Lebensabschnitte (6) Ein Schwarm bunter Vögel

Ein Schwarm bunter Vögel

Damit meine ich nicht unser äußeres Erscheinungsbild, sondern eher unsere regionale Herkunft. Wir waren ein buntes Gemisch von Mädchen aus allen Himmelsrichtungen. Die Saarländerinnen waren sehr zahlreich vertreten und wenn sie miteinander im Heimatdialekt sprachen, verstand ich zumindest kein Wort. Eine sehr große Gruppe bildeten diejenigen aus Nordrhein-Westfalen, während ich, mittlerweile Berlinerin, den deutlich weitesten Weg hatte. Wir sprachen deutsch, uns zwar reinstes Hochdeutsch, so dass die Verständigung miteinander kein Problem war.

Unsere Lehrerinnen unterrichteten nach den Schulrahmenplänen von Nordrhein-Westfalen und wir waren als deutsche Auslandsschule anerkannt. Unsere holländischen Sprachkenntnisse erwarben wir am Samstag, wenn wir im angrenzenden Ort einkaufen gingen oder auf dem Klo.
Weiches Klopapier war der reinste Luxus und so begab es sich, dass auf unseren Toiletten klein geschnittene holländische Zeitungen als Klopapier dienten. Längere Aufenthalte waren daher durchaus lehrreich. Zumindest hatten wir unsere Toiletten in erreichbarer Nähe, während in meiner Verwandtschaft das Klo auf halber Treppe durchaus noch normal war.

Unsere Kleidung musste natürlich dem Haus angepasst sein. Die „draußen“ modernen Miniröcke hätten die Klosterpforte erst gar nicht passieren dürfen. Und Hosen für ein Mädchen – undenkbar! Dunkle und züchtige Kleidung bis zum Knie war angesagt, dazu schwarze Strümpfe und keine allzu farbigen Oberteile.

In der siebten Klasse trugen wir Pellerinen (einen kurzen schwarzen Schulterumhang, der nur die Schultern und Oberarme bedeckte). Diese Kleidungsstücke erwiesen sich als äußerst praktisch, denn man konnte so Einiges, was nicht erlaubt war, in den Schlafsaal schmuggeln. So war das Zähneputzen so manches Mal am Abend umsonst. Wer etwas teilen konnte, machte es auch.
So kam es, dass Uli samt ihrer Bettdecke und süßer Kostbarkeit auf dem Weg zu mir war, als sie überraschend unserer Internatsleiterin gegenüber stand, die auf ihrer letzten Runde das Licht löschen wollte. Und da Uli weder auf den Kopf noch auf den Mund gefallen war, begrüßte sie die Schwester mit einem Bibelzitat: „Stehe auf, hebe dein Bett auf und gehe heim!“ (Matthäusevangelium 9,6).
Etwas Süßes und eine Taschenlampe (natürlich auch ausreichende Batterien) waren das Highlight im Schlafsaal. Damit konnte man so manche ohnehin kurze Nacht noch weiter verkürzen.
Die Kleiderordnung lockerte sich im Laufe der Zeit, aber das Thema Hosen war lange Zeit ein Tabu. Was haben wir unserer Schulleiterin die Bude eingerannt mit einer langen Latte von Argumenten!!!
Letztendlich durften wir die Hosen anziehen, wenn wir das Gelände verließen, aber danach verschwand das Ding wieder im Schrank.

Wir hatten einen Sportplatz, den wir im Sommer intensiv nutzten. Im Winter quälten wir uns auf Matten, Böcken, an der Sprossenwand und auf dem Barren. Ich erinnere mich, dass wir Trainingsanzüge trugen. Unsere Sportlehrerin trug einen Turnrock, das war eine Art Hosenrock, eine dunkle Strickjacke oder Trainingsjacke und ihren Schleier. Bei einer Vorturnübung auf dem Stufenbarren beschloss der Schleier, ein Eigenleben zu führen und flog im hohen Bogen durch den Turnsaal. Waren wir entsetzt? Ich glaube nicht, ich denke sogar, wir lachten uns still eins ins Fäustchen (ich auf jeden Fall)!

