Cut

Der Spiegel zerbarst in unzählige Splitter.

Sie fühlte sich besser, nun nicht mehr in ihre vom vielen Weinen rotgeränderten  Augen, und auf ihre Augenringe blicken zu müssen. Zum letzten Mal bürstete sie ihr langes schwarzes Haar, band es fest zu einem Pferdeschwanz zusammen und ging unter die Dusche. Mit einem Peeling aus Avocado, Olive und Limone versuchte sie in Gedanken alles abzuschrubben, was sich in den letzten Tagen in ihrem Inneren festgesetzt hatte. All ihre Wut und Enttäuschung, das Salz auf ihrer Haut von den unendlichen Tränen der letzten zwei Nächte. Der Massagehandschuh hinterließ unzählige rote Striemen auf ihrer Haut. Doch sie fühlte sich besser, gereinigt und geläutert und mit neuer Energie durchblutet.

Vorbei war es mit ihren depressiven Gedanken, den flüchtigen Momenten, ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Sie brauchte Veränderung, in jeder Hinsicht. Ihr Terminkalender für heute war randvoll.

Als erstes würde sie sich die langen Haare in Streichholzlänge schneiden und mit ein paar roten und hellen Farbsträhnchen  aufpeppen lassen. