Mein Gassidackelrüdengesicht

Mein Gassidackelrüdengesicht

Seelodge 10.08.2014 021Am Wochenende hat uns Willi besucht. Willis ‚Eltern’ wollen Ende Februar eine Flugreise machen und da kann Willi nicht mit. Somit haben wir einen Probebesuch vereinbart und wenn der klappt, nehmen wir Willi für zehn Tage in Pflege. So war die Abmachung.
Willi ist ein Dackelrüde, in Menschenjahre umgerechnet ist er 85, doch er ist erstaunlich fit und außerdem pflegeleicht.
Unsere Dackeldame hat natürlich mächtig gezetert, als der Rüde Willi sich als Erstes über den Napf mit Trockenfutter hermachte, dann ihre Kuschelecke belegte und sich obendrein auch noch ihr Spielzeug unter die Pfote riss. ‚Unglaublich, was denkt der sich?’ So stand es förmlich in den kleinen Dackelknopfaugen. Willi störte das überhaupt nicht. Manchmal hob er den Kopf und was er der Dackeldame mitteilte war in etwa: ‚Hab dich nicht so, du Kröte! Du gehst mir mächtig auf die Nerven mit deinem Gekläffe.’

Irgendwann hat auch der kräftigste Dackel keine Stimme mehr und hat sich schlicht heiser gekläfft. Widerstand zwecklos – Willi hat es sich gemütlich gemacht. Dass seine ‚Eltern’ längst weg waren, störte ihn nicht im mindesten.
Dackedame und Dackelrüde hielten in allem gebührlichen Abstand voneinander, so dass der Abend und die Nacht ruhig verliefen, zur Freude der Menschen, denen das Gekläffe der Dackeldame mächtig auf die Nerven gegangen war. Aber, man muss der Dackeldame zugute halten, dass sie seit dem Tod ihrer gleichaltrigen Halb-Schwester vor gut einem Jahr die Prinzessin auf der Erbse ist und nun kommt so ein schwarzes Ungetüm, größer als sie und noch vom anderen Geschlecht und macht sich breit. Wer hätte da nicht alles getan, um das eigene Revier lauthals zu verteidigen?

Die Gassirunden mit Willi waren ebenso unproblematisch, er läuft flott und artig neben einem her, als sei man schon ein altes Ehepaar. Für mich natürlich ungewohnt und auch nicht ganz nachvollziehbar ist die Tatsache, dass Rüden alles markieren müssen. Männer machen das doch schließlich auch nicht!!! Während die Dackeldame des Hauses sich hinhockt, die Balance mit drei Pfoten hält, dazu noch eine Hinterpfote galant abspreizt, damit ja kein Tröpfchen das Fell benetzt, schnüffelte Willi hier und da und hob ungeniert das Bein. Ich bekam regelrecht Guckzwang, was so eine Dackelrüdenblase alles aufstauen kann. Seelodge 10.08.2014 037

In Erwartung der Hundeeltern zog ich mit Willi am frühen Sonntagnachmittag noch einmal ums Karree. Alles war gut, bis wir zu einem Grundstück in unserer Nähe kamen, dessen männlicher Bewohner grundsätzlich am Samstag Abend den Rasen mäht und das nicht in einem Stück, nein, scheinbar macht er nach jedem Teilstück eine Kaffeepause, bevor es dann weitergeht. Besagter Nachbar hatte sich gerade eine riesige Leiter vor eine Tanne gestellt um die Lichterkette abzunehmen. Ich wollte nicht Zeuge dieser Akrobatik werden, denn die Leiter war hoch, der Nachbar hat zwei linke Hände und mit Willi an der Leine hätte ich im Falle eines Falles keine Erste Hilfe leisten können. Zudem lag mein Handy zuhause. Ich hätte mich womöglich der unterlassenen Hilfeleistung strafbar gemacht.
Aufmunternd sah ich Willi an, flüsterte ihm ein klares ‚Komm weiter’ zu, aber Wille streikte. Er setzte sich mitten auf den Weg, ein klares Signal! Der Nachbar blickte mich von seiner vorletzten Leitersprosse an. Er hatte alles im Blick!

