Das Warten

Das Warten

Der Tod ist spürbar in diesem Haus und doch hält er sich diskret versteckt.
Bei dem einen steht er hinter der Gardine und wartet auf den passenden Moment, den alten Menschen an die Hand zu nehmen und mitzunehmen. Bei einem anderen schleicht er sich mitten in der Nacht ans Bett und haucht ihm leise den Rest der Lebensflamme aus.
Alltag in einem Pflegeheim.

Deprimierend für jemanden, der diesen Schritt dahin hoffentlich noch lange nicht nötig hat.
Und diejenigen, deren Endstation hier ist?
Wie lebenswert ist ein Leben, das darin besteht, mehrfach am Tag gewindelt und gefüttert zu werden und den Rest des Tages im Halbschlaf zu verbringen, mit wund gelegenem Rücken und der Hoffnung auf einen baldigen Tod?
Was geht in einem Menschen vor, der nach dem Frühstück in seinem Rollstuhl in den Aufenthaltsraum geschoben wird um dann bis zum Mittagessen mit dem Rest seiner Kraft mit einem Esslöffel auf einen Tisch zu schlagen?
Oder der ältere Mann, der im Rollstuhl sitzt und seinen Fahrradhelm nicht abnimmt, obwohl er längst nicht mehr alleine raus fährt, geschweige noch Fahrrad fährt?

Jedes Leben ist wertvoll, aber nicht immer um jeden Preis lebenswert.
Und doch ist es für Menschen, die alt und krank sind und nicht mehr alleine zurecht kommen, oft nicht anders möglich, als ein Pflegeheim als letzten Ort auf dieser Erde aufzusuchen.

Grabschmuck
© G. Bessen 2/15

Advertisements

30 Kommentare

  1. Ein für mich schlimmer Gedanke. Ich habe durch meine vielen Krankenhausaufenthalte viele unglückliche Menschen aus Pflegeheimen und aus der Verwandschaft kennengelernt. Schon alleine zu wissen, dass es die „Endstation“ sein wird, lässt mich eine Gänsehaut kriegen. Auf der anderen Seite weiß ich aus eigener Erfahrung, der Mensch hängt am Leben, kann dadurch eine Menge aushalten. Was uns heute unerträglich wird morgen für uns selbstverständlich.
    Ich wünsche dir einen schönen Tag. LG Bärbel

    Gefällt mir

  2. Meinem Mann hat es vor 12 Jahren fast das Herz gebrochen,
    über den Kopf seiner Mutter zu entscheiden,
    weil es nicht mehr anders ging ….
    Bis dato hatte ER sie zu Hause gepflegt….. anfangs war das aber auch alles noch ein einfacher….
    nach einem Unfall in der Nacht war diese Art von Pflege nicht mehr möglich…. und Josch`s Mama kam vom Krankenhaus direkt in ein Pflegeheim …

    SO oft sagt er:
    „Warum ist sie auch mitten in der Nacht ALLEINE aufgestanden – ohne zu rufen!?“

    Es hat ihn SO VIEL Kraft gekostet Sie samt ihr Hab und Gut „umzusiedeln“

    Es fällt ihm heute noch schwer, darüber zu reden….
    weil es für IHN damals keine andere Möglichkeit gab.
    DAS tut mir dann im Herzen weh…. weil ich weiß,
    ER hätte das gerne für seine Mama anders gehabt….

    Jeden Tag ist er ins Heim gefahren …
    abends hat er ihr Kissen nochmal für die Nacht aufgeschütelt,
    ein Betthupferl-Keks auf die Tischkante gelegt …
    einen Strohhalm in ihr Trinkpäckchen gepiekt ….

    …..
    Dann wurden Josch und ich ein Paar ….
    wann immer ich konnte …. fuhr ich nun mit ihm ins Heim.

    Ich bin froh und glücklich über diese 3 Monate, in denen ich meine Schwiegermutter noch kennenlernen durfte….
    Es hört sich vielleicht bekloppt an ….. ABER es waren lustige Monate …. wir haben sehr viel gelacht ….
    Spaß gemacht und gehabt …
    klar gab es auch Tage, da war es alles andere als spaßig
    …. da sagte Agnes dann gerne:
    „ALLES KACKE deine Elli!“ …. und wieder lachten wir….

    Zu gerne denke ich an diesen Satz…. wenn sie die Zunge dabei rausstreckte…..

