Wenn Vergangenes wieder lebendig wird… (2)

Mit dieser Mail begann mein Kopfkino seine Arbeit. Fräulein (damals bestanden unverheiratete Frauen noch auf der Anrede ‚Fräulein’) K. war unsere Religionslehrerin und ich hatte Angst vor ihr. Von Zeit zu Zeit bekam sie im Unterricht epileptische Anfälle und ich saß wie erstarrt auf meinem Platz. Einmal stand sie am Fenster und steckte sich ein Stück Kreide in den Mund, ein anderes Mal zog sie einem Schüler den Stuhl unter dem Hintern weg.
Wer wusste damals schon, was epileptische Anfälle sind und wie man damit umgeht?
Ich jedenfalls habe ihre Nähe gemieden.

In dieser Zeit hatte ich so manchen Tadel einzustecken. Im Zeichenunterricht , die Kunstlehrerin hatte kurz mal den Raum verlassen, malte ich mit meinem Pinsel auf der Wange einer Mitschülerin herum und wir hatten einen höllischen Spaß. Ich bekam dafür einen Tadel.
Hatte man sich mit der Kunstlehrerin angelegt, war man gleich auch grundlos bei der Sport-/Handarbeitslehrerin und bei der Biologielehrerin unten durch. Drei wahre „Damen vom Grill“! Mein Handarbeitstrauma hielt bis ins Erwachsenenalter an.

In meiner grenzenlosen Hilfsbereitschaft schrieb ich bei einer Mathematikarbeit die Lösung fein säuberlich auf einen kleinen Zettel, den ich meiner Freundin auf einem Lineal, das sie gerade unbedingt brauchte, herüber reichte. Auf dem Nachhauseweg, wir schoben unsere Räder, weil wir gleichzeitig mit einer Eistüte in der anderen Hand beschäftigt waren, gestand sie mir, sie habe den Zettel im Heft vergessen.
Meine Handschrift war eindeutig, Lügen wäre zwecklos gewesen und ich bekam einen Tadel und „Wegen Täuschungsversuch – ungenügend“.

Wenn ich heute so darüber nachdenke, stand ich ziemlich oft in der Ecke, in einer Ecke vor der Klasse, aber mit dem Rücken zur Klasse.

Viel später am Berliner Gymnasium liefen auch allerhand schräge Vögel herum. Vor der Biologielehrerin stand man schon vor dem Unterricht stramm. Kaum hatte die Stunde begonnen, zückte sie ihr Notenbuch, starrte durch ihre randlose Studienrätinnenbrille auf das Namensregister und murmelte: „ Wen nehm wa denn heute ma?“ Traf es einen Jungen, folgte garantiert ein „Na, Männecken, dann kommse mal nach vorn und referiern se ma!“ Wehe, man verfiel in den Neuköllner Jargon, so folgte alsbald „Könnense nich Hochdeutsch reden? Wer solln dat verstehn?“

Die Physiklehrerin erschien eines Morgens im Unterrock zum Unterricht, er war dunkelblau, und wir ließen sie in dem Glauben, alles sei in Ordnung. Hätten wir ihre Welt durcheinanderbringen sollen?

Der Englischlehrer, Brille Glatze und Choleriker durch und durch, warf immer mit einem dicken Schlüsselbund durch die Klasse, wenn jemand redete. Ein Wunder, dass nie jemand getroffen wurde. Dafür berührte er mich unsittlich, als er bei einer Englischarbeit unter meiner Strumpfhose einen Spickzettel vermutete. Um die sechs zu rechtfertigen, schob er kurzerhand den ohnehin kurzen Minirock drei Zentimeter höher, um das corpus delicti mit eigenen Augen zu sehen. Bingo!!!

Der Lateinlehrer, ein begeisterter Romreisender, vergaß gelegentlich die Gallischen Kriege und schweifte gerne zu den besten Lokalitäten mit der schmackhaftesten Pasta in Rom ab. Trotzdem bestanden wir alle das große Latinum.