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27 Kommentare

  1. Liebe Anna-Lena, wieder so lebendig erzählt, als wären wir dabei.
    Saarländer Dialekt muss ja eigenartig gewesen sein.
    Hihi, beim Turnen ist der Schleier davon geflogen, herrlich.
    Aber dass ihr tatsächlich irgendwann Hosen tragen durftet, das war ja echt ein Zugeständnis der besonderen Art.
    deine Bärbel

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  2. *lächel*, so, so, den saarländischen Dialekt hast Du nicht verstanden? Den kann ich gut, *hihi*, stamme ich doch aus Saarbrücken, auch wenn ich nun schon ca. 40 Jahre lang
    nicht mehr dort wohne. Ehrlich gesagt, mag ich ihn nicht und
    spreche ihn nur dann, wenn ich dazu gezwungen bin 🙂

    Die Kleiderordnung unterschied sich also doch von der außerhalb
    des Klosters. Ich hätte Dich zu gerne mal in dieser züchtigsittsamen Kleidung gesehen, liebe Anna-Lena
    und auch die Szene mit dem fliegenden Schleier hätte ich
    zu gerne miterlebt.

    Liebe Grüße von mir

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  3. Das war dann alles noch mal einen Tick strenger als in einem ’normalen‘ Internat. Aber wie ich lese, hattet ihr trotzdem euren Spaß.
    Als ich in der Grundschule war, durfte man auch keine Hosen anziehen. Oder es musste ein Rock darüber getragen werden. Was für seltsame Zeiten!
    LG, Ingrid

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  4. Hier noch einmal besagte Uli…

    Liebe Anna-Lena !

    Oh ja, an die Szene mit der Bettdecke kann ich mich noch gut erinnern:

    Hier ein paar Zeilen an die Leser-SCHAR dieser literarischen Visitenkarte… zum Vertiefen der o.g. Episode .
    Man stelle sich vor: ICH, damals- wie heute- 160 cm groß, mit der großen, dicken Bettdecke über meiner Schulter hängend = will zu Anna-Lena, um mich (mal aus Spaß) bei ihr einzuquartieren..
    Nun stehe ich aber- bevor ich ihr Domizil erreiche- vor der Internatsleiterin und bin baff,…. aber so was von BAFF !!

    SO dermaßen auf frischer Tat ertappt zu werden… d.a.s Kunststück hat zu meiner Kinderzeit einzig mein Vater geschafft…. immer dann treff-sicher das Zimmer zu betreten, wenn man alles andere vermutet hat ,aber nicht s.e.i.n „Erscheinen“.
    Das Problem, wenn man auf frischer Tat erwischt wird, ist ja = man kann absolut n.i.c.h.t sagen : „ICH war’s nicht…..!!“
    Also musste schnell ein „schlauer“ Satz her…
    Dass mir nun eine Bibelstelle einfiel, hing bestimmt damit zusammen, da wir von der Internatsleiterin auch im Fach „RELIGION“ unterrichtet wurden..

    Ehe sie nun überhaupt was sagen konnte… hieß „Attacke-Angriff “ (übersetzt: „Flucht nach vorne“) mein Motto.
    Also zitierte ich o.g. Bibelstelle und trat- nicht mehr ganz so leichtfüßig- … den RÜCK-Weg zu m.e.i.n.e.m Domizil an…

    Ein „kleines Schmankerl“ zu dieser Episode hat Anna-Lena aber vergessen (??? ha,ha) zu erwähnen :

    SIE stand nämlich in d.e.m Augenblick, als ich mehr oder weniger bescheuert (pardon) VOR der Internatsleiterin stand, breit grinsend (vom li. Ohr bis zum re.Ohr !) HINTER der selbigen….. und schwieg (klugerweise…!!) !!

    P.S.: Auch aufgrund der so spontan(!) zitierten Bibelstelle bekam ich selbstverständlich (!!) keinerlei Vorzugs-Behandlung in den nachfolgenden Reli-Stunden .

    Herzliche Grüße
    Uli

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    • Liebe Uli,
      dass es manchmal klüger war zu schweigen, hatten wir schnell drauf, oder? (Ich sage nur Speicher 😆 )
      Es gab aber noch so einige Episoden, in denen wir uns schnell etwas einfallen lassen mussten und um Ausreden nicht verlegen waren.
      Mir wäre das Bibelzitat niemals eingefallen. Du hast wohl in den Predigten besser aufgepasst als ich 😉 ?

      Liebe Grüße
      Anna-Lena

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      • Liebe Anna-Lena!