    Ganz liebe Grüße zu dir Anna-Lena …..
    Katja

    Gefällt mir

  3. Deine Gedanken kann ich sehr gut nachvollziehen. Es macht einem Sorge, wenn man jemanden in einem Pflegeheim unterbringen muss. Die Pflegekräfte sind sehr belastet und ihre Arbeit wird von der Gesellschaft und der Politik gering geschätzt. Zudem sind sie nicht unbedingt gut bezahlt für diesen Dienst. Dies ist ein echtes Problem.

    Ein weiteres Problem ist der Umgang unserer Gesellschaft und auch der Politik mit den alten Menschen. Ich weiß was ein Pflegeplatz kosten kann. Für die Angehörigen oft nicht mehr bezahlbar und dann bleibt ihnen kein anderer Ausweg als die alten kranken Menschen nach Osteuropa zu bringen. Ich finde es lieblos, einen alten Menschen einfach verfrachten zu müssen (!), weil unser System für vieles Geld hat, aber nicht für eine Pflege, die bezahlbar ist. Alles mögliche wird subventioniert und übergroß und überlang gebaut, aber für eine ordentliche Pflegeversorgung ist kaum was übrig. Wir unterstützen mit Milliarden andere Länder, kriegen aber im eigenen Land die Pflege nicht in den Griff.

    Wie gut haben es da meine Schwiegereltern (94 und 99), die von ihren 4 Töchtern reihum versorgt werden können. Da brauchen wir uns keine Sorge zu machen, sie sind in besten Händen.

    LG, Brigitte

    Gefällt mir

    • Da habt ihr es wirklich gut getroffen, denn in den südlichen Ländern zählt die Familie eben noch mehr als hier.
      Altenpfleger ist DER Beruf der Zukunft, aber wer will ihn unter den gegebenen bedingungen schon ergreifen? Und ich denke, dafür muss man geboren sein und das nötige Herzblut haben und das haben nur wenige.
      Es ist schon traurig und bitter, wie wenig für die Alten in unserem Land getan wird, zumal die demografische Entwicklung doch abzulesen ist.

      Ich grüße dich herzlich,
      Anna-Lena

      Gefällt mir

  4. Ich werde nicht in ein Pflegeheim gehen. Das müsste ich aber irgendwann, denn hier ist niemend, der mich pflegen könnte. Und ich will das eigentlich auch nicht. Das Kissen ab und zu aufschütteln würde wahrscheinlich auch keiner.
    Ich hoffe, dass ich den Zeitpunkt nicht verpasse, an dem es Zeit wird zu gehen.

    Gefällt mir

  5. Es ist eine schlimme Geschichte mit dem Altern und hinfällig werden, mit der Pflegebedürftigkeit und diesem Leben, das keines mehr ist…
    Nein, bitte nicht um jeden Preis. Ich kann es mir für mich absolut nicht vorstellen.

    Ich habe es bei meiner Mutter erlebt, die auch gefallen war, verwirrt für eine lange Zeit, durch einen Harnwegsinfekt ausgelöst u. aus dem Krankenhaus nicht mehr in ihr Haus zurückkonnte.
    Wir hatten vorher mit ihr schon mal Pflegeheime angesehen und ein schönes gefunden. Dort lebte sich noch drei Jahre sehr gut, war dann auch nicht mehr bettlägerig, bis dann ihr Geist beschloss, schon mal vorzugehen und ihren Körper zurückzulassen. Ein Jahr war grauenhaft, bis sie erlöst wurde und starb nach einer fiebrigen Bronchitis.
    Verabschiedet hatte ich mich schon lange von ihr…

    Nein, nein, nicht um jeden Preis. Es ist zu schlimm.

    Liebe betroffene Grüße von Bruni

    Gefällt mir

    • „bis dann ihr Geist beschloss, schon mal vorzugehen und ihren Körper zurückzulassen“
      Die Betroffenen merken das nicht, wenn sie nicht mehr in ihrer Ganzheit da sind. „Annehmen“ schrieb Barbara. Das ist sicher richtig, aber auch schwer.
      Warum haben wir nur so Schwierigkeiten, mit diesem Thema gelassener umzugehen?
      Bemittleiden wir uns zu sehr, weil wir leiden, das alles nicht fassen, unter Verlustängsten leiden?

      Fragen über Fragen, die ich heute hoffentlich nicht in meine Träume nehmen werde.

      Gefällt 1 Person

  6. Ich möchte auch nicht ins Pflegeheim. Meine Mutter mußte ins Pflegeheim. Was da abging möchte ich nicht erleben. Wir haben uns gerade den Film “ Honig im Kopf “ von Till Schweiger angesehen . Der behandelt das Thema Demenz und die anschließende Einweisung ins Pflegeheim. So möchte ich nicht enden. L.G.

    Gefällt mir

Und was meinst Du?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s