Und wenn jetzt jemand sagt: ‚Und so etwas wird selbst Lehrerin’, suche ich mir einen Psychologen und mache eine Reise in die Untiefen meiner Seele. Vielleicht liegt dort irgendwo ein Trauma begraben???

chroni1 chroni2Bildquelle

Advertisements

23 Kommentare

  1. Das macht doch Laune, gell liebe Anna-Lena, so in der Vergangenheit „herum zu denken“, mache ich auch zu gerne 😉
    Ich mag diese alten Bilder sehr 😀
    Dein schlüsselbundwerfender Englischlehrer hätte diese unsittlichen Berührungen heute schwer zu büßen oder auch nicht, wenn er genügend Vitamin B hat 😦
    Sei lieb gegrüßt von der ♥ Pauline ❤

    Gefällt mir

  2. Ein köstlicher Rückblick, aber auch nachdenklich machend. Da nach dem Krieg wahrscheinlich Lehrermangel herrschte, nahm man anscheinend jeden. Ich hatte auch so ein paar komische Lehrerinnen und Lehrer. Ich kann mir kaum vorstellen, dass heute noch eine/r damit durch käme. Aber wer weiß?

    Gefällt mir

  3. Kommt mir alles irgendwie bekannt vor! Meine Lehrerin in Maschinenschreiben hieß Susanna, eine ganz alte Schwester, und wenn man nicht tat auf der Stelle, wie sie wollte, dann schlug sie einen mit dem Lineal auf den Kopf.

    Kein Wunder, wenn man dann blöde wird *ggg*! Ja, heute dürften die das nicht mehr tun, da würden die Helikopter-Eltern aber sofort anfliegen. Meine Eltern meinten immer: Wirst es schon verdient haben!“ Also,erheblichen Schaden habe ich nicht davon getragen. Oder?

    Lieben Gruß, und mach weiter so, Brigitte

    Gefällt mir

  4. Oh jemine, liebe Anna-Lena !…..
    Dagegen hatten wir es in unserer Schule im Internat in Holland doch recht gemütlich, meinst Du nicht.

    So feige, dass wir uns nichts „geleistet“ haben, waren wir BEIDE doch schon mal gar nicht !!

    Einen um sich werfenden Lehrer (er war der Rektor der Schule) hatte ich auch mal= er warf immer mit der Kreide.
    Einmal warf er nach mir… ICH habe postwendend zurückgeworfen (das Gen des Völkerball/Brennball-Spiels) !!
    Oder… wenn man eine besonders „schlaue“ Antwort im Unterricht gab, stürzte er zum Fenster…. NEIN … er sprang nicht raus (fast möchte ich nun schreiben: leider … PARDON !!) ,
    sondern
    er griff sich den erstbesten Blumentopf und stellte ihn der „schlauen“ Person auf die Schulbank.
    LEIDER hatte dieser Mensch von Pädagogik keinerlei Ahnung… Ein Schüler rannte mal wegen ihm aus der Klasse bzw. dem gesamten Schulgebäude….
    Ich bin ihm hinterher, weil ich es nicht ertragen konnte, wie dieser „Lehrer“ – zu UNRECHT- das wussten alle aus der Klasse- auf den armen „Kerl“ zuvor eingedroschen (ja, das stimmt!!) hat.
    Dieser sog. Rektor schrie zwar hinter mir her… aber das hat mich nicht gestört.
    Ich bin dann mit dem Mitschüler zu ihm nach Hause gegangen… seine Eltern haben die ganze „Angelegenheit“ dem Schulrat zugetragen.
    Der Rektor blieb Rektor…. ; in den folgenden 2 Jahren bekamen wir dann eine umso nettere Lehrerin, die ich heute noch schätze.

    Aber… heute möchte ich erst recht keine Lehrerin sein.

    Ich habe fast den Eindruck, dass die Lehrpersonen früher nicht den nötigen RESPEKT den K.i.n.d.e.r.n gegenüber hatten….

    Und heute habe die Schüler bzw. Schülerinnen nicht den nötigen RESPEKT dem L.e.h.r.p.e.r.s.o.n.a.l gegenüber.

