Lebensabschnitte (10) Das leibliche Wohl

Das leibliche Wohl

In einem Haus mit etwa vierhundert Bewohnerinnen muss ein guter Organisationsgeist wehen, damit niemand verhungert oder verdurstet, denn die Mahlzeiten wurden pünktlich eingenommen.
Gekocht wurde selbst, auch Brot und Kuchen wurden im Hause gebacken und im großen Klostergarten standen viele Obstbäume. Es gab Rhabarber, Johannisbeeren, Erdbeeren und Stachelbeeren, Gemüse, ja, sogar ein Spargelfeld versteckte sich in einem Teil des großen Gartens.
Die wenigen Hühner deckten sicherlich nicht den gesamten Bedarf an Eiern und weiteres Viehzeug gab es nicht.

An Sonn- und Feiertagen halfen wir Schülerinnen in der großen Küche und in der Bäckerei aus und auch die Obsternte fiel zum Teil in unsere Freizeit. Wenn man mit einem roten Pullover zwischen den roten Johannisbeersträuchern saß, hatte man die perfekte Tarnung, sich nebenher an den frischen Früchten satt zu essen.

In unserem Speisesaal (Kandidatur im Klosterdeutsch, der Speisesaal der Schwestern war das Refektorium) saßen unsere Internatsleiterinnen jeweils an einem Ende. Wir Schülerinnen saßen nicht nach Klassen geordnet, sondern bunt durcheinander. Das war eine der wenigen Möglichkeiten, Schülerinnen aus anderen Klassen besser kennenzulernen.
Am Samstag „rückten“ wir weiter. An jedem Tisch saßen zehn oder zwölf Schülerinnen. Die eine Seite rückte drei Plätze nach rechts, die andere jeweils drei Plätze nach links. So hatte man nicht ständig dieselben Gesichter vor der Nase, was manchmal ganz gut war, denn man liebte auch nicht jede Mitschülerin heiß und innig.

Kritisch war es immer, wenn man an den Tisch der beiden Schwestern rückte. Da musste man sich schon ein wenig zusammennehmen und vielleicht auch überlegen, was die Tischgemeinschaft hören durfte und was nicht.

Unser Essen kam in großen Behältern aus der Klosterküche und mehrere Schülerinnen hatten tischweise ihre Aufgaben. Die Mädchen von einem Tisch machten die Suppenterrinen fertig und stellten sie auf die Tische, andere füllten das Essen in Schüsseln und trugen auf, andere trugen wieder ab und wieder andere hatten die Aufgabe abzuwaschen. Die Reste kamen wieder in die Großküche. Einige Schülerinnen wischten die Tische ab und nach den Mahlzeiten musste der Speisesaal ausgefegt werden.

Vor und nach dem Essen wurde gebetet. So geschah es, dass Uli und ich mal in einer Woche am selben Tisch und uns gegenüber saßen. Wir hatten schon bei Tisch so gelacht, dass wir uns nun mit aller Disziplin zusammenreißen mussten. Fehlanzeige – ich war genau im Blickfeld von Sr. C. , die mich beim „Engel des Herrn“ lachen sah, die Hand vor den Mund gepresst. Dass Uli mir gegenüber aber auch lachte, sah sie nicht.
Mit ihren ewig quietschenden Schuhen auf dem stets frisch gebohnerten Boden machte sie sich mitten im Gebet auf um mich rauszuschmeißen. „Schämen Sie sich nicht, beim „Engel des Herrn“ zu lachen?“ . Die eindeutige Kopfbewegung verschaffte mir die Erlösung. Ich schämte mich nicht im geringsten, der Engel des Herrn war mir gerade so etwas von egal und ich rannte auf die nächste Toilette, sonst wäre mir noch obendrein die Blase geplatzt.

Am Ende unseres Speisesaales war eine gemütliche Ecke abgeteilt, die uns auch in der Freizeit mit Büchern, Spielen und Sitzgelegenheiten zur Verfügung stand.
Dort hatte jede Klasse von der siebten bis zur zehnten Jahrgangsstufe einmal pro Woche mit Schwester F. eine „erziehliche Stunde“. In dieser eigentlich gemütlichen Ecke konnte es dann auch mal ungemütlich werden.

