Nichts wie weg! (2)

Valentina machte es sich in dem Bus bequem, der sie vom Flughafen in die nördliche Stadt Puerto de la Cruz bringen sollte. Das gleichmäßige Fahren auf der Autobahn beruhigte sie und ließ die Geschehnisse der letzten Tage noch einmal vor ihrem inneren Auge Revue passieren. Es war viel geschehen, der Streit mit ihren Eltern, die hässliche Auseinandersetzung mit ihrem Freund Christian und ihr konsequentes Buchen des Fluges und ihr Aufbruch.

Warum wollte sie niemand verstehen? Warum konnte niemand begreifen, dass sie nach wochenlangen Vorbereitungen in ihrer Kindertagesstätte und mit ihrer Mutter keine Lust mehr auf Weihnachten hatte? Im Kindergarten hatten sie drei Wochen lang jeden Tag mehrere Stunden  gebastelt, Baumschmuck aus bunter Folie, filigrane Strohsterne, Bilder für Mama und Papa, Oma und Opa  getuscht, Wunschzettel geschrieben, Kekse gebacken, Weihnachtslieder und Weihnachtsgedichte einstudiert und zum Adventskaffee mit den Eltern vorgetragen, ja, selbst die Weihnachtsfeier im Team hatte sie geduldig über sich ergehen lassen.

In ihrer begrenzten Freizeit war sie stundenlang mit ihrer Mutter durch die Geschäfte gehetzt, um Weihnachtsgeschenke für Opa Willi und Oma Hanni,  ihren Vater und ihre beiden jüngeren Geschwister zu kaufen. Vor den Adventssonntagen hatte sie mit ihren Geschwistern geduldig Teig bereitet, ausgerollt, verschiedene Motive  ausgestochen, Kekse gebacken und anschließend verziert.

Mit Christian war sie auf mehreren Weihnachtsmärkten in der Stadt gewesen, hatte sich mit den Schlangen von Menschen von einem zum anderen Stand mit Kunsthandwerk schieben lassen, sich zwischendurch mit Glühwein und Bratwurst fit gehalten.

Und dann der ultimative Knall zwischen den beiden: Wann sind wir wo? Valentina fühlte sich verpflichtet, wie immer den Heiligen Abend bei ihrer Familie zu verbringen und Christian bei seiner. Im ersten Jahr ihrer ganz frischen Beziehung waren sie beide sehr tolerant und haben den jeweils anderen in seinem Wunsch akzeptiert und respektiert, aber nun waren sie über ein Jahr zusammen und das Bedürfnis nach einem eigenen gemeinsamen Heiligen Abend war da. Bei Valentina offenbar mehr als bei Christian. Valentina war durchaus der Meinung, dass niemand zu kurz käme, wenn man genau plante, mit den jeweiligen Eltern spräche und niemand zu kurz käme. Christian  erklärte ihr in seiner ihm eigenen Logik, wenn die Verwandtschaft, die am ersten Feiertag zum Gänsebratenessen geladen war, gegangen  war, blieb ihnen noch der gemeinsame Abend des ersten und der ganze zweite Weihnachtsfeiertag.

Valentinas Eltern hätten sich mit einem gemeinsamen, aber verkürzten  Heiligabend zufrieden gegeben, aber sie waren natürlich nicht abgeneigt, ihre älteste Tochter den ganzen Abend, über Nacht und  auch am ersten Feiertag bei sich zu haben, zumal die Großeltern mittags erwartet würden und eine helfende weibliche Hand in der Küche gern gesehen wäre.

Und schließlich sähen die beiden Nachkömmlinge, die Zwillingsschwestern Luise und Lotte, ihre große Schwester auch nicht allzu oft.

Als Valentinas Vater nebenher bemerkte, dass Liebe auch Verzicht bedeute, hatte es sich bei Valentina ganz schnell ausgeweihnachtet.

