Lebensabschnitte (7) Neigungsfächer

Neigungsfächer

Bevor ich ins Internat kam, besuchte ich eine Realschule in NRW und stand mit meiner Kunst- und Sportlehrerin auf Kriegsfuß. Entsprechend meiner Einstellung zu den Lehrkräften waren meine Noten und meine Haltung zum Fach Kunst. Musik hatten wir damals nicht.

Wer hätte je gedacht, dass Kunst und Musik zu meinen Neigungsfächern und Musik zu meinem ausgesprochenen Lieblingsfach wurde?
Unsere Kunstlehrerin wirkte zeitlos und hatte manchmal eine etwas „huschige“ Art, aber sie war eine Seele von Mensch. Im ersten Teil des Kunstunterrichtes lernte wir immer Kunstgeschichte. Dazu zeigte sie uns passende Bilder aus der jeweiligen Epoche. Handelte es sich dabei und Werke, die die intimen Körperteile von Männern und Frauen zeigten, waren die selbstverständlich abgeklebt. Noch heute profitiere ich aus diesem Unterricht, in dem es um Kunstgeschichte ging. Im zweiten Teil der Stunde ging es um das eigenen Zeichnen. Da war bei mir seit jeher Hopfen und Malz verloren. Noch heute liefere ich meinen Schülern zusätzlich eine verständliche Erklärung, wenn ich im Erdkundeunterricht die eine oder andere Zeichnung an die Tafel bringe.

Ulrike und ich waren sehr hilfsbereit und so überzeugten wir Schwester L., dass es uns gar nichts ausmache, die Schaukästen im Schulhaus wöchentlich mit neuen Zeichnungen von Schülerinnen zu bestücken. Dabei ließen wir uns immer gerne Zeit, denn es sollte ja anschaulich für alle sein. Pünktlich zum Stundenende waren wir zurück und unsere guten Kunstnoten waren gesichert.

Einmal im Jahr, zu Fronleichnam, hatte Schwester L. das Ruder völlig in der Hand, denn die Wege von Kloster bis zum Schwesternfriedhof wurden von uns Schülerinnen für die Fronleichnamsprozession geschmückt. Das hat uns wirklich Spaß gemacht und sah sehr schön aus, wenn die kleinen Blüten und verschiedenfabiger Sand auf den Wegen im Klostergarten Muster bildeten.

MusikklasseMusikunterricht hatten wir bei Schwester H., die auch unseren Chor leitete. Meinen Klavierunterricht (für den es im Fach Instrumentalkunde auch eine Note auf dem Zeugnis gab) erteilte eine Schwester, die auch in der Kapelle die Orgel spielte. Beide Schwestern machten nebeneinander fast den Eindruck von Pat und Pattachon und hätten unterschiedlicher nicht sein können.
Von zuhause hatte ich keine grundlegenden Kenntnisse der klassischen Musik, meine Eltern waren keine Klassikliebhaber. Meine Mutter jedoch hatte in frühen Jugendjahren das Akkordeonspielen gelernt und meine musikalischen Neigungen verdanke ich zumindest ihren Genen.
Also lernte ich Noten lesen und als ich die ersten Töne auf dem Klavier erst mit einer, dann mit der anderen Hand spielen konnte, war für mich die Welt noch in Ordnung. Aber beide Hände zusammen, das ging erst gar nicht und verursachte so manchen Tränenausbruch bei mir, den Schwester C.-L. mit viel Geduld zum Stillsatnd bringen konnte. Am Ende der zehnten Klasse führten wir beide zusammen Mozarts „Kleine Nachtmusik“ vierhändig vor und alle meine Tränen waren vergessen.

Unser Chor, der von vielen jungen Schwestern verstärkt wurde, konnte sich durchaus hören lassen und so hatten wir auch gelegentliche Auftritte in den umliegenden Pfarrkirchen. Beide Musiklehrerinnen zeigten nicht nur mental, sondern auch körperlich ihren vollen Einsatz, so dass wir manchmal Angst hatten, die Eine flöge demnächst beim Dirigieren rückwärts von der Orgelbühne und die Andere, die wegen ihre geringen Körpergröße immer fleißig hin- und herrutschte, um die Pedale der Orgel zu bedienen, säße irgendwann neben ihrer Orgelbank. Aber wir passten immer gut auf beide auf, so dass jeder Auftritt ohne körperliche Blessuren ein gutes Ende nahm.
Und im Laufe der Zeit verfestigte sich mein Wunsch, später mal in Köln Musik zu studieren. Doch aus bestimmten Gründen blieb es zeitlebens ein Wunsch.

