Mein Helferinnensyndromgesicht (1)

Mein Helferinnensyndromgesicht (1)

Die Vorfrühlingssonne kitzelte mir ins Gesicht. In Gedanken sortierte ich all das, was ich bei Rossmann einkaufen wollte, um danach eine Runde um den See zu drehen, in der Hoffnung, einen Fischreiher zu entdecken.
„Wissen Sie vielleicht, wo die Hausnummer eins ist?“, hörte ich plötzlich ein zartes Stimmchen neben mir.
Eine Frau so um die siebzig schaute sich ratlos um und blickte mich dann fragend an.
„Ich habe wirklich keine Ahnung, ich bin nicht von hier“, antwortete ich und ließ meinen Blick ebenfalls schweifen.
„Die Nummer eins ist das Rathaus da drüben, das weiß ich bestimmt. Aber die Nummer zwei? Ich soll da ein Paket abholen.“ Ich blickte in Richtung des Rathauses. Die Nummer zwei wäre dann genau vor uns, aber da war nichts. In wenigen Schritten würde die Ladenzeile anfangen und ich setzte schon an vorzulaufen, um zu sehen, ob es dort mittlerweile eine Poststation gäbe.

cs-services--dhl-packstationPaket? Mein Blick fiel auf eine DHL-Packstation, ein großer gelber Kasten, mit einer Art gelber Schließfächer.
„Ich glaube, wir sind hier richtig“, beruhigte ich die ältere Dame.

Ziemlich ratlos standen wir danach beide vor dem großen gelben Teil. Irgendwann fanden wir eine Tastatur, die wir benutzen konnten. Doch die Dame hatte keine Online-Anmeldung vorgenommen und konnte somit auch keine PIN oder TAN eingeben.
In mir kroch schon wieder die blanke Wut hoch. Das lauschige Postamt an der Ecke, wo man seine Pakete abholen kann, wenn man bei der Zustellung nicht da ist, war auch hier wegrationalisiert worden. Das mag ja für viele kein Problem sein, aber in einer Bevölkerung mit zunehmend älteren Menschen, die weder einen Laptop oder ein Tablet, gar ein Smartphone haben, vorausgesetzt, sie können das alles überhaupt bedienen, steht man ziemlich im Regen.

Nach mehreren Versuchen konnten wir den Namen der Dame eingeben. Nun wurde der Barcode ihrer Benachrichtigungskarte verlangt. An dem einen Fenster tat sich jedoch nichts, da konnten wir die Karte so lange hin und her schieben, wie wir wollten.

Erst als ich so etwas wie einen roten kleinen Laserstrahl sah, entdeckten wir ein weiteres Fensterchen weiter unten, das nun auch den erforderlichen Barcode akzeptierte.
Und dann sprang eines dieser gelben Kästen auf und die Dame konnte ihr erwünschtes Paket herausnehmen.

Wir beglückwünschten uns gegenseitig zu dieser erfolgreichen Teamarbeit und wünschten uns noch einen sonnigen Nachmittag.

In unserem Ort werden die nicht zustellbaren Pakete entweder bei einem daheim gebliebenen Nachbarn abgegeben oder nach Hinterlegung eines Zettels in unserem Allerweltsladen, der sich auch mit Angelegenheiten der Deutschen Post befasst, abgeholt. Den neumodischen DHL-Packstationservice-Kram haben wir noch nicht – NOCH NICHT – und ich brauche ihn auch nicht.
c/ G. Bessen 2/15

Wer Näheres darüber wissen möchte, bitte hier entlang!

Bildquelle

 

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21 Kommentare

  1. Recht hast du. Die Dinger haben sich hier Gottseidank nicht durchgesetzt. Heute richtet man wieder Poststationen in Schreibwarenläden oder Kiosken ein. Da kann man seine Pakete abgeben und empfangen wie früher. Ich wünsche dir noch einen schönen Abend und eine erfolgreiche neue Woche. L.G.

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  2. Ich könnte wenn ich wollte den ganzen Tag(und nachts noch zusätzlich) mit einem blick aus dem Fenster auf eine grosse Packstation schauen.
    Da geht es zu wie im Taubenschlag… Aber in erster Linie sind es junge Leute oder eben mittleres Alter. Ältere Menschen sind nur wenig anzutreffen und wenn wurden sie zumeist von ihren Kindern oder Enkeln angelernt 😉 Die Post befindet sich 100 m weiter 😉
    Ich finde die Stationen gut, denn was da in den Schalter geschlossenen Stunden abgeholt und hingebracht wird, ist schon enorm. Unsere Post schliesst ober pünktlich um 17:30 Uhr.
    Manchmal stelle ich mir meinen Vater (fast 75)vor, wie er ein Paket abholen will….Ein Ding der Unmöglichkeit. Er kommt kaum mit seinem einfachen Handy zurecht. Von der Satellitenanlage oder dem Videorekorder ganz zu schweigen…
    Auch hat er kein Online Konto. Alles wird wie anno da zu mal auf der Bank erledigt. Wie das mal werden soll, wenn die Bank an seinem Wohnort schliesst ist sehr fraglich. Da wird er wohl zur Hauptbank fahren müssen…
    Unsere Servicewüste nimmt keinerlei Rücksicht auf die Älteren…traurig!
    Was wird wenn wir das nicht mehr alles auf die Reihe bekommen????

