Lebensabschnitte (2)

„Gott will, dass der Mensch seinen Spaß hat.“
Theresa von Avila
(1515-1582)

Das war schon eine ganz andere und fremde Welt, in die ich mich da begeben hatte.
In den ersten Tagen hatte ich große Mühe, mich in dem Haus, in dem etwa dreihundert Schwestern und einhundertzwanzig Schülerinnen lebten, überhaupt zurechtzufinden. Ständig verlief ich mich. Immer wieder geriet ich an große Türen, an denen „Klausur“ stand. Da war auch unsere Schülerinnenwelt zu Ende und der Eintritt strengstens verboten.
Die Namen vieler Schwestern musste ich mir aufschreiben und sozusagen auswendig lernen, sie hörten sich an wie fremdartige lateinische Vokabeln.
Ab Klasse 7 siezten uns die meisten Schwestern. Bei den Lehrerinnen kam uns das schon sehr eigenartig vor und die meisten konnten wir bekehren, uns zu duzen.

Mit Hilfe einer älteren Mitschülerin, einer Art „Patentante“ (im Klosterdeutsch Schutzengel) wusste ich nach ein paar Tagen, wo ich meine Räume wie Speisesaal, Schlafsaal, Klassenräume, Kirche und Garten fand. Auch die Besonderheiten des Hauses wurden mir sehr schnell deutlich. Es war nicht erlaubt, laut auf den Fluren zu reden. Besonders der Kirchenflur war ein Ort der Stille. Wollte man jemandem etwas mitteilen, zupfte man ihn am Ärmel und zog ihn in den nächsten Türrahmen, um flüsternd das Wesentliche zu besprechen.

‚Ora et labora‘ – Bete und Arbeite – galt in gewisser Weise auch für uns Schülerinnen. Unser Tag war so durchstrukturiert, dass für Heimweh und andere dummen Gedanken keine Zeit blieb.
In der Woche war die Nacht um halb sechs zu Ende. Um kurz nach sechs stellten wir uns in Reihen vor der Kapelle auf, um dann zur Morgenmesse vorne vor den Schwestern Platz zu nehmen. Am Sonntag hatte die Nacht etwas mehr Zeit. Irgendwann wurde am Mittwoch eine Abendmesse eingeführt, nach der es immer heißen Kakao und Brötchen gab und das Aufstehen am Morgen verschob sich auch um eine Stunde. Jede Minute Schlaf war eine kostbare Minute.

Nach dem Frühstück wurden die Betten gemacht, der Schlafsaal aufgeräumt und dann ging es in den Unterricht. Drei Stunden Unterricht, eine Frühstückspause, drei weitere Stunden Unterricht und dann war der Unterrichtstag geschafft.
Nach dem Mittagessen hatten wir eine „Erholungszeit“ im großen Klostergarten und danach mussten wir bis zum Abendessen in unsere Klassenzimmer, um die Hausaufgaben zu machen. Diese Zeit wurde nur durch Chorproben und Instrumentalunterricht unterbrochen. Jede, die einen Hauch musikalisches Empfinden hatte, lernte ein Instrument und sang im Chor.
Nach dem Abendessen hatten wir noch Freizeit und dann ging es zeitig ins Bett. Irgendwann hatten wir in unserem Aufenthaltsraum auch einen Fernseher und waren ganz begierig darauf, am Wochenende einen Blick in die Welt da draußen zu werfen.

Am Wochenende hatten wir am Nachmittag „Ausgang“ in den nächsten Ort, der auch ein paar Geschäfte hatte. Dazu holten wir uns von unserem Taschengeldkonto ein wenig Geld (mit zwanzig DM mussten wir einen Monat auskommen), meldeten uns ab, schnupperten weltliche Luft und meldeten uns nach unserer Rückkehr wieder an. Dieses Procedere erschien uns oft doch sehr kleinlich, aber wer Klassen auf Klassenfahrten begleitet (als Lehrkraft oder als Elternteil) stellt auch das nicht mehr in Frage.

In so einem großen Kloster wurde fast alles selbst hergestellt. Somit war es ungeschriebenes Gesetz, dass auch am Sonntag unsere Hilfe immer erforderlich war. In der Küche und in der Bäckerei wurden immer helfende Hände gebraucht. Die Bäckerei war immer mein Lieblingsort. Wenn frisch gebacken wurde, roch es im ganzen Haus nach Kuchen. Und natürlich fiel in der Bäckerei immer mal ein Stück nebenher ab. Da war das Kartoffelschälen oder Abwaschen in der Großküche doch weniger spannend.

Am Nachmittag machten wir meist einen längeren Spaziergang (Pflicht von Klasse 7-10) und danach hatten wir immer noch Zeit für uns. Das Briefeschreiben fiel meist auf den Sonntagnachmittag und die Andacht beendete das Wochende.
Wir Mädchen waren ja in sämtlichen Bundesländern beheimatet, so dass am Wochenende niemand nach Hause fuhr. Besuche waren erlaubt und manchmal war es schon bitter, so weit von zu Hause weg zu wohnen und keinen Besucht zu bekommen.

An den Stundengebeten der Schwestern nahmen wir nur bedingt teil. Die Messe morgends war Pflicht und die Vesper zwei Mal in der Woche und natürlich am Sonntag auch.
Neben dem Beten und Arbeiten gab es auch viele Anlässe zu lachen, daher passt das Zitat der Theresa von Avila durchaus auch zum Klosterleben.

Kirchenflur

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19 Kommentare

  1. Liebe Anna-Lena, das war ein strammes Programm, was ihr zu absolvieren hattet. Dabei wart ihr ja gar keine Nonnen, sondern Schülerinnen.
    Aber ihr habt euch mit der Zeit daran gewöhnt, kann ich mir vorstellen.
    Wie schön, dass es doch freie Zeiten für euch gab und Gründe zum Lachen. Denn das tut der Seele soooo gut.
    Danke für das Kennenlernen vom Internatsleben.
    deine Bärbel

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  2. Ich empfinde das Leben damals als recht streng, aber gut durch organisiert.
    Das wäre nichts für mich gewesen. Überhaupt ein Internat, egal ob jetzt Kloster oder nicht. Ich bin einfach zu gerne alleine und mache das worauf ich Lust habe… du siehst …völlig verlottert *lol*
    Aber ich freue mich das du dich dort wohl gefühlt hast und ihr zusammen euren Spass hattet.
    Sicherlich lernt man in einem Kloster noch andere Dinge als auf einer normalen Schule.
    Ich bedanke mich für den Bericht, es war interessant zu lesen wie es dir ergangen ist.

    Ich wünsche euch einen schönen Sonntag ♥
    kkk

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  3. ALLES korrekt erzählt, das bescheinige ich hiermit der Leserschaft (ich war mit Anna-Lena in einer Klasse) !
    In so einem riesigen Gebäude… mit sooooooooooooo vielen Menschen, da muss es einfach eine klare Struktur geben.
    Ich glaube, unsere Freizeit war doch recht knapp bemessen, das erwähne ich jetzt im Rückblick… damals war uns das alles stimmig.
    Das hing aber damit zusammen, weil wir alles in einem großen „Trupp“- sprich mit vielen Kameradinnen- erledigen konnten; der Gesprächsstoff ging uns nie (!!) aus !!
    Ja, lb. Anna-Lena, ich bin gespannt auf Deinen weiteren Lebens- BERICHT.
    GRUSS!
    Uli

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