Des Messers Schneide

100_0253-cropSeine Worte hatten sie bis ins Mark getroffen. Messerscharf schnitten sie ihr ins Herz. Sie fühlte sich ausgeblutet, von einer Hülle der Leere umfangen.

Sie hatte alle Vorwarnungen beiseite geschoben, jetzt hallten sie durch den Raum wie kleine Kobolde, die sich in ihrem Leid suhlten und Grimassen schnitten.

‚Lass die Finger von ihm, das geht nie gut.’ – ‚Er ist ein Windhund.’ – ‚Er ist auf der Jagd nach allem, was Röcke trägt.’ – ‚Was willst du mit einem, der so viel jünger ist und bei dem ersten Problem auf uns davon ist?’

 Sie hatte ihre Lektion gelernt. Und doch blieb ein Rest dessen, was ihr einsame Seele gestreichelt hatte. Sie konnte zurückblicken auf Stunden, in denen sie beachtet und sich angenommen fühlte, auf  Stunden voll zärtlicher Intimität und schmerzlicher Leidenschaft, auf Stunden, in denen sie ganz sie selbst war. Jedesmal, wenn er zu ihr kam, brachte er ihr eine einzelne rote Rose mit und sie blühte in und mit ihr auf.

Nun standen die Rosen zum Trocknen in einer bauchigen Vase und sie sah sich in ihnen wie in einem Spiegel: ausgetrocknet und verwelkt.

Sie ließ ihren cremefarbenen Bademantel fallen, stieg in das heiße Schaumbad und legte sich die beiden Gegenstände zurecht, die sie noch brauchte: ein Glas mit rubinrotem Wein und eine Rasierklinge.

Sie war entschlossen, das letzte Restchen Leben in ihr auszuhauchen.

© G.B. 10/8/13

 

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30 Kommentare

  1. Was für eine trauertraurige Geschichte, liebe Gaby, und das Ende deutet sich fürchterlich an. Ich hoffe, sie überlegt es sich noch…,
    trinkt lieber die ganze Flasche aus, wirft die Rasierklinge weg, trocknet sich gut ab, kriecht ins mollige Bett und liest einen tollen Schmöker, weint dabei Berge von Taschentüchern nass und schläft irgendwie beruhigt ein.

    Am nächsten Tag ist dann der tiefste Punkt ihres Tiefpunktes überwunden und es geht langsam aufwärts.

    Liebe Grüße von Bruni, wie meist kurz vor Mitternacht *lächel*

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  2. Ich hoffe, sie geht nicht diesen letzten Schritt. Zum einen, weil kein Kerl der Welt so etwas wert ist, und zum anderen, weil nach jeder Zeit der Finsternis auch wieder eine des Lichts kommt – auch wenn man sich noch so alt und verbraucht fühlt…
    Das ist sehr gut geschrieben, liebe Anna-Lena!
    Hab einen schönen und unbeschwerten Sonntag! 🙂

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  3. Echt schaurig, mich fröstelt!

    Für mich wär das eh nichts. Ich hätte das Glas Wein ausgetrunken, die Rasierklinge in den Apparat gelegt – und mir die Haare an den Beinen rasiert. Schwer hätte ich es nur mit dem Schaumbad gehabt, denn ich habe nur eine megagroße Dusche. Aber, meine Güte, da kann man sich auch reinsetzen.

    An den Kerl hätte ich keinen Gedanken verschwendet! Wir wären wohl auch nie so weit gekommen.

    Aber sehr einfühlsam hast du das geschrieben, das muss man dir einfach lassen!

    Liebe Grüße, Brigitte

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  4. Demnach hat der „Windhund“ alles gegeben, was ER geben konnte, hat ihr die Stunden versüßt und sollte er ihr Glückseligkeit bis in alle Ewigkeit versprochen haben, dann liegt es an ihr, sich diese zu bewahren. Hochgefühle sind nicht von Dauer und trotzdem klammern wir uns daran, anstatt dankbar zu sein, dass wir sie erleben durften … YDu 😉

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