Mein Pädagoginnengesicht (1)

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Kürzlich, an einem Donnerstagmorgen wäre es filmreif gewesen.
Die Umstellung nach den Ferien ist für Nachteulen schlaftechnisch gesehen immer eine besondere Problematik, besonders in der Winterzeit. Wenn der Wecker um halb sechs das Gefühl der tiefsten Nacht einläutet, dreht man sich doch gern noch mal im kuscheligen Bett um. Fatal!
Ein Wecker reicht bei mir nicht, es sind vier. Ein verlässlicher Weckdienst um diese Zeit scheidet auch aus, da sich der Rest der Familie ebenso im komaähnlichen Zustand befindet. Der Tag davor war sehr lang, die Nacht gefühlt viel zu kurz und so schaute das Pädagoginnengesicht auf den Wecker und erlebte eine wahre Fata Morgana. Der Zeiger stand auf acht Uhr zehn.
Schlagartig verkrampfte sich mein Pädagoginnengesicht. Ich stelle mir vor, es waren gefühlte zehn Zitronen, die sich in den Gesichtszügen widerspiegelten. Raus aus dem Bett, die Kaffeemaschine angestellt und im Telefonverzeichnis nach der Nummer der Schule gesucht. Und – es ging niemand ans Telefon. Im Geiste sah ich, wie siebzehn pubertierende Monsterchen der achten Klasse das Schulhaus demolierten, die Schulleitung schon aufgeregt die Polizei gerufen hatte und ihre disziplinierende Rede für die Kollegin, die es wagte, nicht um sieben Uhr dreißig ihren Unterricht zu beginnen, im Geiste zu formulieren und bei deren Erscheinen donnerwettermäßig loszulassen.
Wahlwiederholung – endlich nahm jemand ab. Wie immer freundlich meldete sich die Schulsekretärin. Kaum hatte sie ihre höfliche Vorstellung beendet, schickte ich meine aufgeregte „Ich habe verschlafen – das ist mir ja noch nie passiert!“ – Entschuldigung durch die Leitung an ihr zartes Ohr und musste mir statt einer strafenden Antwort ein schallendes Lachen anhören!
„Nun beruhigen Sie sich doch erst einmal. Es war noch kein Schüler hier und hat Sie vermisst!“
Mein Blut geriet noch mehr in Wallung, als es ohnehin schon war. Diese kleinen Mistbienen! Ist doch klar, dass sie nicht freiwillig im Sekretariat nachfragen und sich tot stellen, wenn dafür neunzig Minuten Englischunterricht ausfallen. Dabei ist es die Aufgabe der Klassensprecher, nach zehn Minuten bei der Sekretärin zu melden, wenn die Lehrkraft nicht kommt. Ich hätte längst tot über irgendeinem Zaun hängen oder von einer Horde Wildschweine verschleppt worden sein können. Das interessierte scheinbar niemanden!
Die beruhigende Stimme der Sekretärin holte mich in die Wirklichkeit zurück und zwischen Duschen und Anziehen blieb sogar noch Zeit für einen Pott mit heißem Kaffee. Zum nächsten Unterricht erschien ich pünktlich, die Gesichtszüge wieder eingefahren, die Falten etwas gebügelt und bereit, den Rest des Tages pädagogisch vorbildlich über die Runden zu bringen.
Ein Nachspiel gab es dann doch für die Klasse. Sie saßen zwar in ihrem Unterrichtsraum, spielten jedoch außer mit ihren Handys ‚Wie werfe ich Tische und Stühle um?‘ und ‚Was kann ich unzensiert an eine leere Tafel schreiben?‘. Die Klassenlehrerin fand das Verhalten nicht spaßig und beorderte ein Aufräumkommittee in den Raum und als ich ankündigte, die verpasste Stunde wird nachgeholt, stieß ich auf großes Unverständnis. Die Schüler seien ja da gewesen. Nur ich hatte es zum ersten Mal in meiner Laufbahn gewagt, so richtig zu verschlafen. Als ich als Begründung anführte, dass Schüler ein Recht auf Bildung hätten, fiel auch dem Letzten, der es begriff, die Kinnlade herunter.
© G. Bessen 1/2015

