Nichts wie weg! (3)

Christian verstand die Welt nicht mehr. Valentina schien wie vom Erdboden verschluckt. Zu Hause meldete sich mit konsequenter Hartnäckigkeit der Anrufbeantworter, auf dem Handy die Mailbox und in der Kindertagesstätte  erreichte er am Sonntag natürlich niemanden. Er hatte sich das so schön vorgestellt, am vierten Advent mit ihr noch einmal über den Weihnachtsmarkt zu bummeln und sie anschließend zum Essen einzuladen. Und nun stand er vor ihrer Haustür und sah ihren Wagen auf dem Parkplatz stehen. Von Valentina jedoch keine Spur. Bevor er sich vor der Tür länger die Beine in den Bauch stand, beschloss er, in der Wohnung auf sie zu warten. Weit weg konnte sie ja nicht sein. Was für ein folgenschwerer Irrtum!

Er zog die Hausschlüssel aus der Hosentasche, schloss die Eingangstür auf und war gerade im Begriff, die Wohnungstür im zweiten Stockwerk aufzuschließen, als sich nebenan die Nachbartür öffnete und Sabine, Valentinas Nachbarin und bedeutend ältere Freundin, mit einem Müllbeutel aus der Wohnung trat.

„Hallo Sabine, ich suche Valentina. Ist sie bei dir?“ Vom vertrauten Klang seiner Stimme angelockt, kam Valentinas schwarzer Kater aus Sabines Wohnung geschossen und schmiegte sich an sein rechtes Bein.

„Guten Tag, Christian. Nein, Valentina ist nicht bei mir. Magst du reinkommen? Ich habe gerade frischen Kaffee gekocht“.

Christian sog den Duft nach frisch gebackenen Plätzchen und frischem Kaffee gierig in sich rein.

„Aber gern. Ich wollte sowieso auf Valentina warten und aus deiner Wohnung duftet es so weihnachtlich.“

Er machte es sich auf dem alten Holzstuhl in der Küche bequem. Moritz, der Kater, rollte sich in seinen Schoß und begann sofort zu schlafen. Christian  legte seine kalte Hände um den Kaffeepott mit dem dampfenden heißen Kaffee und schaute Sabine erwartungsvoll an.

„Greif zu“, bemerkte sie freundlich und schob ihm eine Glasschale mit frisch gebackenen Kokosplätzchen hin. Das ließ sich Christian nicht zwei Mal sagen.

Wieder richtete er seinen Blick erwartungsvoll auf Sabine, in der Hoffnung, sie würde des Rätsels Geheimnis sogleich lüften.

Sabine blickte Christian nachdenklich an. „Auf Valentina brauchst du nicht zu warten. Sie ist weggefahren und kommt erst in knapp drei Wochen wieder. Deshalb ist Moritz auch bei mir.“

Christian blickte voller Erstaunen erst zu Moritz, als sähe er ihn jetzt erst bewusst, dann zu Sabine. „Weggefahren? Wohin?“

„Sie macht Urlaub auf Teneriffa“, antwortete Sabine in gleichmütigen Ton, als sei das das Selbstverständlichste von der Welt.

„Das glaube ich jetzt nicht! Weiter weg ging es wohl nicht!!“, entfuhr es Christian nach einer Weile, in der Sabines Worte gesackt waren. „Es ist doch Weihnachten“.

„Weihnachten ist überall, auch auf Teneriffa. Ich kann Valentina gut verstehen. Bis vor drei Jahren habe ich es jedes Jahr so gemacht und bin Weihnachten auf Bali gewesen. Seit meine Mutter so krank geworden ist, bleibe ich hier, ich möchte sie an Weihnachten ungern alleine lassen.“

Christian schwieg. Es schien, als würde das Gehörte sich nur stückweise seinem Bewusstsein erschließen. „Warum hat sie mir denn nichts gesagt?“ Sein Ton war schärfer und lauter als beabsichtigt. „Du hättest es nicht verstanden. Du bist so ein Familienmensch, der Weihnachten seine Familie um sich haben möchte  und wenn noch ein Stück Zeit davon übrig bleibt, dann hat die Partnerin ihren Platz darin. Diese Erkenntnis hat Valentina sehr zu schaffen gemacht. Deshalb hat sie diese Entscheidung getroffen und möchte auch nicht, dass du sie im Urlaub anrufst. Wenn du meine persönliche Meinung dazu hören willst: ihr seid seit einem Jahr ein Paar. In eurem Alter haben andere schon eine eigene kleine Familie. Weihnachten mit den Eltern und Geschwistern zu verbringen, da hat niemand etwas gegen. Im Gegenteil, aber als Erwachsene sollten die Partner die erste Geige spielen und in den meisten Fällen werde auch die Familien einbezogen. Als ich in eurem Alter war, haben Manfred und ich meine und seine Familie zu Heiligabend immer dabei gehabt. Daran denke ich heute gern zurück. Meine Reisen nach Bali kamen erst später, lange nach Manfreds Tod. meine Eltern waren noch rüstig und ich fühlte mich ohne Manfred an Weihnachten hier fehl am Platz.“

Christian war still geworden. Seine Schultern fielen nach vorne und er sah bekümmert aus.

„Da kann ich also gar nichts weiter machen, als abzuwarten, bis Valentina im neuen Jahr irgendwann erholt von Teneriffa zurückkehrt?“

„Ich fürchte nein“, antwortete Sabine. „Vielleicht ist das die Gelegenheit, dass jeder von euch beiden über den Stellenwert eurer Beziehung in eurem persönlichen Leben nachdenkt.“

©  G. Bessen  12/13

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19 Kommentare

  1. Liebe Anna-Lena,

    nun habe ich alle drei Teile auf einmal gelesen – und hätte grad weiterlesen mögen 😉 🙂 Super geschrieben und ich freu mich auf die Fortsetzung. Und kann Valentina gut verstehen – alle Jahre wieder packt mich auch so ein Fluchtimpuls *g* (und wir waren auch schon fort an Weihnachten) ..

    Ich grüß dich ganz herzlich,
    Ocean

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  2. Da hatte ich heute Abend ja genug Lesestoff ;-). Die Geschichte gefällt mir und ich kann verstehen, wenn man nach so viel „Vorweihnachten im Kindergarten“ am Fest selbst nur noch weg will und die Trennung war bei beiden wahrscheinlich längst überfällig. Dies war ja mal eine andere Weihnachtsgeschichte – klasse!!! Du kannst die Geschichte weiter schreibsen (wo ich natürlich nichts gegen hätte) aber genauso gut, kannst Du hier auch das Ende offen stehen lassen.

    LG Susanne

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  3. Ach Christian, du armer Tropf,
    die Liebste weg – ein alter Zopf!
    Nichts bleibt heil, was man nicht pflegt,
    hast wohl am eigenen Ast gesägt
    und das so lang, bis er brach,
    was folgte: Das war Ungemach!
    Was tust du nun, was machst du bloß?
    Legst du die Hände in den Schoß?
    Brütest du sinnlos vor dich hin,
    versuchst zu ergründen den tieferen Sinn?
    Oder – wirst du wach bis in dein Mark,
    machen deine Gefühle dich plötzlich stark?
    Wir werden sehen, was geschieht,
    wenn Anna-Lena sich weiter „reinkniet“ … 🙂

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