Ein folgenschwerer Irrtum

Die Augenringe hatten bereits eine violette Farbe angenommen. Sein seit Tagen ungewaschenes graues Haar hing ihm wirr um den Kopf. Seine Haut hatte eine ungesunde Gesichtsfarbe angenommen und um ihn herum hielt sich hartnäckig eine Wolke aus Schweiß, Alkohol und kaltem Rauch. Das alles bemerkte er nicht. Er stand sich selbst im Weg. Seine Bewegungen waren langsam und unkontrolliert, seine Augen blickten wie im Fieber hektisch hin und her. Er hatte Angst und diese Angst hatte ihn so in ihren Besitz genommen, dass es ihm fast die Kehle zuschnürte.

Noch immer erschien es ihm wie ein böser Traum, was sich vor wenigen Tagen ereignet hatte. Seitdem ihn Clarissa vor zwei Monaten mit den beiden gemeinsamen Kindern verlassen hatte, war sein Leben eintönig und reizlos geworden.

Das Wassergrundstück mit dem restaurierten Fachwerkhaus lag einsam an der Südseite des Sees. Beide Kinder, Jessica und Janina,  waren hier groß geworden, hatten im See schwimmen gelernt und mit ihm die ersten Angelversuche unternommen. Die Erinnerung daran schmerzte tief in seiner Seele. Die Trennung von der Familie hatte ihm alle Kraft geraubt, Kraft, die er eigentlich brauchte. Er hatte sich vorgenommen,  um seine Familie zu kämpfen.

Angst hatte Frederick  früher nicht gekannt. Das Haus lag so idyllisch, dass der Gedanke an etwas Böses gar nicht in seine Vorstellungskraft passte. Hier war das familiär Refugium, ein Ort nur für ihn, seine Frau und die Zwillinge, die mit ihren zehn Jahren von klein auf ein Leben in der Natur verbrachten.

Und doch hatte er in den letzten Wochen bemerkt, dass Fremde nachts um sein Haus geschlichen waren. Der frisch gefallene Schnee zeigte Spuren von zwei verschiedenen Sohlenprofilen, der Größe nach zu urteilen waren es eindeutig Männerfüße.

Er schlief nachts im Wohnzimmer, immer auf der Lauer, möglichen Einbrechern sofort das Handwerk zu legen. Manchmal rührte sich mehrere Nächte gar nichts, dann wiederum hörte er Geräusche in unmittelbarer Nähe des Hauses.

Das Boot am Seeufer hatte er aus dem Wasser gezogen und in einem Schuppen untergebracht. Einen Bewegungsmelder oder gar eine Alarmanlage hielt er nach wie vor für übertrieben. Er würde den oder die Einbrecher schon stellen.

Und dann kam der verhängnisvolle Abend. Unmittelbar vor der dezent  beleuchteten Eingangstür waren Schritte zu hören. Frederick hielt sein linkes Ohr von innen an die Tür gepresst und lauschte den Schritten, die sich unschlüssig hin und her bewegten. Seine rechte Hand umklammerte eine Metallstange.

Nachdem er sich nun mehrere Nächte um die Ohren geschlagen hatte, lagen seine Nerven blank. Eine aufgestaute Wut hatte sich in seinem Inneren festgesetzt. Wer wagte es, seine Idylle zu besudeln, das Reine, Natürliche mit kriminellen Machenschaften zu konfrontieren?

Er atmete tief ein, riss die Tür auf und sprang  auf den Unbekannten vor seiner Tür zu. Ein schlanker junger Mann mit einer tief in die Stirn gezogenen Mütze wich vor Schreck zurück, stolperte und fiel mit seinem  Körper rücklings nach hinten, Dabei schlug sein Hinterkopf hart auf einen Kantenstein. Der junge Mann rührte sich nicht. Die offenen  Augen starrten ins Leere.

„Scheiße!“ , mehr brachte er nicht heraus. Er beugte sich über den jungen Mann, legte Zeige- und Mittelfinger an dessen Halsschlagader – nichts. Kein Lebenszeichen. Tot.

