemeinsam als stiller Beobachter an ihrer Seite.
    LG
    Astrid

    Gefällt mir

Und was meinst Du?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s