Durch Willis Körper, vom Schwanz bis zum Maul, ging ein Zucken wie bei einem kleinen Erdbeben. Ein Seismograph hätte deutlich ausgeschlagen. Ich erstarrte. Willi war ein alter Herr, gewiss, aber so groß war unsere Runde doch nicht.

Die Angst, ihn überfordert zu haben, legte sich sofort, als Willi das Maul aufriss und die komplette Speisekarte erbrach, die er bei uns bekommen hatte, einschließlich des Abendessens seiner Hundemutter. Gekochte Möhrchen, mehrere kleine Fitzelchen Spaghetti, aber auch der Kalbsknochen, über den sich Willi vormittags mit so großer Freude hergemacht hatte, all das landete in einem großen Haufen vor des Nachbarn Grundstück. Der vergaß seine Lichterkette völlig und starrte zu uns hinüber.

Das wir uns lediglich recht emotionslos grüßen erwähnte ich ja bereits. Unsere Blicke trafen sich, während ich fieberhaft in meiner Jackentasche suchte. Das Haufentütchen war schon weg, es hatte seinen Zweck erfüllt. Liegenlassen konnte ich das unansehnliche Häufchen schon gar nicht und so suchte ich sämtliche Tempotaschentücher zusammen und nahm Willis Hinterlassenschaften auf. Den säuerlichen Geruch des kleinen Paketes musste ich allerdings auch mitnehmen.

Auch Willi erhob sich und trottete mit gesenktem Kopf neben mir her.
Als die Hundeeltern ihn abholen wollten, schien es Willi gar nicht gut zu gehen. Er freute sich nicht und schaute nur kläglich aus der Wäsche.
Hätte ich gewusst, dass Willi einen sehr empfindlichen Magen hat, seit er Welpe war, hätte er den leckeren Kalbsknochen nicht bekommen (und das eine oder andere Leckerli natürlich auch nicht).

Mittlerweile erfreut sich Wille wieder allerbester Gesundheit. Unsere Dackeldame verfiel nach Willis Abreise in einen komaähnlichen Schlaf.
Seelodge 10.08.2014 041

Juniimpressionen 108

Wir haben ihr noch nicht erzählt, dass Willi bald für zehn Tage zu uns kommt.

©G.Bessen 1/2015

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49 Kommentare

  1. Das kenne ich! Und – Katzen können noch viel schlimmer sein.

    Zu uns kommt in regelmäßigen Abständen der Schneckenkater. Dieser ist ein paar Jährchen jünger als unser alter Chefkater. Schnecke besucht uns schon seit Jahren. Doch in letzter Zeit baut sich Euer Merkwürden (Chefkater) ständig bedrohlich mit aufgestelltem Fell vor dem armen Schneck auf. Dann gibt es noch was mit der Pfote auf die Löffel. Nur an Silvester, da waren beide mit riesigen schwarzen Pupillen, der Chef allerdings ein wenig weniger, ein Herz und eine Seele und kuschelten sich aneinander. Und heulten gemeinsam. Jammerlappen!

    Gespuckt wird hier ausschließlich vom Chef, der ist Allergiker. Und einen solchen Nachbarn haben wir auch. Ich weiß jetzt nicht, ob ich Tempotaschentücher gefunden hätte *ggg*.

    Viel Spaß dann im Februar.

    Schönen Abend und liebe Grüße, Brigitte

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  2. ach, liebe Anna-Lena, was hab ich anfangs gelacht, mir die Lachtränchen abgewischt, vor allem hier
    *Männer machen das doch schließlich auch nicht!!!*
    Ich stellte es mir vor und prustete los u. während ich schreibe, vibriere ich immer noch…

    Aber dann mein Mitleid mit dem armen Willichen, dem Dackelrüden (lange Jahre hatten meine Eltern eine Rauhhaardackeldame, von mir geschenkt zu einem Weihnachtsfest, nachdem ich ausgezogen war) mit dem empfindsamen kleinen Magen und Du gibst dem Armen einen riesigen Kalbsknochen… *lach schon wieder*.
    Ja, da war ich voller Mitleid und anschließend mit großem Verständnis für Eure liebe kleine zierliche Dackeldame, die sich erst mal genussvoll ausschlafen mußte, nachdem er weg war.

