Weihnachten im Jahr 2092

    weihnachten-0133Wir schreiben den Winter 2092. Draußen regnet es seit Tagen ohne Unterlass. Himmel und Erde scheinen untrennbar miteinander verwoben, grau ist zur Farbe des Tages geworden und auch die Seele der Menschen empfindet das Grau als eine dunkle, undurchdringliche Wand.

Der alte Mann steht am Fenster, versunken betrachtet er  die Regentropfen, die in unzähligen Rinnsalen an der Scheibe entlanglaufen. Er wartet auf seine Enkeltochter, die bereits vor  drei Stunden hier sein und Pia, ihre siebenjährige Tochter abholen wollte. Der Fährverkehr zwischen den Inseln war infolge der heftigen Niederschläge unregelmäßig geworden und es erforderte mitunter große Geduld, längere Wartezeiten auszuhalten.

Heute war der 24. Dezember, der Tag, an dem die Menschen früher den Heiligen Abend  feierten. Aber seit es keine Kirchen mehr gab, hatte auch das Fest keinen Platz mehr im Kalender der Menschen. Diejenigen, die noch Arbeit hatten, taten ihr Bestes, um sich und ihre Familien satt zu bekommen.

„Warum bist du traurig, Großvater?“ Pias helle Stimme riss den alten Mann aus seinen Gedanken. Er blickte seine Urenkeltochter an, die ihre Malstifte sorgsam in die Schachtel legte und zufrieden ihr Bild betrachtete.

„Ich bin nicht traurig, Pia, ich habe nur an früher gedacht, als ich so alt war, wie du jetzt bist.“ „Und was war da? Früher?“ „Soll ich dir erzählen, wie die Welt früher aussah? Dann komm mit.“

Pia liebte es, den Geschichten ihres Urgroßvaters zu lauschen. Sie folgte ihm in sein Arbeitszimmer, das stets verschlossen war und nur noch selten von ihm betreten wurde.

Umständlich  fuhr er seinen alten  Computer hoch. Seit das Rheuma auch seine Fingergelenke befallen hatte und niemand ihm medizinische Hilfe zuteil werden lassen konnte, tat er sich sehr schwer mit der Tastatur. Aber er wusste, dass Pia ihm dabei gerne half.

„In meiner Kindheit  war es an diesem 24. Dezember meist viel kälter als heute und der Regen fiel in dichten Schneeflocken zur Erde.“ „Was sind Schneeflocken?“, fragte Pia neugierig. „Ich zeige dir mal ein Foto. Schau her, da war ich mit meinen Eltern zum Winterurlaub in den Alpen, den hohen Bergen ganz im Süden unseres Landes.“ „Da ist ja alles weiß“, rief Pia verwundert aus.

„Durch die kälteren Temperaturen fiel der Regen als kleine gefrorene Eiskristalle und die Landschaft war wie mit Puderzucker bedeckt. Wir haben den Schnee zu unterschiedlich großen Kugeln gerollt und die Kugeln aufeinander gesetzt. So bauten wir einen Schneemann. Wir setzten ihm einen schwarzen Hut auf, eine Karotte sollte seine Nase darstellen und in der Hand hielt er einen Ast, der ihm als Besen diente.“ „Und warum haben wir soviel Regen und keinen Schnee?“ „Weil es mittlerweile viel zu warm für Schnee ist und der Niederschlag deshalb nur als Regen auf die Erde fallen kann.“ „Werde ich nie einen Schneemann bauen, Großvater“? Pia blickte den Schneemann auf dem Bildschirm wehmütig an. „Nein, mein Schatz, das wirst du nicht. Früher, als es um diese Zeit noch so kalt war, haben die Menschen Heizungen gehabt, die mit Gas gespeist wurden. Somit hatten es die Menschen im Winter warm in ihren Häusern und mussten nicht frieren. Und wenn sie nach draußen gingen, haben sie sich ganz dick angezogen, damit ihnen warm war. Schau mal…“

Pia musste herzhaft lachen, als sie ihren Urgroßvater mit einem astronautenähnlichen Anzug und einer Mütze und Handschuhen an den Fingern sah.

