Nichts wie weg! (1)

Valentina schloss sorgfältig die Haustür ab, wuchtete ihren schweren Koffer und ihre Reisetasche in den Fahrstuhl und stellte sich mit hochgezogenem Mantelkragen an die Straße. In wenigen Minuten würde ihr Taxi kommen. Dann öffnete sie ihre Handtasche, holte sich eine Zigarette und das Feuerzeug heraus und spürte nach den ersten Zügen, dass sich ihre vibrierenden Nerven langsam beruhigten. Kurz darauf hielt neben ihr das bestellte Taxi. Ein freundlich blickender Wuschelkopf stieg aus und packte die beiden Gepäckstücke  mit Schwung in den Kofferraum. „Na, junge Frau, wo soll´s denn so früh schon hingehen?“ fragte er munter. „Zum Flughafen, bitte“, gab sie etwas distinguiert zurück. Grauenvoll, diese Menschen, die mitten in der Nacht schon Bäume ausreißen können, gut gelaunt und redselig sind’ schoss es ihr durch den Kopf. Sie lehnte sich in den bequemen Rücksitz des Daimler S 500 und schloss die Augen  in der Hoffnung, der freundliche Taxifahrer verwickele sie nicht noch in ein Gespräch über ‚Morgenstund  hat Gold im Mund’ oder so etwas ähnliches. Das brauchte sie jetzt so dringend wie ein Loch im Kopf.

Valentina blickte aus dem Autofenster ohne bewusst auf etwas zu achten. Es war noch früh am Morgen, trotzdem waren schon viele Menschen unterwegs. Auch auf den Straßen war bereits lebhafter Verkehr, der den Taxifahrer hin und wieder zu leisem Schimpfen verleitete. Sein Fahrgast wünschte keine Unterhaltung, „Schade“ – dachte er, während er sie im Rückspiegel verstohlen  beobachtete.

Was er sah gefiel ihm ganz gut. Sie hatte lebendige, grüne Augen, die gut zu ihrer roten Haarmähne passten. Nur blickten diese Augen gerade missmutig aus dem Fenster. Ihre Lippen hatte sie fest zusammengepresst. Irgend etwas musste die junge Frau beschäftigen. Leider musste sich Daniel wieder auf den Verkehr konzentrieren, der in der Nähe des Flughafens noch zunahm. Trotzdem musste er immer wieder in den Rückspiegel sehen. Valentina bemerkte seine Blicke und verzog das Gesicht. Demonstrativ sah sie weiter aus dem Fenster. Ihre Körperhaltung signalisierte Abwehr.
Endlich hielt das Taxi an. Daniel spurtete um das Auto und wollte Valentina   die Tür öffnen, doch die war schon ausgestiegen. Ihm blieb nichts weiter übrig, als den Kofferraum zu öffnen und der jungen Frau  ihr Gepäck zu übergeben. Sie  fischte das nötige Kleingeld aus der Tasche und drückte es Daniel in die Hand. „Reicht das?“, fragte sie schnippisch. Daniel nickte und Valentina  stolzierte hocherhobenen Hauptes Richtung Flughafeneingang. Sprachlos schaute er ihr nach. Sollte er sie gehen lassen? Daniel fuhr sich mit beiden Händen durch seine dunkelbraunen Haare und überlegte, ihr als wohlerzogener Mann das Gepäck  bis zum Abfertigungsschalter zu tragen. Sie war schon fast an der Tür, als jemand laut ihren Namen rief. Fragend sah sie sich um und erstarrte. Das konnte doch nicht wahr sein. Entsetzt ließ sie ihr Gepäck  fallen. Durch den Aufprall öffnete sich der  Koffer und sein Innenleben ergoss sich über den Fußboden.

Bunte Sommershirts, kurze Hosen, ein Bikini, diverse Dessous, Unterwäsche, Badetücher und Sommersandaletten ergossen sich quer über den Steinboden, inmitten einer eiligen Menge eiliger Füße. Valentina sah entsetzt auf den verstreuten Inhalt ihres Koffers und jappte entsetzt auf. „Auch das noch! So ein Scheißtag.“ Das war seine Gelegenheit. Daniel sprintete so schnell er konnte in ihre Richtung, bückte sich und sammelte die verstreuten Utensilien wieder ein. Nur aus den Augenwinkeln bemerkte er den Mann, der sich Valentina  mit fragendem Blick näherte. „Das ist aber eine Überraschung, dich hier zu treffen. Wo soll´s denn hingehen?“ fragte er neugierig. Sie  fühlte sich in dieser Lage völlig überfordert. Vor ihr auf dem Boden kroch ein wildfremder Taxifahrer und sammelte ihre geheimste Utensilien in aller Öffentlichkeit ein und vor ihr stand ein One-Night-Stand, dessen Existenz sie längst aus ihrem Bewusstsein verbannt hatte.