Sie war Mitte zwanzig, stand beruflich auf festen Füßen, hatte eine eigene Wohnung und auch ein Recht, ihr Leben als Erwachsene selbst zu gestalten, zumal andere in ihrem Alter oft schon eine eigene kleine Familie hatten. Nur, weil man noch nicht verheiratet war, musste man nicht ewig Kind sein und sich ausschließlich den elterlichen Wünschen fügen. Plötzlich fand sie Christian außerordentlich spießig und altbacken und fragte sich, ob er wirklich der Richtige für ihr weiteres Leben sei. Sie sah ihn schon an Heiligabend mit einem Rollkragenpullover und einer Buntfaltenhose unter dem Weihnachtsbaum mit einer elektrischen Eisenbahn spielen, bis Mama zum Essen bat.

Es kostete sie einige Anrufe und was sich zuerst als eine recht nebulöse Vorstellung in ihrem Hinterkopf entwickelt hatte, wurde innerhalb von vierundzwanzig Stunden ein fester Plan.

Sie hatte so viele Überstunden, dass daraus eine extra Urlaubswoche entstand. Mit den Feiertagen und den Tagen zwischen den Jahren kam sie auf knapp drei Wochen Urlaub.

Ihre Eltern reagierten erwartungsgemäß mit einer Enttäuschung, die ihresgleichen suchte. Aber nach stundenlangen Diskussionen bemühten sie sich wenigstens um Verständnis und gaben ihrer Tochter den vorweihnachtlichen Reisesegen.

Nur einer wusste nichts von Valentinas Plänen und ihrem Verschwinden – ihr Freund Christian. Sie teilte zwar sehr häufig das Bett mit ihm, aber noch nicht die Wohnung. Er würde schon dahinter kommen, dass sie nicht da ist. Damit umzugehen war erst mal nicht ihr Problem.

©G. Bessen 12/13

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32 Kommentare

  1. am schlimmsten sind die Erwartungshaltungen, über die nicht geredet wird und die langen enttäuschten Gesichter, trotz der vielen liebevollen Vorbereitungen…
    Dein toller Text zeigt eine Lösung, aber wie der Freund damit umgeht, das ist die Frage und ob er wirklich spießig ist, das überlege ich auch noch 🙂
    Nun wird er vor eine vollendete Tatsache gestellt . Es wäre
    sehr interesssant zu wissen, wie er reagiert. Daran könnte ich erst erkennen, ob er wirklich spießig ist, denn in einer Buntfaltenhose drückt es sich nicht unbedingt aus *grins*

    Eine feine Geschichte, die unendlich weiterzuspinnen wäre,liebe Anna-Lena

    Liebe Donnerstagsgrüße von mir

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  2. Armer Freund
    sitzt da und weint,
    weiß nicht,
    wo die Liebste weilt,
    weiß nicht,
    wo sie hingeeilt,
    warum sie ihn
    hat gar verlassen,
    er kann das Geschehen
    gar nicht fassen!
    Was du schreibst,
    ist herzlos und brutal,
    kein Mann kann ertragen
    eine derartige Qual!
    Hättest du ihm
    nur einen Tipp gegeben,
    hätte ein wenig
    Sinn noch sein Leben!
    … 😉

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  3. PRIMA ! Hätte ich auch so (!) gemacht.
    In meinem Beruf hatte ich immer nur entweder Weihn. frei oder an Silvester. Ich habe überwiegend an Silv. Nachtdienst gemacht, weil der recht unbeliebt war.
    Mir war es immer lieber, an Weihn frei zu haben.
    Dann habe ich es immer so (!) gehalten, wonach mir der Sinn stand.
    Meine Eltern haben das verstanden, wenn ich mal nicht an Heiligabend daheim war, schließlich musste ich Kraft für den kommenden Nachtdienst tanken.

    Ob Du, lb. Anna-Lena, die Geschichte weiter erzählst, das würde ich einfach Deiner Stimmung überlassen ! Denn so schöne Geschichten, wie Du sie Dir ausdenkst, die lassen sich nun mal nicht aus dem Ärmel schütteln !
    GRUSS ! Uli

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  4. Valentina hat richtig gehandelt – ein Schritt in die Freiheit, die der Mensch braucht. Sie ist ja nicht für immer verschwunden und den nächsten Schritt müssen ihre Eltern machen – sie vollkommen loslassen.
    Ich habe Deine Geschichte gerne gelesen. Dein Stil ist flüssig, so dass ich Deiner Geschichte gerne bis zum Schluss gefolgt bin.

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