„Als ich so alt war wie du, habe ich fast zweihundert Kilometer  weiter nördlich gewohnt, schau hier…“, er hatte das Foto eines Hauses gefunden, das von einem üppigen Garten umgeben war, in dem die Apfel- und Kirschbäume gerade blühten. „Oh, wie schön“, flüsterte Pia und schaute sich das Foto mit den bunten Blumenrabatten zwischen den Obstbäumen  verzückt an.

„Und warum wohnst du da nicht mehr?“

„Nachdem es immer wärmer geworden war, hat das Meer viel Land überspült und sehr viele Menschen mussten aus dem Bereich der Nordsee, so hieß das Meer damals, flüchten. Ihr Land war vom Meer geradezu weggerissen worden. Und die vielen Stürme haben das Leben am Meer auch gefährlich werden lassen.“

„Aber warum wurde das Meer denn immer größer? Hat es damals auch schon so viel geregnet wie heute?“ „Weißt du, Pia, es gab damals ganz viel Eis am Nordpol und am Südpol und dort lebten einzigartige Tiere, die du sonst nirgendwo auf der Welt sehen konntest. Als es immer wärmer wurde, begann das Eis zu schmelzen, die Tiere wurden aus ihrem einzigartigen  Lebensraum verjagt und der Meeresspiegel stieg immer mehr an. Deshalb ist auch unser Land untergegangen und wir sind weggezogen. Selbst deine Urgroßmutter und ich sind immer wieder umgezogen, bis wir glaubten, sicher zu sein.“ Pia bemerkte seinen nachdenklichen Blick nicht, als er zum Fenster hinausschaute. Der Regen war wieder stärker geworden und ein Sturm rüttelte an den alten Fensterläden.“

Er öffnete eine andere Datei und schon war Pia in ein helles Lachen ausgebrochen. „Was ist das denn für ein lustiger Baum? So einen habe ich ja noch nie gesehen.“ „Am heutigen Tag haben die Menschen früher den Heiligen Abend gefeiert und dazu haben sie einen Tannenbaum in ihre Stuben geholt, ihn mit Kerzen und Kugeln geschmückt und sich gegenseitig etwas geschenkt.“

„Und warum haben sie das gemacht? Man schenkt doch nicht einem anderen Menschen einfach etwas. Meist hat man doch selbst nur das Nötigste um leben zu können.“

Der alte Mann biss sich verlegen auf die Unterlippe. Da hatte er sich ganz schön weit aus dem Fenster gelehnt. Wie sollte er einem Kind von sieben Jahren, das noch nie etwas von Gott gehört hatte, das Wunder der Heiligen Nacht erklären?

„Die Menschen waren damals meistens noch ganz gut versorgt und konnten sich vieles leisten. Sie konnten in ein Geschäft gehen, sich etwas aussuchen und mit einem Gegenwert, den man Geld nannte und den man als Lohn für seine Arbeit bekam, bezahlen und das gehörte dann ihnen. Und somit konnten sie anderen eine Freude machen und ihnen etwas schenken, was sie übrig hatten.“ „Und warum haben sie das am Heiligen Abend gemacht?“ „Die Menschen glaubten an ein höheres Wesen, das sie Gott nannten. Gott hatte die Welt geschaffen und sie den Menschen vertrauensvoll überlassen, damit sie alle in Frieden auf ihr leben konnten.  Und als Zeichen seiner Menschlichkeit hat Gott seinen Sohn als Mensch auf die Erde gesandt, damit die Menschen ein Leben nach seinem Vorbild führten. Und dieser Sohn Gottes wurde in der Heiligen Nacht geboren.“

„Und, was ist aus ihm geworden? Lebt er noch?“

„Die Menschen haben ihn nicht anerkannt, sie haben ihn als Spinner betitelt und ihm sehr weh getan, so dass er gestorben ist.“