Was danach passierte, erfolgte wie in Trance, unüberlegt und wie von fremder Hand gesteuert. Er zog den leblosen Körper über den schneebedeckten Rasen zum Schuppen, hievte ihn ins Boot, umwickelte ihn mit einer stabilen Plastikplane, in die er mehrere große Pflastersteine zum Beschweren packte, schnürte den Leichnam wie einen alten Teppich zusammen und ruderte auf den See hinaus, bis er in etwa die tiefste Stelle erreicht hatte. Dort versenkte er den Leichnam. Obwohl die Nacht bitterkalt war und er nichts als eine Jogginghose und ein langärmeliges Sweatshirt trug, lief ihm der Schweiß von der Stirn. Die Kälte spürte er nicht.

Als Frederick  in sein Haus zurück kehrte, setzte ein leichter Schneefall ein. Am nächsten Morgen würde sich das weiße Kleid des Winters lautlos über das Land gelegt und alle Spuren verwischt haben. Er lag lange wach und  konnte nicht schlafen. Als er sich einen Whisky eingoss, merkte er erst, wie sehr sein Körper vor Aufregung und Kälte zitterte. Der goldene Whisky breitete sich in seinem Inneren aus, wärmte ihn durch und nachdem die halbe Flasche leer getrunken war, fiel er in einen unruhigen Schlaf.

Der kommende Tag war sein freier Tag. Nach dem Frühstück zog Frederick sich warm an und machte einen langen Spaziergang. Der See lag still da, über ihm ein grauer, von schweren Schneewolken bedeckter Himmel, die darauf warteten, sich entleeren zu können.

So gut er konnte, verdrängte er jeden Gedanken an dieses grauenvolle Erlebnis und seine etwaigen Folgen.  Am übernächsten Tag kam er pünktlich zu seinem Dienst. Als er zur ersten Stunde in seine Klasse ging, hatte er sich soweit beruhigt, dass ihm äußerlich niemand etwas anmerken würde.

Die Winterzeit war Erkältungszeit und so registrierte er lediglich , dass ein Drittel seiner Klasse krank gemeldet war. Malte, ein Schüler aus problematischen Familienverhältnissen, fehlte jedoch länger, ohne dass er am dritten Tag in irgendeiner Form entschuldigt worden war. Als Klassenlehrer hatte er die Pflicht, nachzufragen.

Malte war seit drei Tagen wie vom Erdboden verschluckt. Die Eltern hatten eine Vermisstenanzeige bei der Polizei erstattet.

Malte blieb verschwunden.  Die Polizei tappte im Dunklen. Je mehr Zeit verging, umso mehr keimte in Frederick der Verdacht auf, dass der junge Tote vor seinem Haus sein eigener Schüler war, den er in der Dunkelheit nicht erkannt hatte.

Frederick ging zum Arzt und ließ sich wegen eines akuten Erschöpfungszustandes auf unbestimmte Zeit krankschreiben. Nun saß er in seinem eigenen Haus fest wie ein brüllender Löwe im Käfig. Wie lange würde er noch schweigen können? Wie lange würde er mit dieser schrecklichen Tat leben können? Wie lange würde es dauern, bis er vollends den Verstand verlieren würde?

 © G.Bessen 03.02.2014

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29 Kommentare

  1. Wow, die Geschichte geht bei mi durch und durch.
    Erst lässt du uns rätseln, was mit Valentina und Thomas wird, dann diese unheimliche Geschichte, die mich grübeln läßt und mir eine dicke Gänsehaut beschert.
    War er es nun oder nicht? Wenn ja, was wollte eder Schüler mitten in der Nacht bei seinem Lehrer?
    Du bist jedenfalls schuld, wenn ich heute nicht gut schlafen kann. 😉
    Jedenfalls wünsche ich wenigstens dir eine angenehme Nachtruhe.
    Liebe Grüße
    Bärbel

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  2. inzwischen schaue ich auch viele Krimis; es kommen sooo viele und es gibt auch die guten dabei. Dein Text gefällt mir sehr, vielleicht auch, weil er wirklich etwas anders daherkommt als die bisherigen. Aber alle haben sie mir gefallen, liebe Anna-Lena 🙂

    Danke für die Vitaminstößem kann sie gerade gut gebrauchen.

    Herzlixche ♥ Grüße zu Dir

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