Wie im Märchen (Fortsetzung)

WeihnachtsmannSimon leerte eine Flasche Rotwein und packte sich ins Bett. An Schlaf war allerdings kaum zu denken. Immer wieder erschienen Julia und diese andere Frau vor seinem inneren Auge.

Welches Spiel spielte Julia mit ihm? Wollte sie ihn vor aller Welt lächerlich machen? Irgendwann gegen Morgen verfiel er in einen unruhigen Schlaf und wurde um sieben Uhr vom Klingeln seines Handys geweckt.

„Guten Morgen, mein Schatz. Hast du gut geschlafen?“ „Julia“, krächzte es aus ihm heraus. „Wie war deine Weihnachtsfeier?“ „Sie war ganz nett und  feucht-fröhlich, aber da ich gleich zum Dienst muss, bin ich nicht so lange geblieben. Sehen wir uns heute Abend bei mir, so gegen neunzehn Uhr?“ säuselte ihre zarte Stimme in sein verschlafenes und gleichzeitig hellwaches Ohr. „Ich werde da sein.“

Simon war so aufgeregt, dass er kaum eine Bissen hinunter bekam, obwohl das Essen vorzüglich schmeckte. Nach so einem opulenten Mahl hatten sie beschlossen, noch einen Winterspaziergang zu machen. Während Julia unter der Dusche stand, nahm Simon den Bilderrahmen vom Nachttisch, löste die Klammern, nahm das Foto heraus und drehte es um: Julia und Clarissa, Rhodos 2009 . Diese Information brachte ihn nicht wirklich weiter. Clarissa war zwar kein Allerweltsname, aber er konnte doch nicht das Telefonbuch nach irgendeiner Clarissa absuchen. In Julias Schreibtischschublade fand er ihr Adressbuch.

Das könnte ihm eventuell weiterhelfen: C. Hartmann,  Am Torbogen 8…..

Die Straße ‚Am Torbogen’  kannte er gut. Sie lag am Rande der Altstadt und gehörte mit ihren restaurierten Häusern und den großen Altbauwohnungen zur beliebtesten, aber auch teuersten  Wohngegend der Stadt. Gleich morgen früh wollte er dorthin fahren und verabschiedete sich unmittelbar nach dem Spaziergang von Julia.  Er täuschte Kopfschmerzen vor und ihm entging nicht, dass sie enttäuscht war. Ihm war ganz und gar nicht danach, unter diesen Umständen die Nacht mit ihr zu verbringen. Diese Einsilbigkeit kannte Julia von Simon gar nicht, aber sie hielt ihn nicht davon ab, in sein Hotelzimmer zurückzukehren.

Nach einer weiteren, fast schlaflosen Nacht, machte sich Simon am folgenden Morgen auf den Weg. Gegenüber der Hausnummer 8 war ein gemütliches Studentencafe. Er hatte noch nicht gefrühstückt und  nahm einen Fensterplatz ein. So hatte er den Hauseingang direkt im Blick. Auf einmal kam er sich wie ein dummer Schuljunge vor. Was hatte er hier eigentlich zu suchen und was versprach er sich?  Vielleicht traf er Clarissa an und dann? Er konnte sich ja schlecht mit ihr duellieren oder sie herausfordern, die Finger von Julia zu lassen.

Eine tiefe Eifersucht quälte ihn. Er war bedeutend älter als Julia und hätte ihr Vater sein können, aber dass sie ihn mit einer Frau betrog, wollte ihm nicht in den Kopf. Was gab sie ihr, was er ihr nicht geben konnte? Er lachte bitter vor sich hin.

In einem seiner Kriminalromane hatte ein Homosexueller seinen Liebhaber umgebracht und bei der Buchpremiere hatte Simon sich gebrüstet, wie tolerant er  der gleichgeschlechtlichen Liebe gegenüber war. Aber nun, da es an die eigene Substanz ging, sah er die Welt plötzlich in einem ganz anderen Licht.

