Wie im Märchen…

WeihnachtsmannBevor er mit der Lesung seines neuen Kriminalromanes begann, schweifte sein Blick durch den Saal. Zufrieden registrierte er, dass alle Plätze belegt waren. Er konnte beginnen. Mit ein paar einleitenden Worten begrüßte er die Zuhörer, bedankte sich für ihr Kommen und versprach ihnen eine halbe Stunde Unterhaltung mit Gänsehautgarantie.

So kannte man ihn, Simon P., den erfolgreichen Autor spannender Kriminalromane, dessen Bücher die Bestsellerlisten beherrschten. Gerade fünfzig geworden, gut aussehend, schlank und durchtrainiert war er auf dem Höhepunkt seiner Karriere angekommen.

Während der nächsten dreißig Minuten war der Saal erfüllt von seiner angenehmen tiefen  Stimme mit dem  österreichischen Akzent. Auch dieses Buch würde ein Erfolg werden, das zeigte ihm der nicht enden wollende Applaus, nachdem er seine Lesung beendet hatte. Zufrieden lächelnd schweifte sein Blick durch den Saal.

Wie ein Blitz durchzuckte es ihn, als seine Augen sich mit ihren trafen. Braune sanfte Augen in einem makellos schönen Gesicht, umrahmt von schwarzen langen Haaren, versanken in seinen Augen. Nur schwer konnte er sich von ihrem Anblick lösen. Während er seine Bücher signierte, schaute er immer wieder suchend durch den Raum.

„Für Julia, bitte“. Er spürte, dass sie es war, die ihn um diese Widmung bat und sah sie lächelnd an. „Gerne.“  Die Schlange hinter Julia schien endlos und ohne weiter darüber nachzudenken, setzte er seine Handynummer unter seinen Namen.
„Danke“, flüsterte sie, nahm das Buch aus seiner Hand und verabschiedete sich mit einem langen innigen Blick von ihm.

Drei endlos scheinende Tage spannte sie ihn auf die Folter, bis sie ihn anrief. Sein Leben begann sich zu verselbständigen, er hatte keine Kontrolle mehr über sich. Er belog und betrog seine Frau, um jede freie Minute mit Julia zu verbringen. Sein viel versprechender neuer Kriminalroman blieb in den Anfängen stecken. Zum ersten Mal in seiner schriftstellerischen Laufbahn hatte er eine Schreibblockade.

Julia hatte Gefühle in ihm geweckt, die er noch nie verspürt hatte. Sie stellte sein bisheriges Leben komplett auf den Kopf. Nach vier Wochen eröffnete er seiner Frau, dass er ausziehen werde. Sie machte ihm keine Szene, wie er erwartet hatte. Sie bewahrte die Fassung, bis er mit seinem Koffer, zwei Reisetaschen und seinem Laptop die Villa  verlassen hatte. Dann brach sie weinend zusammen und reichte am nächsten Tag die Scheidung ein. Das war für sie die letzte Eskapade, die sie ertragen konnte.

Er zog in ein Hotel.

Julia war Krankenschwester in einer Herzklinik. Wenn sie Dienst hatte, nutzte er die Zeit für einen neuen Roman, seinen ersten Liebesroman, die Geschichte von Julia und ihm, „Wie im Märchen“, sollte der Titel lauten. Und genau das war es für ihn, ein Märchen. Julia hatte ihn verzaubert, seinem Leben einen völlig neuen Sinn gegeben. Er machte sich keine Gedanken darüber, dass er fast zwanzig Jahre älter war und ihr Vater sein konnte. Auch darüber, dass der Traum von heute auf morgen enden könnte, wenn Julia einen anderen kennenlernen würde. Er genoss den Augenblick und lebte dafür.

Beflügelt von einer fast fühlbaren Erotik  füllte er Seite um Seite. Jede zärtliche Geste, jeden Kuss, jede Intimität durchlebte er noch einmal und mit Julias makellosem, nacktem Körper  vor seinem inneren Auge erlebte seine Fantasie einen wahren Höhenflug der Sinne.

