Lebensabschnitte (4) Hierarchien

In der Hirarchie der Hausgemeinschaft waren wir Schülerinnen das „Fußvolk“. Die Hoffnung, dass die Eine oder die Andrere später mal ins Kloster einträte, blieb aber eher ein frommer Wunsch. Unsere Generation war schon zu weltlich. Eine Klassenkameradin kam in der elften Klasse schwanger aus den Ferien und musste die Schule abbrechen, eine andere Mitschülerin lernte in der Oberstufe ihren Mann kennen, den sie nach dem Abitur in der Klosterkapelle heiratete und mit dem sie noch heute glücklich zusammenlebt.
Offiziell waren wir „Kandidatinnen“ (für den Ordensberuf). In jedem Wäschestück war demzufolge auch ein Wäschezeichen einzunähen, damit wir nach dem Waschtag auch unsere persönliche Wäsche zurück bekamen. Mein Kd 1227 habe ich heute noch gut in Erinnerung.

Eine Ordensausbildung ist ein langer Weg, der sich in verschiedene Stufen gliedert.
Entschließt sich eine Frau, in einen Orden einzutreten, ist sie für neun Monate Postulantin und hat Zeit, langsam in die Gemeinschaft und das Leben, das sie führen will hineinzuwachsen. Heute ist es möglich, das Postulat intern oder extern oder als eine Mischung zu durchleben, um Schritt für Schritt aus seinem bisherigen Leben Abschied zu nehmen. Zu unserer Internatszeit erkannte man die Postulantinnen an ihrer zivilen Kleidung. Heutzutage ist das Tragen der Ordenstracht eine freiwillige, aber dann auch bindende Entscheidung.

Wie das Postulat dient auch das Noviziat der Entscheidungsfindung, das zukünftige Leben ganz nach den Gelübden der Armut, der Ehelosigkeit und des Gehorsam auszurichten. Diese Phase dauert zwei Jahre lang,  beginnt mit der Einkleidung und endet mit dem ersten Gelübde für ein Jahr.

An das Noviziat schließt sich das Juniorat an. Die Schwester ist in ihrem erlernten Beruf tätig oder hat die Chance, eine neue Ausbildung oder ein Studium zu beginnen
Schwestern im Juniorat erneuern ihre Gelübde jährlich, bis sie sich im sechsten Jahr in der Zeit der Probation auf die ewigen Gelübde vorbereiten.

Mit den ewigen Gelübden bindet sich die Schwester auf ewig an die Ordensgemeinschaft und deren Regeln.
Das bedeutet aber nicht, dass sie auf Gedeih und Verderb bleiben muss und den Orden bis zum Lebensende nicht mehr verlassen kann. Ich habe Schwestern erlebt, die nach Jahrzehnten ausgetreten sind, weil sich ihre Wünsche zur weiteren Lebensplanung geändert haben.
Selbst eine unserer nicht mehr jungen Mathematiklehrerinnen hat sehr spät nach ihrem Austritt einen Mann geheiratet, mit dem sie noch viele Jahre glücklich war.

Wir hatten in unserer Klasse anfänglich drei, ab Klasse acht noch zwei Schwestern, die mit uns die Mittlere Reife ablegten. In anderen Klassen waren auch viele bis zum Abitur dabei. Das erwies sich manchmal als sehr günstig im Nacharbeiten von unverstandenem Schulstoff oder auch als Tauschbörse für Hausaufgaben, wenn man mal keine Lust hatte oder auch in Zeitnot geriet. Manche Lehrerinnen wollten abends gern die Hausaufgaben in ihrem Zimmer haben, um sie am nächsten Tag korrigiert zurückzugeben. Mit unseren Schwestern hatten wir Glück, die standen immer auf unserer Seite, hatten immer ein offenes Ohr für uns und hielten auch bei manchem Schabernack dicht.

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