Lebensabschnitte (13) Vom ICH zum WIR (2)

Ich habe dich so lieb! Ich würde dir ohne Bedenken eine Kachel aus meinem Ofen schenken. Ich habe dir nichts getan. Nun ist mir traurig zu Mut. An den Hängen der Eisenbahn leuchtet der Ginster so gut. Vorbei – verjährt – doch nimmer vergessen. Ich reise. Alles, was lange währt, ist leise. Die Zeit entstellt alle Lebewesen. Ein Hund bellt. Er kann nicht lesen. Er kann nicht schreiben. Wir können nicht bleiben. Ich lache. Die Löcher sind die Hauptsache in einem Sieb. Ich habe dich so lieb.

Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Wir waren eine gute Klasse. Natürlich verlief unser Internatsleben nicht immer reibungslos, Freundschaften bildeten sich, wechselten, es bildeten sich neue. Das ist normal. Aber worauf es ankam, der Zusammenhalt, das Füreinander-da-sein, das funktionierte immer. Niemand wurde ausgeschlossen. Nie hat jemand  eine Mitschülerin verpfiffen oder bewusst in die Pfanne gehauen. Auch die beiden Schwestern in unserer Klasse standen hinter uns. Natürlich haben sie uns auch mal in die Schranken gewiesen, aber niemals vor anderen. Sie hatten immer ein offenes Ohr für uns.

Kürzlich schrieb mir eine Mitschülerin, dass sie sich gut daran erinnere, wie intensiv die Klassengemeinschaft vorher getagt hatte, um zu sehen, ob ich überhaupt in die Klassengemeinschaft aufgenommen würde. Einmal kam eine neue Schülerin, die gar nicht zu uns passte. Sie blieb auch nicht lange. Ich erinnere mich, dass wir eines Tages aus Protest gegen sie nur in rot-weiß herumliefen. Sicher ein Akt pubertärer Revolte, aber als dann klar war, dass sie nach den nächsten Ferien nicht mehr wiederkäme, fanden wir sie gar nicht mehr so schlimm und es gab sogar ein wenig Bedauern, als sie ging.

Als die zehnte Klasse begann und somit die Zeit der Mittleren Reife und des Abschiedes einiger von uns näher rückte, wuchsen wir erst recht zusammen. Poesiealben wurden herumgereicht, jede verewigte sich in den Alben der anderen, Briefe wurden ausgetauscht und kleine Geschenke machten die Runde.

Nach unseren Schulabschlüssen gab es mehrere Klassentreffen und noch heute haben wir untereinander mit einigen solch einen Kontakt, dass wir bis auf vier, die völlig abgetaucht sind, alle schnell wieder zusammenkommen könnten. Und wenn ich an den letzten Oktober denke, als ich drei von dreizehn wiedergesehen habe, so war das doch ein spontanes Minitreffen.

Das, was unsere Klassengemeinschaft bis heute auszeichnet ist die Tatsache, dass wir uns nach über vierzig Jahren noch so vertraut sind, als hätte es die Zeit dazwischen gar nicht gegeben. Ich hoffe, das nächste Klassentreffen findet statt, bevor wir uns alle per Rollator durch die Gegend bewegen müssen.

Ehemaligentreffen 2004

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18 Kommentare

  1. Hallo, liebe Anna-Lena !

    Hier meldet sich wieder Uli.

    ICH kann mich aber NICHT daran erinnern, dass wir vorher beratschlagt haben, ob wir DICH in unsere Klassengemeinschaft aufnehmen.
    DU hast Dich doch vollkommen harmonisch bei uns eingelebt…. warst NICHT zickig…. KEIN Klugsch…. KURZUM: DU hast sofort jeden Blödsinn mitgemacht und hast DICH nicht geziert….. =

    ….. hast sogar beim GEBET: „Der Engel des Herrn“ m.i.t MIR gelacht, da war bestimmt auch der besagte „ENGEL“ auf UNS neidisch = der FREUDE wegen….

    UND…. DU warst aus meiner Heimat… aus dem Nachbarort…. DAS allein BÜRGT schon für viele GUTE Eigenschaften und Qualitäten….

    Von der anderen Mitschülerin, die einfach nicht zu uns passte, ja, an die kann ich mich erinnern.
    Aber sie war ja total „schräg“ drauf…. neu bei uns und gleich alles besser wissen als wir…. DAS geht gar nicht.

    Auch Deine weiteren Gedanken zu unserer Klassengemeinschaft kann ich voll und ganz unterschreiben !!

    Was mir noch einfiel beim Lesen Deiner Zeilen:
    Erinnerst Du Dich noch, dass wir in den letzten Wochen vor der Mittl. Reife die Hausaufgaben ausgetauscht haben?
    Soll heißen: Diejenigen von uns, die GUT in Mathe waren, haben die Mathe-Hausarbeit gemacht; die gut in Englisch waren die Englisch-Aufgaben usw.
    DANN wurde alles untereinander ausgetauscht… natürlich dann im Schriftbild ein bisschen abgeändert

    Weißt Du denn noch, dass wir unsere letzte Deutsch-Klassenarbeit (bei Sr. Ho.) = eine Interpretation… gar nicht mehr zurückbekommen haben ?