        Mir fallen nun ganz spontan 2 weitere Bibelstellen dazu ein:

        1. „Macht euch keine Gedanken, was ihr zu eurer Verteidigung vor Gericht sagen/antworten sollt , denn nicht i.h.r werdet dann reden, sondern der HEILIGE GEIST (…ab „denn….“ = steht es wirklich w.ö.r.t.l.i.c.h so da = bei Mk 13,11) !

        Bei Mt 10,19 lesen wir (betr. die 2.Satzhälfte): „……. , denn es wird euch zu jener Stunde eingegeben, was ihr sagen sollt“.

        Frei übersetzt sage ich dazu: „Den SEINEN gibt’s der HERR im Schlaf“ … (Bettdecke und dazu den SCHLAF kombinieren….die Situation wurde also bereits von „oben“ korrekt gedeutet!)..

        Bezogen auf Deine Antwort bzgl. meines o.g. „Schmankerls“ : Darf ich DICH daran erinnern = WIR beide saßen „klugerweise“ auch nebeneinander in der Kirche (1. Bank/Mitte) , da soll ich b.e.s.s.e.r aufgepasst haben als DU ??????????? (träum weiter)… zu viel der Ehre von DIR für MICH !!)

        Ich bin gespannt auf DEINE weiteren Internats-EPISODEN !!

        Uli

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  5. Das mit dem Hosenverbot, das ist für mich unvorstellbar, aber es war wohl doch eine andere Zeit.

    Sehr interessant fand ich auch den Austausch der Kommentare zwischen Dir und Uli. Trotz damaliger Zeit habt Ihr doch eine Menge Spaß gehabt und ich glaube, die Schwestern waren letztendlich doch menschlicher als manch ein ziviler Lehrer (siehe Deine Lebensabschitte Punkt 4), oder?

    LG Susanne

    Gefällt 1 Person

    • Ja, wir hatten viel Spaß. Als wir uns im vergangenen Oktober getroffen und ein paar Tage dort verbracht haben, kam an Erinnerungen ganz viel hoch. denn wir waren ja direkt vor Ort. Zudem hatten wir uns mit zwei anderen Klassenkameradinnen getroffen, die eine wohnt in Holland, die andere hat uns abgeholt, da lief das Kopfkino ganz schnell 🙂 .
      Über unsere Lehrerinnen werde ich noch schreiben. Ich glaube, die sind auch die Wurzel für meinen späteren Berufswunsch.

      LG Anna-Lena

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  6. Kommt mir wieder alles sehr bekannt vor. Zwar nicht ganz so schlimm, denn ich war nicht eine von den Internen, sondern ich lebte draußen, in Freiheit. Doch diese Sache mit den Hosen, die mussten wir alle erleiden. Besonders im Winter, und ich hatte einen sehr langen Schulweg, war das nicht lustig.

    Wie sich das alles geändert hat! Doch manches Mal überlege ich, dass die gewisse liebevolle Strenge, die wir hier hatten, nicht auch gut gewesen ist. Wenn ich mir manchmal so anhöre, was sich Schüler heute alles gegenüber den Lehrern erlauben.

    Liebe Grüße und ein entspanntes Osterwochenende, Brigitte

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    • Schüler uns Lehrer heute – das ist ein heißes Eisen und hat auch viel damit zu tun, wie der Lehrerberuf heute angesehen wird. Ich erinnere nur an Herrn Schröders Zitat der „faulen Säcke“. Jugendliche gehen aber generell oft vielfach mit Erwachsenen so um, das sehen und erleben wir tagtäglich und das ist der fehlende gegenseitige Respekt, den viele Eltern ihren Kindern heute nicht mehr vermitteln.

      Auch dir liebe Grüße und entspannte Ostertage 🙂 .

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  7. Liebe Anna-Lena,
    ich lese Deine Internatsgeschichten wirklich gerne!!! In dieser kleinen Geschichte hat mir Deine Freundin Uli mit ihrem Bibelspruch sehr gut gefallen. Ich musste beim Lesen laut lachen 🙂 Ich hätte zu gerne Mäuschen sein wollen, denn so hätte ich das Gesicht der Leiterin gesehen und gehört, was sie geantwortet hat. Vielleicht: „Gehe hin in Frieden!“ Oder?
    LG
    Astrid

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