Lebensabschnitte

Lebensabschnitte

Es war der 11. März 1968. Ich hatte die Nacht über vor Aufregung kaum geschlafen. Neben Abschiedsschmerz spürte ich eine tiefe Beunruhigung darüber, ob mein Entschluss richtig war.

Mein Vater lebte und arbeitete bereits in Berlin und suchte eine Wohnung für uns. In den Sommerferien sollte unser Umzug von Nordrhein-Westfalen ins ferne Berlin stattfinden, das für mich damals nur ein roter Klecks auf der Deutschlandkarte war und in den Nachrichten Furcht erregend schien.

Da wollte ich keinesfalls hin.
Ich war im Ruhrgbiet geboren, aufgewachsen und hatte meine Wurzeln dort. Ich war geerdet und nun sollte ich diesem entzogen und in eine große ferne Stadt verpflanzt werden?

Meine Tante hatte gerade meine beiden Großcousinen nach Holland ins Internat gebracht und schwärmte davon, wie schön es dort sei und welch einen guten Ruf diese Schule hätte. Sie nervte mich regelrecht, so dass ich wenige Wochen zuvor zu meiner Mutter sagte „Komm, wir schauen uns das wenigstens mal an!“ Meinen Vater im fernen Berlin übergingen wir , das heißt, er erfuhr alles nur fernmündlich. Auch die schnelle Zusage und Aufnahme. Ich hatte mich entschieden, dahin zu wollen und meine Mutter überzeugt.

Dann ging alles ganz schnell.
Die Vorstellung, meine beiden Cousinen dort zu treffen, eine behütete Bleibe zu haben und nicht nach Berlin zu müssen – außer in den Ferien – gefiel mir gut.
Die Tatsache, dass mein Vater beruflich versetzt worden war und wir alles hinter uns lassen mussten, das langsame Sterben meiner Urgroßmutter und mein „Umzug“ nach Holland war doch etwas viel und strapaziös für alle.

Und nun war der Tag da. Meine Mutter und ich fuhren nach Holland und ich sollte für die kommenden vier Jahre eine Internatsschule besuchen, eine Klosterschule.

Steyl

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24 Kommentare

  1. Liebe Anna-Lena, ich wollte auch nicht aus dem Ruhrpott raus.
    Aber unser Vermieter-Ehepaar hat alles darangesetzt, uns loszuwerden.
    Du warst ja richtig mutig! Von den Eltern weg nach Holland. Ok, da waren deine beiden Cousinen, alles klar.
    Ist ja auch ein schöner Ort, dieses Kloster.
    deine Bärbel

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  2. Wie schön, dass DU Dich für diese Schule entschieden hast, sonst hätten wir uns NIE kennengelernt, obwohl DU quasi im Nachbar-Ort von mir gewohnt hast.

    MEINE Eltern haben mich auch unfreiwillig „verpflanzt“ .
    Sie sind- mein Vater konnte von überall seinen Beruf ausüben, dann in die Pfalz gezogen (März ’68).Ich fuhr dann in die Osterferien in die Pfalz statt in MEINE Heimat…
    KEIN gutes Gefühl………………..

    Erinnerst DU Dich noch an die zahlreichen Briefe, die in unseren Ferien stets zwischen Berlin und der Pfalz hin und her „flogen“??

    Was waren wir FROH, wenn die Ferien dem Ende nahten und wir den Frühzug gen Holland nehmen konnten.

    An DEIN Kommen in unsere Klasse kann ich mich gar nicht mehr erinnern…. aber an alles, was WIR BEIDE dann in den folgenden Jahren von März ’68 bis Juni ’71 dort GEMEINSAM er- und durch-LEBT haben, davon weiß ich noch SEEEEEEEEEEEEHR viel.

    Es waren SCHÖNE Tage mit DIR im verg. Okt. in dieser unserer alten holländischen Heimat.

    GRUSS !
    Uli

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    • Ich erinnere mich sehr gut an die Flut von Briefen, die in den Ferien hin und her reisten, die Post mag sich damals gefreut haben. Die einzigen Ferien, die wir in Holland verbrachten, waren die Pfingstferien, da lohnte es sich nicht, nach hause zu fahren. Es war zu weit und zu teuer.
      Noch kennen wir einige dort, wir sollten einen weiteren Besuch nicht zu lange hinauszögern 😉 .

      Liebe Grüße von mir!

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  3. Als Kind habe ich mir immer gewünscht in ein Internat gehen zu können. An der Schule meines Vater fühlte ich mich unfrei. Als ich später meinen Sohn ins Internat schicken musste, wusste ich, dass das nicht für lange sein sollte, denn der Kerle hatte großes Heimweh.

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  4. Ich hätte im Alter von zwölf Jahren auch in ein Internat sollen, habe mich aber so vehement geweigert, dass meine Eltern schließlich ein Einsehen hatten, und ich die Realschule als sogenannte Externe besuchen durfte… Heutzutage bereue ich meinen damaligen Starrsinn, vermutlich wäre so einiges in meinem Leben positiver verlaufen bzw. mir erspart geblieben, wenn ich mich gefügt hätte…
    Hab ein schönes Wochenende, liebe Anna-Lena!

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    • Das weiß man vorher nie, liebe Freidenkerin. Auch meine Entscheidung damals hätte voll in die Hose gehen können, denn es ist ja doch eine ganz andere, aber interessante und für mich völlig neue Welt gewesen. Ich habe nicht einen Tag dort bereut und ich fahre ja immer mal wieder hin, obwohl die Schule zu Beginn der achtziger Jahre geschlossen wurde.

      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende 🙂 .

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