Er zahlte und ging zielgerichtet über die Straße.  C. und J. Hartmann stand auf dem Namensschild. Verwirrt drückte er auf den Knopf und ein Summton ließ die Tür aufspringen. Er ging hoch in die zweite Etage. Die Wohnungstür war nur angelehnt. „Moment, ich komme sofort…“, hörte er eine helle Frauenstimme. Im Türrahmen erschien eine junge Frau mit hochgesteckten Haaren, die ihn freundlich und erwartungsvoll anschaute. Auf ihrem rechten Arm saß ein etwa zweijähriger Junge mit schokoladenverschmiertem Gesicht und  musterte ihn. „Ja bitte?“, fragte die junge Frau. Simon räusperte sich und wünschte sich ganz weit weg. Diese junge Mutter in schwarzen  Leggins und einem langen gelben  T-Shirt hatte bestimmt Besseres zu tun, als sich mit seinen bohrenden Eifersüchteleien auseinander zu setzen.

„Bitte entschuldigen Sie die Störung, ich bin auf der Suche nach einer Tante, die hier einmal gewohnt hat. Ich habe den Kontakt zu ihr verloren und dachte, ich fange hier an. Wohnen Sie schon lange hier?“

„ Wir wohnen seit vier Jahren hier und wer vor uns in der Wohnung gewohnt hat, kann ich ihnen beim besten Willen nicht sagen. Als mein Mann und ich die Wohnung besichtigt haben, war sie unbewohnt und frisch renoviert. Warum versuchen Sie es nicht über das Einwohnermeldeamt?“

Simon starrte die junge Frau an. Vier Jahre schon…Mann…ein Kind… . Das konnte unmöglich die Clarissa sein, die er suchte.

„Maaaamiii“, ertönte es plötzlich weinerlich aus der Wohnung. Die junge Frau drehte sich um. „Kommen Sie herein, meine beiden Kinder sind krank und ich will nicht, dass sie sich noch mehr einfangen.“

Simon folgte ihr. Mit einem Kopfnicken deutete sie auf eine große Wohnküche und bedeutete ihm, dort Platz zu nehmen.

„Schätzchen, ich komme ja schon. Hast du schlecht geträumt?“

Ein etwa vierjähriges Mädchen mit zerzausten Locken stand in ihrem Schlafanzug am Ende des langen geräumigen Flures. Tränen liefen ihr über die Wangen.

Simon nahm in der Küche Platz und schaute aus dem Küchenfester direkt auf das Cafe, in dem er vorhin gefrühstückt hatte. Die junge Frau kam zurück und musterte ihn mit wachen und interessierte Augen. „Möchten Sie einen Kaffee? Er ist ganz frisch.“ Simon nickte, obwohl er schon Herzklopfen genug hatte. Sie schenkte ihm den dampfenden Kaffee ein, schob ein Milchkännchen und eine Zuckerdose vor ihn und setzte sich.

„Und nun sagen Sie mir, warum Sie wirklich hier sind. Ich weiß, wer Sie sind und kann mir auch denken, warum Sie mich aufgesucht haben.“

„Ich habe Sie zusammen mit Julia gesehen und war unfreiwillig Zeige einer sehr intimen Begegnung zwischen Ihnen beiden.“

„Und das hat Sie schockiert und Ihre männlichen Grundfesten ins Wanken gebracht, habe ich recht?“

Zum ersten Mal hatte Simon einen Hauch von Lächeln auf dem Gesicht und entspannte sich zunehmend.

„Ja, da liegen Sie gar nicht so falsch. Ich hätte nie im Traum daran gedacht, dass Julia mich betrügt und schon gar nicht mit einer anderen Frau.“

„Nun, das ist eine Sache der Definition, meinen Sie nicht? Was heißt betrügen?  So wie ich Ihnen nichts wegnehme, nimmt Julia meinem Mann nichts weg.“

„Vielleicht denke und empfinde ich anders als Sie, das mag an unserem Altersunterschied liegen.  Für mich sind Treue und Vertrauen untrennbar miteinander verbunden. Und wenn Julia mir nicht treu ist, hat sie mein Vertrauen missbraucht.“

„Und das sagen Sie, nachdem Sie ihre Frau mit Julia betrogen haben?“

Simon spürte, wie er verlegen wurde. Die junge Frau ihm gegenüber war glatt wie ein Fisch, er konnte sie nicht packen.

„Sie wissen ja bestes über mich Bescheid“, kam es ein wenig zu sarkastisch über seine Lippen. „Ich habe aber die Konsequenzen gezogen und meine Frau verlassen.“

„Werden Sie das von Julia auch verlangen?“ kam die Frage seines Gegenübers.