    Rede behutsam mit ihr, oder lass es lieber Deinen Mann machen, Du bist zu energisch *grins* u. stellst sie vor die vollendete Tatsache.
    Dein Liebster wird sie leise streichelnd vorbereiten und fragen, ob sie den Willi denn nochmal ertragen könnte für diese unendlich lange Zeit von 10 Tagen. Am Ende wird sie ihn treuherzig ansehen u. mit dem Köpfchen nicken, weil er sooooo lieb und verständnisvoll zu ihr ist.

    Er soll auch dem Fleischer verbieten, Dir Kalbsknochen mitzugeben. *kicher*

    Ein toller Text, liebe Anna-Lena, und lachende Grüße von mir

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  3. *lach* Herrlich. 🙂
    Das mit dem empfindlichen Magen hätten sie dir aber sagen sollen. Man erschreckt sich ja, denkt man hätte was falsch gemacht. Aber ist ja alles gut gegangen. 🙂
    Und nun kannst du sicher nachvollziehen, wie es mir mit Pepper ergeht, wenn er überall markieren muss und jedes einzelne Grashälmchen umrundet, um es zu beschnüffeln. Ja, ich kann dir sagen, was so eine Rüdenblase alles aufstauen kann … 🙂
    Noch schlimmer wird es, wenn eine läufige Hündin herumläuft, dann muss ich Pepper manchmal einfach weiterzerren, sonst komme ich in einer Stunde keine 10 Meter weit. 🙂

    Ich bin gespannt, was du in den zehn Tagen so zu berichten hast. 🙂

    Liebe Grüße,
    Martina

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    • Darauf bin ich auch schon gespannt, liebe Martina 😉 . Ich habe Pepper ja erlebt, habe aber gar nicht in Erinnerung, dass er so oft markiert hat. Ich glaube, er hat sich nicht getraut, oder? So als Rüde in einer fremden Stadt.

      Marci müsste jetzt läufig werden und wenn Willi kommt, müsste das vorbei sein. So hoffe ich!

      Liebe grüße und einen Knuddel an Pepper.
      da fällt mir ein: ihr ward lange nicht hier??!!??

      Liebe Grüße von mir 😉 .

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  4. Nette Geschichte !

    Eure Dackeldame hat nicht um ihr Revier gekämpft …?? Ich bin nicht erfahren mit Hunden, aber sind Hunde-DAMEN so höflich ??
    Vielleicht kämpft sie aber,wenn Willi bei Euch für 10Tage „Asyl“ bekommt.
    Ob sie dann bereits den „Feind“ – wenn er noch wartend vor der Haustür steht- wittert und sich sofort(!!) wie ein geölter Blitz in i.h.r.e Ecke verzieht und alles in Beschlag nimmt (Decke u. diverse Ausrüstungs-Teile) .
    HA…. ich würde das so machen…. Oder ich würde mich mit einem Protestschild bewaffnen, worauf steht: „MY HOME ist MY….. usw.

    Ich bin gespannt auf Deinen nächsten Bericht.

    Und für Willi: BITTE Schonkost und immer genug Tüten mitnehmen: „Big BROTHER is watching YOU“ !!

    Liebe Grüße
    Uli…. ja …. d.i.e ULI

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  5. Oh ja, so ging es meiner Kleo auch, als plötzlich noch eine Katzendame bei uns einzog. Eigentlich sollte „Die Andere“ nur mal kurz zur Pflege bleiben, aber nun wohnt sie bei uns. Manchmal erdreistet sie sich doch tatsächlich, der Kleo den Altkatzenstatus streitig machen zu wollen. Das gibt dann Ärger. 🙂
    Liebe Grüße von der Gudrun

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  6. Herrlich, liebe Anna-Lena ⭐
    Aber das Beinchen hebt meine Hundedame auch und markiert wie ein Rüde alle Grashalme, Straßenlampen, Bäume usw. und ihre kleine Nase ist immer am Boden 😉
    Deine Dackeldame sieht aber auch zu niedlich aus, so richtig knuffig ♥
    Sei von ganzem Herzen gegrüßt von der ♥ Pauline ❤

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