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25 Kommentare

  1. Ist es eine wahre Geschichte, liebe Anna-Lena?
    Hast Du wirklich verschlafen?
    Ich kann es mir bei Dir gar nicht vorstellen. Ich dachte, Du hättest
    Deine Aufstehzeiten in Dir selbst progammiert *lach*

    Na ja, würde es Dir häufig passieren, dann wäre es wohl nicht so gut, aber bei einem Mal, da wird jeder, der Dich kennt, alle Augen zudrücken und nicht nur ein einziges.

    Soll ich Dich früh am Morgen anrufen? *kicher*
    Dazu müßte ich mir aber auch den Wecker stellen und ob ich den höre, soooo hundsgemein früh am ultrafrühen Morgen, das kann ich nicht versprechen 🙂

    Herzliche liebe Grüße zu Dir und nimm´s Dir nicht zu Herzen ♥
    Deine Bruni

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    • Ja, liebe Bruni, diese Geschichte ist absolut wahr und es war meine Premiere. Ich komme zwar öfter auf den letzten Pfiff, aber so etwas ist mir zum ersten Mal passiert. Es war vor zwei Wochen.
      In der nächsten Woche habe ich eine Woche Winterferien und werde viel Schlaf nachholen 😆
      Schlaf du mal aus, meinetwegen musst du nicht auch mitten in der Nacht aufstehen, denn ich weiß, du bist auch eine Nachteule.

      Liebe Gute-Nacht-Grüße 🙂 .

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  2. Alles menschlich liebe anna-lena.
    Vier wecker, mein respekt!
    Seitdem ich aus dem arbeitsleben ausgeschieden bin, ist es so wenn ich morgens einen termin habe, das ich 5 Minuten vor dem wecker klingeln aufwache. sehr komisch und mit nichts zu erklären.
    Schüler,,, geschieht ihnen recht, denn auf ihre rechte plädieren sie sonst immer lautstark, pflichten werden da schon mal vergessen. das ist genauso wie verschlafen denn du wirst ja auch mit dem nachholen der stunde bestraft *lol*

    Ich wünsche dir eine gute und ausgeschlafene nacht ♥
    LG kkk

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  3. Es wird wohl Zeit, dass du aufhörst, lach.
    Das war offensichtlich mal eine Übung für später, grins.
    Morgen müssen wir auch früh raus. Da wir sonst nie einen Wecker brauchen, obwohl mein Radio erst recht leise um 6,25 anfängt und ab 7,25 lauter wird.
    Aber unser normales Telefon werde ich aktivieren,
    Dazu muss ich dann aufstehen, hinschleichen, um es auszuschalten.
    deine Bärbel

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  4. Armes Mädchen! Ich kann mir das gut vorstellen. Ist mir zum Glück nie passiert, aber mein Chef ist schon durchgedreht, als ich ein einziges Mal in 20 Jahren nicht erscheinen konnte, weil ich eine Grippe mit fast 40 Grad Fieber hatte.

    Aber, all dies kann geschehen. Dass die Schüler da Freudenfeste feiern – logisch. Doch bei dieser Begründung konnten sie ja keine Gegenbegründung mehr ins Feld führen. Gut gemacht!

    Lieben Gruß, Brigitte

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    • Ich war davor an einer Schule, da hatten wir gelegentlich eine 0. Stunde und die fing bereits um 7.00 Uhr an. Das war hammerhart, besonders für die Schüler, die mit dem Bus von weit her kamen.
      Einmal saß ich an einem 2. Januar um sieben Uhr mit höchstens einem Drittel des Kurses da. Ein Schelm denkt Böses, wenn er fragt, wo denn die anderen abgeblieben waren 😉 .
      Liebe Grüße zurück 🙂 .

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