Unsere Musikklasse hat sich bis heute kaum verändert, außer, dass die Schülertische fehlen.

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10 Kommentare

  1. Liebevoll sind Deine Zeilen über die Schulzeit dort im Kloster und genau so klingen sie, wenn Du über die einzelnen Fächer erzählst.
    Du hattest Lehrerinnen mit großem Einfühlungsvermögen, scheinbar auch in mitunter schwierigeren Situationen und ihre gelegentlichen Schrullen sind so nett beschrieben, daß es eine wahre Freude ist, hier zu lesen, liebe Anna-Lena.

    Liebe Grüße von Bruni

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  2. HALLO !! Hier ist wieder ULI !!

    Liebe Anna-Lena !

    Deine Erzählung- ab Deiner Berichterstattung mit dem Kunst-Unterricht- kann ich Deiner Leserschaft wieder voll und ganz bestätigen.

    Ich möchte hier noch m.e.i.n.e „Erfahrungen“ beisteuern:

    Ebenso wie Anna-Lena stand ich mit dem Fach „Kunstgeschichte“ auf Kriegsfuß….. nur mit dem Unterschied, dieser „Krieg“ hat sich- zumindest während der Schulzeit- nie gelegt !
    Heute zeige ich dsbzgl. mehr Interesse.

    Was das Malen betrifft ……… oh je………….. da bin ich ganz die Tochter meines Vaters !!
    E.r kam auch nie über das Stadium des „Strich-Männchen-Malens“ hinaus; ICH auch nicht (bis heute !).

    Wie herrlich fand ich es, mit Anna-Lena die Schaukästen im besagten Schulgebäude stets neu dekorieren zu können !
    Immer der Jahreszeit entsprechend oder einem der kirchlichen Feste angemessen.

    Meine Note 3 in „Kunst“ auf dem Zeugnis,fand ich dann auch nicht sooooooooooooooo zu Unrecht; hatten Anna-Lena und ich uns
    doch sehr wohl künstlerisch betätigt……

    Ab und zu bekamen wir sogar ein LOB (!!) zu hören, dass wir wieder schöne Bilder- eben dem Anlass entsprechend- ausgesucht haben.
    Ich muss an dieser Stelle aber auch ehrlich zugeben: Wäre das ein oder andere Bild, was nun „gelobigt“ wurde, aus MEINEN Pinsel-Schwingungen entstanden, dann wäre a.u.c.h meine SEELE ein wenig in Schwingungen geraten….

    Zum Musikunterricht……… : Anna-Lena hat sich auf dem Klavier eine gewisse Virtuosität angeeignet (siehe o.g. Erzählung) ICH habe
    dasselbe auf der Geige versucht. Ebenso wie Anna-Lena,
    habe auch ich mit meiner Geigenlehrerin bei o.g. Vorspiel ein Stück zum Besten gegeben :
    die G.-lehr, spielte den 2. Part der Noten und ich den 1. Part. ! Den Namen des Komponisten meines Stückes weiß ich nicht mehr..(es war aber kein so „vornehmer“ wie „Anna-Lena’s“ Komponist) !

    Keine der Zuhörerinnen hat den Klassenraum während unseres Vorspiels verlassen…. und keine hatte danach unter Hör-PROBLEMEN zu leiden.
    Jede aus unserer Klasse, die ein Instrument erlernte, war bei diesem Instrumental-Musikfach zum Vorspiel aufgefordert/ eingeladen ??

    Unsere wöchentl. Chorproben (2x) waren SPITZE !!
    Ich muss ehrlich sagen: ich war nachher noch in einigen Kirchenchören, aber d.i.e Disziplin und das Repertoire, das wir in diesen Chorzeiten geleistet haben, habe ich in den weiteren Chören schmerzlich vermisst !!
    Natürlich hatten wir in d.e.n Chorproben, von denen Anna-Lena
    erzählt, auch hin und wieder unsere Latein- bzw. Englisch-Vokabeln hinter dem Notenblatt (aus der Sicht der Chorleiterin) , aber wir haben trotzdem mitgesungen !!

    Das Schmücken für die Fronleichnams-Prozession war auch jeweils ein Klassen-Ereignis UND eine Herausforderung !!
    Mich wundert es noch heute, wenn ich entspr. Fotos betrachte,
    dass wir stets wunderschöne Blumenteppiche kreiert haben.

    Dass wir am Abend bzw. nächsten Tag großen Muskelkater von ständigen Bücken hatten, das versteht sich von selbst…

    SO, nun warte ich wieder die nächste Erzählung von Anna-Lena ab (ich weiß im Vorfeld nie, WAS sie berichtet, immer erst, wenn ich ihre literarische Visitenkarte öffne !