In unseren siebten und achten Klassen haben wir seit ein paar Jahren einmal pro Woche eine besondere Klassenleiterstunde, in der die Schüler einen Klassenrat halten. Alles, was die Klasse betrifft, Planungen, aber auch anstehende Probleme, werden nach bestimmten Regeln diskutiert. So setzen sich die Schüler sachlich und demokratisch auseinander und lernen schon frühzeitig, Probleme anzupacken.
So in etwa denke ich, liefen auch unsere „erziehlichen“ Stunden ab.

Heute wird unser ehem. Speisesaal für Exerzizien (stille Einkehrtage) genutzt.

ehem. Speisesaal 1 ehem. Speisesaal 2. JPG

Bei sehr großen Gruppen wird auch ein anderer Saal (dort haben wir mit unseren Eltern an Elternsprechtagen gegessen) als Esssaal genutzt.

ehemaliger Lesesaal

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30 Kommentare

    • Ich habe keine gemacht, aber das Haus hat heute ständig viele Gruppen in allen Altersstufen zu Gast. So ein großes Haus muss ja erhalten werden und von den damals etwa dreihundert sind nur noch etwa achtzig Schwestern da. Viele davon sind alt und auch pflegebedürftig, so dass wenige jüngere Schwestern alle Hände voll zu tun haben. Stress im Kloster – das hätte ich mir früher nie träumen lassen, aber im letzten Oktober habe ich es hautnah mitbekommen.

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    • Auch dir ein herzliches Danke für dein Feedback. Ich bin immer mal wieder da gewesen. Anfang der achtziger Jahre wurde die Schule aufgelöst und als die Schülerinnen nicht mehr da waren, zog es mich seltener hin. Vor zehn Jahren war aber ein Ehemaligentreffen, das so schön war, dass ich mich ab da doch wieder viel mit der Zeit auseinandergesetzt habe. Uli habe ich während ihrer Ausbildung einmal in Darmstadt besucht und dann riss der Kontakt für fast vierzig Jahre ab. Vor zwei Jahren haben wir uns über das Internet wiedergefunden und im vergangenen Oktober haben wir uns in Düsseldorf getroffen und sind für ein paar Tage zusammen ins Kloster gefahren. Dort hat uns eine Mitschülerin, die in Holland lebt, besucht und eine andere aus Mönchengladbach hat uns von dort abgeholt. Du kannst dir ja vorstellen, dass wir Weiber uns Unmengen zu erzählen hatten 😆
      Die Fotos, die ich jetzt einstelle, sind vom letzten Oktober oder von 2004. Meine Bilder aus dem Fotoalbum lassen sich zwar einscannen, aber wp unterstützt das Format nicht.

      Liebe Grüße
      Anna-Lena

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  1. Toller Einblick in deine Schulzeit. Exerzitien haben wir auch gemacht in einem Kloster in Bochum – Hordel. Schweigen und beten waren angesagt. Nachmittags gab es jeden Tag Marmeladen Brote. Eine Woche lang. Mir kam die Marmelade nachher aus den Ohren raus. Dir noch einen schönen Abend. L.G.

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  2. Oh ja, liebe Anna-Lena, d.e.r „Engel der Herrn“…. der hatte es an d.e.m Tag wahrhaft in sich…….

    Ich habe an DEINE Adresse eher mimische Lacher geschickt ! … MIT „Erfolg“, wie Du ja selbst noch h.e.u.te mitteilst …. (HA-HA..) !

    Weißt Du, welcher Gedanke mir beim Lesen dieser Erzählung durch den Kopf schoss:

    U.U. hat Sr. C. m.i.c.h ja a.u.c.h lachen sehen, nur hat sie evtl. gedacht, wenn ich nun BEIDE rausschicke, dann lachen sie VOR der Tür genauso weiter….
    Da ist was dran…

    Leider musstest DU dann alleine auf dem WC weiterlachen..

    Wenn ich mich erinnere, sind wir beide dann in unserer Freizeit (nach dem Mittagessen), nachdem ich ganz gezielt auf dem besagten WC nach DIR gesucht habe, in den Garten geflitzt und haben über Deinen „Engel des Herrn“ weitergelacht..