    TSCHÜSS, Anna-Lena, unsere gemeinsame SCHUL-ZEIT war toll… und aus UNS ist ja schließlich auch was geworden (obwohl ich kein MATHE-GENIE war… und auch noch nicht bin bzw. nie eines werde….!
    HURRAA!! GRUSS! Uli

    Gefällt 1 Person

  5. Kommt mir alles sehr bekannt vor. Wir hatten einen Kaplan der mit Kreide geworfen hat, unser Klassenlehrer warf auch mal mit dem Schlüsselbund. Nur uns hat man nicht in die Ecke gestellt, sondern es gab was mit dem Rohrstock auf den Allerwertesten. Dazu musste man nach vorne kommen und sich über die Bank legen. Heute unvorstellbar. Ich wünsche dir noch einen schönen Abend und ein tolles Wochenende. L.G.

    Gefällt mir

  6. Auch Backe, jede Menge Merkwürdigkeiten dort versammelt…
    Kein Wunder, wenn ein stets wacher Geist hier seine Tadel einsteckt.
    Wenn man hört, für was die Tadel und miesen Noten vergeben wurden, dann weiß man, wer sie wirklich verdient gehabt hätte…

    Du hast es gut überstanden und bist tatsächlich selbst Lehrerin geworden. Vermutlich wolltest Du auch allen zeigen, daß DU es besser kannst und ich bin sicher, daß es auch genau so ist, daß die Schüler wissen, sie ist streng, aber sie blickt durch und kann auch mit uns lachen.
    Beides ist wichtig u. diese Balance wirst Du meist 🙂 gut beherrschen

    Herzliche Grüße zum Samstag von mir

    Gefällt mir

    • Heute gibt es keine Tadel mehr und selbst über die Verweise lachen manche Schüler. Es bedeutet erst mal nicht mehr, als ein weiteres Blatt in der Schülerakte.

      Ich denke, heute sind Lehrer genau so machtlos wie damals. Damals waren es die Bandagen zur Disziplierung, heute sind es Formsachen, die eine Schülerakte füllen müssen, wenn sich ein Schüler als untragbar für eine Schule erweist und man auf einen Wechsel hinarbeiten muss.

      Nun, die Balance versuche ich jeden Tag neu, aber nicht immer gelingt sie, denn es gibt Schüler, die belehrungsresistent sind und sich immer wieder mal durchmogeln wollen.
      Und da bin ich absolut konsequent, denn denen gegenüber, die immer da sind und neben ihren Rechten ihre Pflichten kennen und erfüllen, will ich auch absolut gerecht gegenübertreten.
      Das allerdings ist manchmal sehr nervig!

      Liebe Grüße auch zu dir,
      Anna-Lena

      Gefällt mir

  7. Ohje, das hört sich ja horrormäßig an.
    Da hast Du ja einiges erlebt. Ich glaube, jeder von uns hatte einige solcher Exemplare, doch mit so vielen kann ich nicht dienen. Bei mir war es der Mathelehrer, der zu Anfang der Stunde immer würfelte, wer von uns an die Tafel musste (das war für mich Horror hoch drei…..), dann hatte ich einen Erdkundelehrer, vor dem jeder zitterte und später gab es noch einen Lehrer der sich während wir eine Arbeit schrieben, immer mit dem Stuhl auf den Schreibtisch setzte 😉 (das Fach weiß ich nicht mehr, anscheinend hatte ich damit keine Probleme *grins*).

    Ich denke mal, Du bist genau aus dem Grund Lehrerin geworden, weil DU ES BESSER MACHEN WOLLTEST und ich bin mir sicher, DU hast es auch besser gemacht.

    LG Susanne

    Gefällt mir

    • Mit dem Stuhl auf den Schreibtisch??? Wie krank ist das denn????????????????? Wenn Schüler abschreiben wollen, schaffen sie es auch! Wir haben es früher nicht anders gemacht – selbst bei den Examensklausuren hatte ich zumindest meine Mittel und Wege :mrgreen: .
      Was Lehrer betrifft, hatte ich ja das volle Kontrastprogramm 🙂 von staatlicher und kirchlicher Seite. Die letztere hat wohl eher meinen Berufswunsch geprägt, das waren Lehrkräfte aus Überzeugung und mit Idealen. Natürlich hatten sie auch ihre Macken, aber mit dem Stuhl auf dem Lehrertisch habe ich nie jemanden erlebt :mrgreen: !

      Gefällt mir

Und was meinst Du?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s