    GRUSS! Uli

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    • Wir haben tatsächlich die Dreistigkeit besessen, bei der Chorprobe Vokabeln zu lernen :mrgreen: ????
      Das Vorspielen vor der Klasse war ein MUSS, auch für die Fraktion der Unmusikalischen. Was hatten die eigentlich, wenn wir unsere Übungsstunden hatten, doch wohl nicht frei ?
      Danke auch für deine Erinnerungen, liebe Uli und dir einen zweiten schönen Ostertag,
      Anna-Lena

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      • Liebe Anna-Lena!

        Nein, frei hatten sie nicht.
        Wir hatten doch unseren Instrumental-Unterricht stets am Nachmittag, während unserer geregelten Studien-Zeit (sprich: Hausaufgaben-Zeit).
        Wir mussten an den zwei entspr. Nachmittagen unsere Hausaufgaben „schneller“ erledigen.
        Das ist DIR ja stets besser gelungen als mir, da DU in Latein und Englisch klüger (ist NICHT ironisch gemeint !!) warst- und immer noch bist- als ich!!

        Zum o.g. – von Dir gewählten Begriff „Dreistigkeit“… :

        Ich weiß es tatsächlich nicht, ob DU diese besagte „Dreistigkeit“ nicht a.u.c.h besessen hast (haben wir denn im Chor nicht nebeneinander gesessen ??…; ich weiß es nicht mehr), was aber MICH betrifft, liebste Anna-Lena, so tituliere ich m.e.i.n Verhalten NICHT mit „Dreistigkeit“,………
        …. in meinem Fall war es (m)ein Überlebens-Training in besagten Fächern……….

        Und überhaupt: die Notenblätter hatten meist ein DIN-A 4 Format, das Englisch- bzw. Lateinbuch zum Glück nicht; da verlangt es doch keinen großen Mut, diverse Bücher hinter den Notenblättern zu verstecken…

        Zu meiner Ehren-Rettung möchte ich an dieser Stelle aber auch erwähnen: das Lernen der Vokabeln während der Chorproben, war durchaus auch von zahlreichen anderen Mitschülerinnen ein beliebtes „Hobby“ !

        Zum Format der Schulbücher im Vergleich mit den Notenblättern :
        Da haben WIR BEIDE, lb. Anna-Lena, in anderen Situationen viel größeren MUT bewiesen !!

        Aber das überlasse ich nun wieder Deinem Erzähl-GEN !!

        GRUSS- und einen schönen OSTER-Montag-
        Uli

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        • Mit Sicherheit habe ich diese Dreistigkeit auch besessen, wir haben ja oft das Nützliche mit dem Praktischen verbunden. Und bei den Chorproben kannten wir ja irgendwann eh alles auswendig, so dass ein gelegentliches Vokabellernen nebenher durchaus legitim gewesen ist. Wenn ich allerdings bedenke, was ich heute noch vom Lateinischen weiß und kann, habe ich nicht gründlich genug gelernt 😦 .

          Auch dir einen schönen Ostermontag.
          Mit liebem Gruß,
          Anna-Lena

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  3. Beim Lesen fühlte ich mich fast zurück versetzt in meine eigene Schulzeit. Wir hatten zudem noch Kochen, und man sah der Schwester an, dass sie gerne kochte. Aber – die Kochstunden waren sehr schön, und wir achteten darauf, dass wir alles gut machten. Wir mussten das schließlich auch aufessen.

    Musikalisch war ich auch nie, meine Versuche Akkordeon zu spielen waren schrecklich. Und ich erinnere mich an den verzweifelten Gesichtsausdruck des Lehrers. Der dachte sicher, dass hier Hopfen und Malz komplett verloren sei.

    Ich freu mich auf noch mehr!!

    Liebe Grüße, Brigitte

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    • Liebe Brigitte, kochen mussten wir zum Glück nicht, wobei mir das sicher nicht geschadet hätte, denn wenn meine Mutter mich an den Kochtopf oder an die Nähmaschine holen wollte, bekam ich immer Migräne 😆 .
      Nach dem Internat habe ich mit der Bratsche angefangen, denn wir hatten keine Klavier zuhause und konnten auch keines stellen. Meine Familie ging regelmäßig stiften, wenn ich das Ding auspackte und versuchte, einen richtigen Ton zu treffen. Ich habe es auch zum Abitur hin wieder aufgegeben 🙂 .

      Liebe Grüße
      Anna-Lena

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