„Ich habe nichts das Recht dazu und … .“

„Stimmt und Sie würden es auch nicht erreichen. Zwischen Julia und mir besteht seit Jahren eine tiefe Liebe, die kein Mann  je zerstören kann. Wir waren sogar zwei Jahre miteinander verheiratet. Trotzdem haben wir uns für einen männlichen Partner entschieden und das soll auch in Zukunft so bleiben. Wir wollten immer eine Familie haben. Da bin ich Julia voraus.  Ich liebe meinen Mann und meine Kinder über alles. Mein Mann weiß nichts von der Tiefe und dem Ausmaß der Beziehung zwischen Julia und mir. Er hält sie für meine beste Freundin, mehr nicht. Warum sollte ich ihm auch mehr erzählen? Er würde es nicht verstehen, es würde ihn eher verletzen.

Versuchen Sie, sich von ihren Besitzansprüchen und ihren Vorstellungen von Treue und Moral freizumachen, um die Beziehung mit Julia unbeschwert zu genießen. Ich weiß, dass Julia sie liebt, doch sie liebt nicht nur Sie.“

Simon schnürte es die Kehle zu. Er konnte das alles für sich noch nicht sortieren und hatte plötzlich das Bedürfnis, alleine zu sein.  Er merkte, dass Clarissa eine starke Frau war, gegen die er scheinbar in seiner Verwirrtheit nichts ausrichten konnte. Er musste für sich überlegen, wie es weitergehen sollte.

Aber eines wurde ihm klar: er konnte seinen Roman weiterschreiben, nicht als die Liebesgeschichte zwischen Julia und ihm, sondern als eine viel pikantere mit einer neuen Gespielin, die unmittelbar ins Geschehen eingebrochen war. Das zumindest war er seinen Leserinnen und Lesern schuldig.

 © G. Bessen 12/13

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32 Kommentare

  1. ach Du, Anna-Lena, die Geschichte ist sehr geschickt weitergesponnen, aber ich weiß nicht recht, wie ich damit umgehen soll… Es ist ein mir so fremdes Denken, das Du mutvoll angehst. Die Liebe zwischen den Menschen ist an sich schon schwierig genug u. nun auch noch eine, zwischen zwei Frauen, die trotzdem noch mänliche Partner lieben können. Ich frage mich nur, ist es so, weil der Kinderwunsch übermächtig wurde? Ich komme zu keinem Ergebnis.

    Mein „Strickmuster“ ist so anders, es fällt mir schwer, hier mitzudenken,
    ich versuche es. Ich denke an die Liebe, die so vielfältig ist.
    Durch Liebe und Toleranz leben wir in Frieden miteinander, das weiß ich, aber es ist nicht immer einfach… wenn Lieben andersw aussehen, als wir sie gewohnt sind, als natürlich empfinden…

    Liebe Grüße von Bruni

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  2. Yepp, da kann ein Mann schon ins Schleudern kommen, wenn er sich mit einem Male einer weiblichen Konkurrenz gegenüber sieht… Wenn die Geliebte eines Kerls ihn mit einem Mann betrügt, dann fühlen sich wohl die meisten bis ins Mark in ihrer Männlichkeit getroffen und verletzt. So eine Konstellation muss den „Mann von Welt“ natürlich völlig aus den Puschen hauen. Ich denke, dass die ganze Geschichte mit dem Vorsatz, das Erlebte für den geplanten Roman auszuschlachten, noch lange nicht bewältigt und beendet ist. 😉

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  3. Sehr gut geschildert und ein sehr spannendes und weitgehendes Thema.

    Ich glaube, dass die meisten Heteros zu sehr in alten Mustern denken und fühlen. Und dann kommt da noch ein bestimmtes Besitzdenken hinzu. Mein Mann…. meine Frau…. Und wehe einer pfuscht mir dazwischen.

    Können wir umdenken?
    Wollen wir das denn überhaupt?
    Ich finde es jedenfalls spannend.

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  4. Das fließt ja flottig vom Band – allerhand!
    Mal schnell um die Ecke, da steht er – der Recke
    und fühlt sich daneben – wie eine Schnecke!
    Wer hätte gedacht, wo das Feuer grad facht,
    wer hatte geahnt, was die Dame grad plant?
    Nun, ich bin auf die nächsten Geschichten gespannt! 😉

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