    Zum anderen Teil in der heutigen Geschichte- die „erzieherischen Stündchen“ in besagter gemütlichen Ecke- kann ich definitiv NICHTS beitragen……
    Davon existiert in meiner Erinnerung absolut nichts.
    Die „erzieherischen Kost-Gänge“ von Sr. F. habe ich doch ebenso nötig gehabt…. und trotzdem: mir fällt nichts ein…

    GRUSS! Uli

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    • Ich erinnere mich ziemlich gut, dass sie nur mich im Blick hatte. Du warst auf der Fensterseite und hast dich durch einen kleinen Schritt nach hinten von deiner Tischnachbarin links verdecken lassen. So einen fröhlichen „Engel…“ habe ich nie wieder kennengelernt 😆 .
      Inhalte zur „erziehlichen Stunde“ sind auch bei mir absolut nicht mehr auf dem Radar, aber ich weiß, wen ich mal fragen werde… 😉 .

      Liebe Grüße zu dir ♥

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  3. Für mich ein interessanter Einblick in die Gepflogenheiten bei den Mahlzeiten. Da waren wir ja ausgeschlossen und hatten wirklich seltenst Gelegenheit in die heiligen Hallen zu kommen.

    Die erziehlichen Stunden waren sicher gar nicht so falsch, wenn man dann so liest, wie manche Damen kurz vorm Platzen waren. Doch ich kann dich beruhigen, solches geschah auch in den Klassenräumen. Da musste man das Zimmer verlassen. Was auch gut war, denn so konnte man ungehindert lachen. Heute heißen diese Stunden halt anders, beinhalten jedoch wohl den gleichen Zweck.

    Beim Anblick deiner Fotos erinnere ich mich an ein Kloster, welches zum Gymnasium meiner Tochter gehörte. Das ist auch schon einige Jährchen her, aber im Grunde war es das Gleiche. Es ist die Atmosphäre eines Klosters, die mich immer angenehm beeinflusst hat.

    Liebe Grüße, Brigitte

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  4. Liebe Anna-Lena, was für ein alsolut toller Bericht über die Klostergepflogenheiten und sehr interessiert bin ich ihm von Anfang bis Ende neugierig gefolgt.

    Ist ja nicht der erste Bericht über Deine Zeit dort, aber ich fand jetzt diesen hier so stimmungsvoll und gleichzeitig informativ, daß ich wie andere auch, genau dieses Gefühl hatte, ich habe einen Film ablaufen sehen, ich habe vor mir gesehen, wie Du geprustet hast hinter vorgehaltener Hand und wie Du von den quietschenden Schuhen „abgeführt“ wurdest vor den Speisesaal.
    Als Strafe gedacht, wurde es für Dich eine keine genussvolle Pause *lächel*

    Auch die Aufteilung der Küchen-und Austeilungshilfen der Schülerinnen klangen so für mich, daß ich sie gut nachvollziehen konnte.
    Beim Ernten habt Ihr alle auch bestimmt freudig mitgeholfen/mitgearbeitet (gab es auch Erdbeeren dort im Klostergarten?, da hätt ich immer einen roten Pullover getragen *kicher*) und ich frage mich jetzt, ob Du auch heute noch manchmal einen roten Pullover trägst 🙂

    Herzliche Grüße von einer sehr grippigen Bruni, die heute aber GottseiDank ihr Bett wieder verlassen konnte

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    • Liebe Bruni,
      die Anschaulichkeit ist mir sehr wichtig und wenn du meinst, sie ist mir gelungen, freut mich das. Diese Welt ist doch eine ganz andere, ich habe sie vor meinem geistigen Auge und durchschreite sie. Hin und wieder bleibe ich stehen und hole mir die Momente der Vergangenheit zurück.
      Erdbeeren gab es sicher auch, zumindest erinnere ich mich auch an Erdbeerkuchen und Erdbeermarmelade 🙂 .
      Auf dass du bald wieder ganz fit bist.

      Liebe Grüße von mir zu dir,
      Anna-Lena

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