Lebensabschnitte (11) Wie man sich bettet, so schläft man

Wie man sich bettet, so schläft man

Eine Zelle ist ein kleiner Raum im Klausurbereich eines Klosters und dient ausschließlich dem Privatbereich von Ordensleuten. Heute spricht man nicht mehr von Zellen sondern von eigenen Zimmern. Doch in einer Zeit, als Klöster noch nicht unter Nachwuchssorgen litten, war es praktisch und zweckmäßig, möglichst viele in einem Schlafsaal unterzubringen, denn ein eigenes, wenn auch kleines Zimmer, war aus Platzgründen nicht möglich.

SchlafsaalSomit war es zu unserer Internatszeit selbstverständlich, dass die jungen Schwestern und wir in großen Schlafsälen schliefen und trotzdem unsere eigenen „Zellen“ hatten. Man stelle sich das so vor: Die Schlafsäle waren sehr große Räume, in denen jede Schülerin einen abgeteilten Bereich – sozusagen eine eigene Zelle – hatte. Man hatte sein Bett an der Wand geradezu quer, dem gegenüber einen Waschtisch und neben dem Fußende des Bettes einen kleinen Kleiderschrank, in dem die Sachen für den nächsten Tag aufbewahrt wurden. Verließ man morgens den Schlafsaal nach dem Bettenmachen, wurde die Tür in den Kleiderschrank eingepasst und der Schrank war zu. Die Zelle blieb den ganzen Tag offen. Schräg, oder? Und vor allem sehr gewöhnungsbedürftig! Meist waren vier bis fünf Zellen nebeneinander, davor verlief ein breiter Gang, im Mittelbereich des Saales waren zwei Reihen mit Zellen aneinander und im hinteren Bereich ebenfalls ein Gang mit vier bis fünf Zellen. Somit waren wir klassenweise in unseren Schlafsälen untergebracht. Wir schliefen auf Strohsäcken, die wir vor den Sommerferien zu zweit in den Garten wuchteten und ausklopften. Danach blieb er eine Weile zum Lüften draußen und wir wuchteten ihn wieder hoch. Waschräume bekamen wir erst später. In einem großen Eimer holten wir unser Waschwasser. Ein Teil davon kam in eine Waschschüssel, die auf dem Waschtisch stand, der Rest verblieb im Fußeimer, der unter dem Waschtisch blieb. Unsere Schlafsäle hatten, so weit ich mich erinnere, keine Heizung und das Wasser war natürlich kalt. Wir wurden im wahrsten Sinne des Wortes mit allen Wassern – außer dem Weihwasser – gewaschen. Das härtete natürlich ab und hatte früh morgens jeden Lebensgeist vor der Frühmesse kurzzeitig erweckt. Heute fristen einige ehemalige Fußeimer ihr Dasein im Garten als Bluemenkübel.

ehemalige Eimer

Aber wir haben stets das Nützliche mit dem Praktischen verbunden. Die Zellen in der Saalmitte waren sehr frequentiert. Denn wenn man mittig wohnte und abends in seinem Bett stand, hatte man gleich drei Bettnachbarn, mit denen man ungehindert im Flüsterton bis in die tiefe Nacht Konversation betrieb. Wer sportlich war, konnte auch über die Zellenwand ins Nachbarbett steigen. Die an den äußeren Seiten schliefen, hatten jeweils nur einen Bettnachbarn zum Unterhalten. Aber gemeinsam lag es sich auch gut im Bett und das war auf jeden Fall wärmer. Wir wurden abends nicht mehr kontrolliert, ob jeder in seinem eigenen Bett war. Aber wenn die Stehparty so richtig im Gange war, sah man an der Tür zum Schlafsaal und der entsprechenden Beleuchtung vom Flur sofort, wenn jemand hineinkam und es wurde schlagartig leise. Und wenn jemand auf die Toilette musste, meldete er sich per Zeichen ordnungsgemäß ab, so dass jeder über die Bewegungen innen und außen Bescheid wusste. Die Namen unserer Internatsleiterinnen wurden ganz zweckmäßig abgewandelt. Wenn bei jemandem etwas, meist die Tür „klemmte“, war die Eine im Anmarsch und wenn plötzlich irgendwo etwas „flitzte“, war allerhöchste Vorsicht geboten. Von der Letzteren erwischt zu werden riskierte niemand leichtsinnig. Solange wir unsere Pellerinen tragen mussten, wanderte abends ganz viel mit in den Schlafsaal, auch wenn die Zähne bereits geputzt waren. In jedem Schlafsaal schlief eine junge Schwester, für den Fall, dass nachts jemand Hilfe brauchte. Uns solange deren Zelle leer war, war von Stillschweigen natürlich keine Rede. Sollte ich mal verhaftet werden, kein Problem – es wird ohnehin ein Missverständnis sein – , so werde ich das überleben, denn Zellenerfahrung habe ich hinreichend.

