Mein Sportlerinnengesicht

Mein Sportlerinnengesicht

Kaum hatte das neue Jahr begonnen, setzte in meinem Fitnessstudio eine ungewöhnliche Betriebsamkeit ein. Die fette Weihnachtsgans, die gebacken Plätzchen, der Butterstollen, Wein und Bier, das alles schien das eine oder andere Hüftpölsterchen hinterlassen zu haben. „Ran an die Pfunde, bevor sie sich vermehren“ hieß wohl bei vielen die Devise.
Alle Geräte waren belegt, das war ungewöhnlich um diese Tageszeit, Gelegenheit genug, unauffällig Gesichterstudien betreiben, was ich ohnehin gerne mache.

Am Gerät für die Bauchmuskeln saß ein etwas korpulenter Herr in mittleren Jahren. Sein weißes T-Shirt zeigte unübersehbare Spuren einer vermehrten Körperausdünstung. Die randlose Brille drohte immer wieder, ihre Sitzposition zu verändern, denn auch von der Stirn perlten die Tropfen unaufhörlich. Mit verkniffenem Gesicht und ganz konzentriert auf die grüne Lichtsäule schient er das Ende seiner Trainingseinheit kaum abwarten zu können. Als das grüne Licht erst in orange und dann in rot überging, zog er seine Karte, nahm seine zahlreichen Muskelpakete und hievte sie auf das Ergorad.

Am Crosstrainer hechelte eine Frau mittleren Alters merklich nach Luft. Das täte ich auch bei der Geschwindigkeit, die sie an den Tag legte. So rennt jemand, der auf der Flucht ist. Erst die Kalorien anhäufen und dann losstürmen, als fielen sei dabei von alleine ab, so einfach geht das nicht.

Die Beine haben nach Weihnachten scheinbar auch ihre Probleme. Menschen, die im Verkauf beschäftigt sind und sich vor den Feiertagen die Beine in den Bauch standen, haben mein wahres Mitgefühl. Diejenigen, deren Beine über Tage mehr horizontal auf dem Sofa lagen, eher weniger. Das Wetter lockte nicht immer zu langen Wanderungen, aber wer rastet, der rostet eben. Das ist hinlänglich bekannt. Und die beiden Geräte für die Beinmuskulatur kennen kein Pardon. Wenn man seine Trainingseinheit da geschafft hat, weiß man auch, was die Glocke geschlagen hat.

Meine Lieblingsgeräte sind die für die Schulter- und Armmuskulatur. Da komme ich gedanklich immer ganz schön in Fahrt, wenn ich daran denke, jemandem hinterherzurennen, mit dem ich noch eine Rechnung offen habe ( das funktioniert auch mit den Beinbeugern, man muss nur aufpassen, dass man in Gedanken nicht zu doll zutritt und die Balance auf dem Gerät verliert).

Nicht nur, dass es voll und alle Geräte besetzt waren, es sprach niemand und das Radio, das sonst meist fröhliche Klänge von sich gab und das Training ein wenig beschwingte, schwieg beharrlich. Ich blickte in verbissene, erhitzte und angespannte Gesichter, die sich scheinbar voll auf ihre Fettzellen und nichts anderes konzentrierten.

„Stört es jemanden, wenn ich das Radio einschalte?“, frage ich laut und deutlich. Schweigen – bis auf das leise Schnurren der Geräte. Ein vor Schweiß triefender Mann nickte und presste ein „Gute Idee“ heraus.
Als ich das Radio einschaltete, ertönte „Mit 66 Jahren…“ und ich staunte nicht schlecht, als ein Lächeln über so manches Gesicht huschte. Udo Jürgens hatte es posthum geschafft, die verbissene Atmosphäre von jetzt auf gleich zu entschärfen.

Die Sünden der Feiertage verschwinden von ganz alleine, wenn man sie nicht allzu verbissen sieht.

Milon Gesundheitszirkel
© G.B. 1/2015

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16 Kommentare

  1. Ein toller Bericht, liebe Anna-Lena.
    In solch einem Sportstudio war ich noch nicht.
    Ich gehe jeden Tag auf unseren Hometrainer für ganze 10 Minuten. Sonst meckert mein Steißbein. Aber etwas Bewegung muss sein. Denn mein Mann geht jetzt immer einkaufen. Manche Tage komme ich gar nicht raus.
    Aber abnehmen muss ich nicht, habe über Weihnachten eher ab- als zugenommen. Muss immer drauf achten, dass ich die 50 kg habe. Heute waren sie wieder genau 50.0 lach.

    Aber schön, dass du den Aktiven eine Freude mit dem Radio machen konntest.
    deine Bärbel

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  2. ach, noch so ein toller Bericht, diesmal über Deine Trainingseinheiten, liebe Anna-Lena.

    Verbissen, ja, das glaube ich gerne und ich halte mich ferne *lach*
    Wer rastet, der rostet, da hast Du vollkommen recht, aber ich sehe sie alle rennen und ich renne in die andere Richtung, egal, wo sie hinführt…

    Vielleicht kannst Du eine klizekleine Trainingseinheit für mich mit machen? Das wäre zu lieb von Dir…

    Herzlichst
    Deine Bruni

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