    Liebe Grüsse, kkk

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    • Mir tun in erster Linie die Älteren leid, die mit so etwas vollkommen überfordert sind. Und dass außerhalb der normalen Geschäftszeiten bei euch viel los ist, mag ja für die Jüngeren eine bequeme Sache sein. Aber es ist wie mit den längeren Öffnungszeiten in den Geschäften, wo ich mich frage, ob das sein muss. Niemand denkt an das Personal, an Mütter und Väter, die immer weniger Zeit für sich un ihre Familien haben, wenn überhaupt noch komplette Familien da sind.
      Ich gehe prinzipiell nicht nach 18 Uhr einkaufen, anders kann ich meinen Protest nicht ausleben.
      „Servicewüste“ – das ist ein tolles Wort und das sagt alles – wichtig sind nur das Geld, die Bequemlichkeit, der Service – der Mensch dahinter verschwindet.

      Liebe Grüße
      Anna-Lena

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      • Das sehe ich etwas anders…Die Öffnungszeiten sind schon so ok. Hier arbeiten viele Studenten an den Kassen und meist gehen wir erst gegen 18 Uhr Einkaufen. Oftmals nach einem Arztbesuch oder Samstags, dann wird die Frisch-Ware herunter gesetzt. Da kaufen wir dann oftmals Obst was wir sonst nicht kaufen würden… zb. die super teuren Himbeeren. Familien in dem Sinne gibt es doch gar nicht mehr. Die Jugend zieht es ausser Haus zu Freunden oder sie haben irgendwelche AG`s oder Sportliche Betätigungen. Nicht alle hocken Tag und Nacht vor dem PC. Die ältere Generation hat doch immer das Nachsehen und das finde ich schon bedenklich. Wer nicht mit der Zeit geht, hat irgendwann ganz schlechte Karten… mein Vater z.B.
        Würde meinem Vater etwas zustossen, sässe meine Mutter auf dem Schlauch… Ich glaube sie war schon 10 Jahre nicht mehr auf der Bank… Handy geht mit ihrem Tinitus gar nicht, PC kommt seit 20 Jahren nicht ins Haus, weil mein Vater schon mit DOS seine Probleme hatte und deshalb keinen PC will. Von Windows hat er keine Ahnung… Gabe es morgen nur noch Online Banking und Geldautomaten, müsste wohl einer meiner Brüder Nachhilfeunterricht am Automaten geben. Die ganzen Pins könnte er sich im Leben nicht merken, würde sie also notieren müssen… weia…Ich kann nur hoffen, das die Banken an ihre alten treuen Kunden denken, sonst sieht es da ziemlich düster aus. viele gehen mit dem Fortschritt. Ich kenne viele älter Menschen aus den PC Foren, da ist 80 Jahre keine Seltenheit mehr. Dennoch bleibt eben ein Teil der alten Leutchen die mit dem „Teufelszeug“ nichts zu tun haben wollen und da muss ein Service bleiben. Wahrscheinlich auf Kosten derer. War das doch noch eine tolle Zeit, als ich meine Rechnung auf den Bankschalter legen konnte und die Bankangestellten die Überweisungen ausfüllten ;-)…. das glaubt kein Mensch mehr das es so etwas mal gab…

        Hab einen schönen Nachmittag ♥

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        • Das Argument der herabgesetzten Preise ist für viele maßgebend, aber das könnte man doch auch zu einem früheren Zeitpunkt machen.

          Es gibt schon noch intakte Familien, doch bei den familienfeindlichen Arbeitszeiten, hat die Familie wenig voneinander.
          Ich sehe das an meinen schülern, besonders an den Jüngeren, die sich oft bis in den Abend selbst überlassen bleiben, weil die Eltern oder ein Teil bis spät arbeitet.
          Wir haben in unserer Gesellschaft steigende Zahlen von verhaltensauffälligen und psychisch kranken Kindern und ich führe das zum Teil genau darauf zurück.
          Wer Kinder in die Welt setzt, muss sich der Verantwortung bewusst sein und auch Zeit für sein Kind haben, aber die Realität entwickelt sich oft anders.