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45 Kommentare

  1. Oh, da ging’s bei euch aber höchst spartanisch zu!… Das Internat, ich welches ich hätte sollen, war bereits mit Mehrbettzimmern und Waschräumen mit fließend warmem Wasser ausgestattet. Aber das Essen soll sehr schlecht gewesen sein, ständig grassierten irgendwelche Darmgeschichten unter den Internats-Schülerinnen…

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  2. Hier meldet sich wieder Uli !

    Besser hätte ich den „Zellen“- Bericht nicht formulieren können, lb.Anna-Lena !
    TOLL wiedergegeben !!
    Ich kann bestätigen: Zellen-Leben…DAS hat wirklich was !!
    Zum kalten Wasser möchte ich noch anfügen: a) hatten wir keine Heizungen auf dem Schlafsaal…. ; b) in Folge davon, konnte es im Winter bei wirklich grimmiger Kälte sehr wohl sein, dass auf dem Wasser (für die „Morgendusche“) in der bereit gestellten kl. Waschschüssel, eine dünne Eisschicht war…
    ABER……… das Wasser, das eigentlich für die besagte Früh-„Dusche“ gedacht war, konnte PRIMA gegen die in der Nacht jaulenden Katzen (im großen Innenhof) als „WAFFE“ eingesetzt werden.
    Gegen jaulende (!!) Katzen… = das klingt das bitterliche Weinen eines Säuglings fast wie Mozarts „Kleine Nachtmusik“ (hier schreibt eine erfahrene Kinderkrankenschwe.) … !!
    Es kam mehrmals vor, dass- auch spät in der Nacht- zwei oder drei von uns, hintereinander die Waschschüssel aus dem Fenster entleerte.
    Ich weiß allerdings nicht mehr, WOMIT bzw. WIE wir dann in der Frühe die Morgen-„Dusche“ gestalteten ???
    Da wir uns in jeder Situation zu helfen wussten (siehe oben= die von Anna-Lena geschilderten „Morsezeichen“ bei nahender Gefahr in Form gewisser Personen..), kann ich mir gut vorstellen, dass wir uns bereits im Vorfeld der „Attacke“- mittels eines Zahnbechers- unsere NOT-Ration „Duschwasser“ reserviert haben …

    Ach, lb. Anna-Lena, als wir im Okt.’14 bei unserem Besuch in Steyl , jenen alten FUSSEIMER entdeckten… und weitere seiner Kollegen, kamen da in uns nicht heimische, schöne und nette Erinnerungen auf… !!
    Und was haben wir gelacht….. :d.i.e.s.e „WESEN“ haben uns tatsächlich (!!) in den ersten drei Jahren unserer Internats-ZEIT in Steyl begleitet… !!

    DIESE Erinnerungen, die kann doch in der HEUTIGEN Zeit k.e.i.n teures Internat mehr bieten, nicht wahr !!!

    Herzliche Grüße
    Uli

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    • Liebe Uli,
      da man mich im Tiefschlaf normalerweise wegtragen kann, habe ich sicher nie das kostbare Wasser nächtens aus dem Fenster gekippt. Da hätten mir in erster Linie die armen Katzen leid getan 🙂 . Eigentlich hätte man im Winter nachts darin Sekt kalt stellen können. Warum haben wir das eigentlich nicht gemacht???
      Ja, die diversen Fotos mit diesen Relikten aus dem vergangenen Oktober sprechen alleine schon Bände. Ich muss jetzt noch lachen, wenn ich sie anschaue. Du hast recht, das sind Requisiten, die sollten heilig gesprochen werden :mrgreen: .