„Und was hat Gott dazu gesagt?“ „Gott hat den Menschen ihren freien Willen geschenkt, aber viele Menschen haben nur an sich gedacht, wie sie immer reicher und mächtiger werden konnten. Sie haben die wunderbare Welt Gottes zerstört und  so haben die Menschen Gott immer mehr aus ihrem Bewusstsein verdrängt, so dass heute niemand mehr von ihm spricht und sprechen darf. Denn das lassen die, die über uns bestimmen, die uns zuteilen, was wir brauchen, nicht zu.“ „Glaubst du an Gott, Großvater?“ „Ja, Pia, ich glaube an ihn und habe es immer getan und das kann mir keiner nehmen. Sonst hätte mein Leben auf dieser Welt keinen Sinn mehr.“ „Und Mama und Oma? Sie haben mir nie von ihm erzählt, ich höre zum ersten Mal von ihm.“

„Deine Oma hat irgendwann den Glauben an ihn verloren und hat das auch deiner Mama so erzählt und wahrscheinlich hat deine Mama dir deshalb nichts von ihm erzählt.“ Er schwieg eine Weile und Pia bemühte sich, die Worte ihres Urgroßvaters zu begreifen.

„Und die Uroma?“ Pia bemerkte verlegen, dass der Urgroßvater mit den Tränen kämpfte und wollte sich schon entschuldigen, ihm diese Frage gestellt zu haben.

Der Urgroßvater sah sie an und seine Augen leuchteten. „ Du hast deine Urgroßmutter leider nicht kennengelernt, sie starb schon vor deiner Geburt. Aber so lange sie lebte und es ihr gesundheitlich gut ging, haben wir immer wieder von Gott gesprochen und gemeinsam den Heiligen Abend gefeiert, obwohl das schon längst nicht mehr geduldet wurde. In diesem Glauben an Gott ist sie gestorben und friedlich eingeschlafen. Und das erhoffe ich für mich auch.

Ich bin zwar ein alter Mann und ich habe sicher noch ein paar Jahre zu leben, aber ich freue mich darauf, die Uroma dort zu treffen, wo ich sie vermute, bei Gott.“

©G. Bessen 2012

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11 Kommentare

  1. ohhhhh … solche Geschichten machen mir „Angst“!
    Sollte es wahrlich eines Tages SO sein …?,
    wäre es eine Schande für ALLE …
    sowohl für die Gläubigen als auch für die Ungläubigen ….

    Wollen wir gemeinsam einiges drum tun, dass es NICHT so wird … und wenn doch, so haben wir es immerhin versucht.

    Dir und Deinen Lieben …
    GANZ zauberhafte Weihnachten …
    und liebe Grüße … Katja

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  2. Liebe Anna-Lena, ich weiß ja, daß ich die Geschichte kenne und doch berührt sich mich nun wieder so, als würde ich sie das erste Mal lesen. Du hast Dich in die Zukunft hineingefühlt und in einen Menschen, der unsere Zeit noch gut in Erinnerung hatte.

    Und nun bin ich zu ihm gegangen, zu Deinem Urgroßvater in der Geschichte und ich möchte ihm danken für seine guten Worte, die er für seine kleine Enkeltochter fand, für das, was er ihr nun mitgab. Denn diese Dinge vergißt kein kleines Mädchen und bestimmt auch kein kleiner Junge, seine Worte werden nun weitergetragen in eine nächste Generation, falls es danach noch eine geben sollte.
    Sein Wissen geht nicht verloren und wie unendlich wichtig ist es doch, weiterzugeben, Wissen zu vermitteln, Herzenswärme und alte Erinnerungen, sonst werden sie blasser und blasser und verschwinden im Nirgendwo, wo sie keinem mehr nutzen.

    Liebe Grüße am 1. Weihnachtsfeiertagabend von Bruni

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