          Rentner haben tagsüber genug Zeit zum Einkaufen, Berufstätige müssen das nach der Arbeit machen, aber es sollte zu einem familienfreundlichen Zeitpunkt auch Schluss sein.

          Was die Anforderungen an digitale Medien betrifft, eben auch für Ältere, ist ein Thema, bei dem es mir den Morgenkaffee hochtreibt.
          Ältere Mänschen sind in unserer Gesellschaft immer mehr aufgeschmissen,. das ist Fakt und da kann man nur hoffen, dass sie hinreichend Hilfe bekommen..

          LG und eine gute Nacht,
          Anna-Lena

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  3. Es geht leider nur noch um ‚rationell‘ und ’so wenig Kosten wie möglich erzeugend‘. Ob da jemand auf der Strecke bleibt, interessiert keinen. Besorgnis erregend finde ich auch die Haltung, dass alles immer jederzeit verfügbar sein muss. Ich finde auch, dass man nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit einkaufen können muss …
    LG, Ingrid

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  4. Du konntest mit und für die alte Dame das Problem gut lösen, doch wer findet schon immer eine nette Hilfe vor.

    Es ist wahr, die Älteren werden zunehmend in unserer Servicewüste alleine stehen gelassen. Man hat heute ein Smartphone oder einen Laptop zu haben, ansonsten steht man am Rand und schaut tatsächlich in die Wüste.

    Hier am Ort werden auch noch die Pakete von Nachbarn angenommen, oder wir können noch in die Post fahren und dort holen. Die Poststellen werden jedoch tatsächlich zunehmend geschlossen.

    Am besten finde ich die Telekom, welche mit ihrer VoIP-Einrichtung nun deutschlandweit die Kunden überfällt. Die Einrichtung soll nicht datensicher sein, funktioniert keineswegs sofort und immer und weil ältere Menschen oft gar keine Kenntnis haben, wie man so etwas anschließt, müssen sie unverschämterweise für fast 100 Euro den Service buchen. Das passt genau zur Servicewüste – den Kunden durch Kündigung zu dieser Technologie zwingen, aber die Installation darf man auch noch selber machen. Quasi als Dienstleister vom Dienstleister.

    Nicht jeder alte Mensch wird eine freundliche Dame oder einen freundlichen Herrn mit „Helfersyndrom“ finden können. Und was dann?

    Liebe Grüße, Brigitte

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    • Wir werden ja auch langsam älter und ich fühle mich von manchen technischen Erneuerungen überrannt und will – weil ich es nicht brauche – auch gar nichts damit zu tun haben.

      Mit einer wachsenden älteren Bevölkerung erwartet man tatsächlich, dass sich die Gehirnzellen umgekehrt verjüngen?

      Die Telekom geht mir mit ihren Innovationen gerade auch mächtig auf den Sender, aber es sind auch andere Vereine. Ich muss mich am Telefon immer sehr bremsen, um nicht ausfallend zu werden.
      Und dabei ist jegliche Telefonwerbung verboten!
      Ja, man braucht ein dickes Fell, liebe brigitte und ich glaube, wir haben das beide.

      Einen lieben Gruß an dich und gute Besserung an dich und den Signore 🙂 .

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  5. Solltest du in der Zukunft mal ein Paket an solch einer Station abholen müssen, dann weißt du immerhin schon wie es geht. 🙂
    Ich war noch nie an solch einer Station. Ich weiß auch gar nicht, wo es hier eine gibt.
    Hier werden die Pakete noch von den Nachbarn entgegen genommen. Wir nehmen auch oft Pakete für unsere Nachbarn entgegen. Das ist auf jeden Fall angenehmer. 🙂

    Liebe Grüße,
    Martina

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  6. Heiliger Strohsack, wie gräßlich ist, was ich da lese, liebe Anna-Lena. Gut, daß Du in der Nähe warst.
    Ich hätte da auch ziemlichz dumm geguckt.

    Ich erinnere mich an so ein Laserstrahldings an einem Automaten im Kaufhof in HD. Bis ich dem auf die Schliche kam, das dauerte.
    Dem ersten Automaten hatte ich so zugesetzt mit allem, was ich nicht wußte, daß er dann gar nicht mehr wollte.
    Es gab dann einen zweiten, mit dem kam ich klar u. er mit mir *lach*
    Beim ersten hatte ich schließlich sogar meine Postleitzahl vergessen…

    Schrecklich, wie uns diese „Vereinfachungen“ das Leben erschweren u. den ältern Herrschaften noch viel mehr…

    Herzliche Grüße an Dich von mir

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