Warum konnte man sich nicht einfach in Luft auflösen? Valentina widerstand der Versuchung, laut zu schreien und sich die Haare zu raufen. Manche Tage bestanden nur aus Nerven tötenden Momenten. Erst das Drama mit ihrer Familie und den Streit wegen Weihnachten…   sie wollte gar nicht mehr daran denken. Daniel hatte mittlerweile sämtliche Kleidungsstücke aufgesammelt und in den Koffer gequetscht. Er konnte sich nach seiner Hilfsaktion ein Grinsen nicht verkneifen. Sicher würde die junge Dame in dem einen oder anderen Teilchen sehr verführerisch  aussehen. Leider schaute Valentina  genau in diesem Moment in Daniels Gesicht. Grimmig riss sie ihm den Koffer aus der Hand und stürmte in das nächste Restaurant. Da ihr Flieger erst  später startete, hatte sie noch etwas  Zeit. Beide Männer schauten ihr verblüfft hinterher. Daniel sah auf seine Uhr, denn langsam musste er mal wieder an andere Fahrgäste denken. „Ich habe noch zu tun“, murmelte er in eine unbestimmte Richtung und stiefelte zu seinem Taxi. Nun stand nur noch Valentinas  One-Night-Stand vor der Eingangstür des Flughafens. Er dachte an die wenigen, aber unvergesslichen Stunden, die ihn und sie  verbanden. Eigentlich hatte er sie noch gar nicht richtig kennen gelernt. Das konnte man sicher nachholen. Sie  saß bereits  mit ihrem Gepäck grübelnd im Restaurant. Ihre Gedanken waren ebenfalls bei dieser schon lange vergessenen Nacht. Ihr fiel noch nicht einmal der Name ihrer Bettbekanntschaft ein. Sie  stöhnte, als sich die Tür öffnete, und genau diese Bekanntschaft den Raum betrat.

Oh nein! Wo ist das berühmte Loch im Erdboden?’ stöhnte sie innerlich und kreiste meditativ mit dem Löffel im Uhrzeigersinn durch ihre Kaffeetasse. Warum musste ausgerechnet dieser Typ hier auftauchen? Sie wollte nur weg, alles hinter sich lassen und sich ein paar Wochen in  einem kleinen Hotel auf Teneriffa  ausruhen. Sie beschloss, ihre ganze Aufmerksamkeit dem dampfenden Kaffee zu widmen, bis ihr Flug aufgerufen würde. Der Typ musste ja schließlich merken, dass er gerade höchst unwillkommen war. Sie unterbrach ihre Meditationsübung, setzte die Tasse an den Mund und erfasste mit einem kurzen Rundumblick die Situation. Da saß er, drei Tische weiter, biss herzhaft in ein Käsebrötchen und war so damit beschäftigt, dass sie in Sekundenschnelle ausrechnete, wie lange sie zum Restaurantausgang bräuchte. Eine Frau – ein Gedanke – eine sinnvolle Tat! Den erstaunten Blick ihres Lovers registrierte sie noch aus den Augenwinkeln, als sie mit ihrem Gepäck das Restaurant verließ und sich in die nächst gelegene Flughafentoilette begab.

Valentina  holte tief Luft. Sie schaute in den Spiegel und schüttelte den Kopf. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Ihr stand der Sinn nach Urlaub unter Palmen, Urlaub mit Sonne und Meer. Wieso musste das Leben nur so kompliziert sein?

 „Letzter Aufruf für die Passagiere nach Teneriffa. Bitte kommen Sie zum Flugsteig 19“, tönte es aus dem Lautsprecher. Sie nahm ihr Gepäck, ungeachtet ihres Lovers und eilte zum Flugsteig. Wenig später lehnte sie sich in ihren Sitz zurück, schloss die Augen und wartete nur darauf, dass die Maschine ihre Starterlaubnis bekam und sie weit, weit weg brachte. Valentina  flog nicht gerne. Als sie ein junges Mädchen war, machte ihr das gar nichts aus. Ihr Vater war beruflich viel unterwegs gewesen, und wann immer sie es einrichten konnten, flogen Valentina  und ihre Mutter mit. Sie war viel in der Welt herumgekommen, hatte später nach dem Abitur Sprachen studiert und eine bedeutende Karriere als Fremdsprachenkorrespondentin gemacht. Mit geschlossenen Augen, hämmerndem Puls, blass bis unter die Haarspitzen, die feuchten Hände aneinander gepresst, wartete sie darauf, dass die Maschine ihre Flughöhe erreichte. Erst dann öffnete sie vorsichtig die Augen und merkte, dass ihr Innenleben sich langsam wieder normalisierte. Während des Fluges hatte sie sich dann soweit entspannt, dass die Landung zwar beschwerlich, aber gerade zu überstehen war, ohne gesundheitliche Schäden zu hinterlassen.

Sie war nun da, wo es ihr sicher besser gehen würde, auf der schönsten Insel der Kanaren. Fern ab von vorweihnachtlichem Rummel, überzogenen Erwartungshaltungen der Eltern, einem Freund, der ebenso spießig wie seine Eltern Weihnachten mit Geschenken und allem kulinarischen Brimborium unter dem geschmückten Weihnachtbaum verbrachte.

Als sie mit ihrem Gepäck den Flughafen verließ, spürte sie eine ungeheuerliche Leichtigkeit und der Kloß in ihrem Inneren, der sich seit Wochen wie ein Mühlstein angefühlt hatte, war wie weg geblasen.

 © G.Bessen  12/13

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19 Kommentare

  1. ein einziger Gedanke, weg von hier, in einen entspannenden Urlaub und alles Nervende hinter sich lassen, einschließlich aller Männer, die sie jetzt einfach nicht gebrauchen konnte…
    Mal anders, als es sich der Leser vorstellt, liebe Anna-Lena.
    Jetzt muß ich aber schnell zum 2. Teil, bevor ich etwas verpasse… 🙂

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