      Liebe Grüße
      Anna-Lena

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  3. Noch kein fließendes Wasser, das war ja mehr als rückständig.
    Dass ihr euch nicht unterkriegen liesset, bewundere ich.
    Pellerinen waren wohl richtig praktisch, lach.
    Aber im Saal eine Mitschwester, oha. Zum Glück kam sie offensichtlich meist später, grins.
    Strohsäcke anstatt Matratzen, wie schlief es sich denn da drauf???
    Kopfschüttel…..
    deine Bärbel

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    • Klar hatten wir fließendes Wasser, zum Brunnen mussten wir nicht. Wir hatten nur noch keine Waschsäle, die kamen dann aber bald. Und wir hatten, wie auch die Schwestern, die Möglichkeit zu duschen oder zu baden.
      Auf den Strohsäcken schlief es sich ganz normal, wie auf einer Matratze.
      Es war Ende der 60iger Jahre, vergiss das nicht und das Leben im Kloster war früher generell anders als heute, eben spartanisch, sonst wäre das Gelübde der Armut ja überflüssig gewesen 🙂 .
      Die Schwester, die bei uns schlief, war nur dafür da, falls nachts jemand krank wurde. Ansonsten hat sie sich nicht an uns gestört und wir auch nicht an ihr. Es waren auch immer Schwestern, die mit uns die Schulbank drückten.
      Als ich Mitte der siebziger Jahre meine erste Studentenwohnung im tiefsten Neukölln bezog, hatte ich auch noch Kohleöfen und ein Waschbecken für alles in der Küche. Erst kam die Heizung, Duschen wurden dann auch in der ehemaligen Speisekammer eingebaut, und die Miete stieg um das Dreifache. Das konnte sich kein Student mehr leisten und wir zogen alle aus. Und wie die alten Leute, die Jahrzehnte dort gewohnt hatten, das bezahlten, interessierte niemanden.
      Wir haben alle nebenher gearbeitet, denn Bafög bekam kaum jemand. Aber wir hatten unsere eigenen vier Wände, darauf kam es an.

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  4. ein kleines bissel erinnern mich die Schlafschilderungen an Harry Potters Hogwarts *lach*, na ja, ein winziges bissel.

    In den Jahren Eurer Schulzeit dort waren Waschschüsseln auch in den Haushalten üblich oder Waschbecken, die sehr anders aussahen als unsere heutigen.

    Alles klingt irgendwie verlockend, finde ich, so stelle ich mir ein Internat dieser Zeit vor, nicht nur eines im Kloster.

    Aber ich wurde auch nicht verpimpel *g* und bin zur Zeit leider doch oft erkältet.

    Wenn ich an die damaligen Schlaraffiamatratzen denke, die dick und fett dreigeteilt im Bett lagen, dann denke ich, Strohsäcke waren nicht schlimmer…

    Lieber späte Abendgrüße von Bruni

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  5. Oweiha, so schlimm hätte ich mir das gar nicht vorgestellt. Ist ja vorsintflutlich (oder so). Da war ich mit Glück gesegnet, dass ich keine Interne gewesen bin. Falls sich die Klasse nochmal trifft, dann muss ich die Internen fragen, ob es bei ihnen auch so zugegangen ist. Interessante Schilderung!

    Ganz kaltes Waschwasser! Ob man das heute den Schülern und Schülerinnen auch noch zumuten dürfte? Doch ich weiß schon auch noch, wie der Badezimmerofen immer angeheizt werden musste, unterm Waschbecken war das Heißwassergerät angebracht. Geschadet hat es uns nicht, aber ich brauche es auch nicht wieder.

    Strohsäcke?! Wo warst du hingeraten? Mir fallen da ganz spontan erste Reisen nach Sizilien in die Landhäuser ein, Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. In den alten Bauernhäusern schlief man damals auch noch auf Strohsäcken. Das hat sich auch radikal geändert.

    Ich finde deine Schilderungen sehr, sehr spannend!

    Lieben Gruß, Brigitte

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    • So vorsintflutlich kam mir das damals gar nicht vor. Heute wäre das undenkbar und ich glaube, keine Ordensschwester, selbst in den strengsten Orden, schläft noch auf Strohsäcken.
      Viele Klöster haben sich umorientiert und nach außen geöffnet, um überleben zu können oder kleinere Orden sterben vielleicht sogar aus.

      Sobald ich etwas mehr Luft habe, geht es weiter… 🙂
      Liebe Grüße,
      Anna-Lena

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  6. Liebe Anna-Lena,
    da hat man als Kind immer Internatsbücher verschlungen, aber wie es tatsächlich war, scheine ich erst jetzt bei Dir zu erfahren. Ich hätte zum Beispiel nicht gedacht, dass ihr derartig spartanisch leben musstet. Und mit kaltem Wasser waschen… Alle Achtung!
    Das ist so interessant bei Dir, ich nehme Dich in meine Blogroll mit auf und komme wieder.
    LG
    Astrid

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