Trotz klirrender Kälte trat er hinaus auf den Balkon seines Hotelzimmers. Es hatte geschneit und die Stadt zeigte sich in winterlicher Pracht. Der Geruch von Glühwein lag in der Luft.
Julia hatte Dienst und war anschließend mit Kolleginnen zu einer kleinen Weihnachtsfeier verabredet. „Es wird heute spät. Ich fahre heute Abend in meine Wohnung“, sagte sie  morgens zum Abschied, schmiegte ihren warmen nackten Körper an seinen und küsste ihn leidenschaftlich, bevor sie unter der Dusche verschwand.

Er konnte dem Glühweinduft nicht länger widerstehen. Glühwein, eine Rostbratwurst und eine Runde über den Weihnachtsmarkt ganz in der Nähe des Hotels zu schlendern,  wäre eine willkommene kreative Denkpause.

Gerade, als er den Heimweg antreten wollte –angesichts der vielen Pärchen fühlte er sich alleine etwas deplatziert- sah er sie. Er formte die Lippen und wollte gerade ‘Julia’ rufen, als er bemerkte, dass sie nicht alleine war. An einem Stand mit Bratäpfeln, gebrannten Mandeln und kandierten Früchten hatte sie ein großes Lebkuchenherz erstanden, auf dem in hellen Zuckerguss-Buchstaben ‘Ich liebe Dich’ stand. Lächelnd hängte sie ihrer Begleitung das Herz um den Hals. Julias Augen strahlten so voller Wärme und Zärtlichkeit, dass es ihm die Kehle zuschnürte.
Sie zog ihre Begleitung ins Halbdunkel des Standes. Beide fielen sich in die Arme und küssten sich voller Leidenschaft und Hingabe. Er musste sich geirrt haben.

Plötzlich erschien das Foto auf Julias Nachttisch, das neben seinem Bild stand, vor seinem inneren Auge. Er hatte dem  bisher keine weitere Bedeutung beigemessen  – Julias beste Freundin. Jede Frau hatte eine beste Freundin.  Schlagartig wurde ihm klar, weshalb Julia sie bisher nicht miteinander bekannt gemacht hatte.

Der Boden unter ihm schien zu schwanken. Tränen liefen ihm über sein Gesicht. Er drehte sich um, zog sich die schwarze Pudelmütze noch tiefer in die Stirn und lief zum Hotel zurück.

Er starrte  auf seinen Laptop und las in seinem Liebesroman. Bisher hatte er keine Zweifel an einem Happy End gehabt.

Und nun?

©G. Bessen 2009

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38 Kommentare

  1. eine Geschichte, bei ich anfangs dachte, er wird evtl. einen Herzanfall haben, die Lesung nicht zu Ende bringen. Doch wie anders gings sie bei Dir weiter…
    Ach ja, und nun, was wird der Arme machen? Sein Telefonverzeichnis durchblättern, falls er noch eines hat, sich ablenken, oder seinen Roman ohne Happy End zu Ende schreiben, das zum Bestseller wird?

    Trifft er sie dann wieder? Hat ihre Freundin sie mit einem Mann betrogen und Julia möchte endgültig zurück zu ihm, dem berühmten Schriftsteller?

    Könnte spannungsgeladen weitergehen, liebe Anna-Lena

    Eine verrückte Geschichte, die mich zu eigenen Gedanken inspiriert – Du hast es eben deutlich bemerkt :-).

    Liebe Grüße zu Dir

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  2. Auf Folter spannst du mich,
    das ist wirklich fürchterlich!
    Lässt mich da im Regen stehen,
    wo grad so wilde Winde wehen!
    So starre ich gebannt
    auf den Bildschirm unverwandt,
    in der Hoffnung, dass recht bald,
    die Fortsetzung ich erhalt … 😉
    Ich spreche da natürlich im Namen
    aller begeisterten Leser!

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