    Das lag aber NICHT an uns… ich glaube, sie hatte keine „Lust“ mehr ???

    WAS unsere Klassengem. zusätzlich gefestigt hat, das lag natürlich auch daran, weil wir alle „Interne“ waren; wir waren ja praktisch den ganzen Tag beisammen.

    JA, WIR WAREN EINE NETTE GRUPPE !!

    GRUSS! Uli

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    • V. schrieb mir von der großen Sitzung. Vielleicht waren die Rheinländer den Ruhrpöttlern vorsichtig gegenüber :mrgreen: .

      Hausaufgaben waren immer ein begehrtes Tauschobjekt, nicht erst in Klasse 10. Was glaubst du, warum ich mich sonst immer heimlich ans Klavier schleichen konnte, bis Sr. C. -L. mich dann entgültig erwischte, als ich mir meiner „Elise“ nicht zu Potte kam… :mrgreen: .

      Liebe Grüße zu dir 🙂 .

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  2. Die Vertrautheit hat sich auch bei uns in den fast 50 Jahren nicht verloren. Es ist, als wären wir noch in der Schule, ein wenig verknittert zwar, aber die Gemeinschaft ist dieselbe.

    Die Angelegenheit mit den Internen und den Externen ist leider tatsächlich so, wie ich es schon geschildert hatte.Die Damen bildeten immer eine extra Gruppe, wollten sich mit uns nicht abgeben. Keine Ahnung warum! Heute würde ich ganz gelassen sagen: SchickiMicki halt! Die wollen und wollten Distanz. Konnten nicht mit den „Eingeborenen“. Ich vermute dahinter eher eine Revolte, weil sie ungern ins Internat wollten. Und sich nun mit gemeinem Volk vermischen mussten, weißt du. Z. B. Apothekertochter, Arzttochter, Fabrikantentochter mit Töchtern aus Angestellten- oder Handwerkerhaushalten. Geht natürlich gar nicht. Unterschied musste sein. Heute dürfte das ein wenig anders geartet sein.

    Ich bin ziemlich sicher, dass es ein Treffen geben wird, von fast allen. Wir laden natürlich auch die Internen ein. Und sind gespannt, ob sich jemand einfinden wird.

    Liebe Grüße, Brigitte

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    • Wir waren durchweg aus allen Schichten, da gab es keine Höhergestellten und Schicki-Micki-Typen.
      Interessant, dass bei euch so ein krasser Unterschied gewesen ist.
      Ich weiß gar nicht, ob es heute noch Klosterinternate gibt, gefunden habe ich nichts Erwähnenswertes, nur katholische Schulen, die generell für Externe sind.

      Einen lieben Gruß zum Abend,
      Anna-Lena

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  3. Toll so eine Klassengemeinschaft. Wir haben jetzt auch ein Ehemaligen Treffen von Internatsschülern in Osnabrück. Leider werden es immer weniger. Aber die , die da waren , hatten richtig Spaß . Ich wünsche dir . Das ihr noch viele Treffen durchführen könnt.
    Dir noch einen schönen Abend. L.G.

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  4. Mit seinem wunderschönen Gedicht beginnst Du, liebe Anna-Lena, und fast mit einer Liebeserklärung an Eure Klassengemeinschaft ♥ von damals endest Du.

    Es hört sich für mich so gut an, was Du da schreibst, aber ich weiß nicht, warum ihr eine Neue nicht wolltet. Warum passte sie denn nicht? Ich kann mir nun nur vorstellen, daß sie arrogant auf Euch wirkte und das mochtet ihr nicht.

    Ein feiner Text über Deine Internatszeit ist es wieder geworden.

    Lächelnde liebe Grüße in die Nacht von Bruni

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    • Die Ringelnatz-Zeilen hat mir eine liebe Mitschülerin und noch heutige Freundin ins Poesiealbum geschrieben 🙂 .
      Nun, soweit ich mich erinnerte, war diese Neue wirklich sehr überheblich und hat dauernd über alles gemeckert. Das haben wir scheinbar als Unfrieden für unsere Klasse betrachtet.
      Vielleicht war es auch ein wenig Neid, dass sie den Mund aufmachte und wir nicht? Dieses Ereignis passierte ja auch in unserer Hochpubertät :mrgreen: .

      Liebe Grüße zur Wochenmitte!

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  5. Liebe Anna-Lena,
    ich drücke Dir ebenfalls die Daumen, dass Ihr Euch schon bald wieder seht. Wir hatten nach 30 Jahren unser Abitreffen. Es war richtig schön alle nach so langer Zeit wieder zu sehen und zu erfahren, was jeder einzelne so macht. Leider hat es uns in alle Winde zerstreut, aber 2019 jährt sich unser Abi zum 40sten Mal. Bestimmt treffen wir uns dann wieder.
    LG
    Astrid

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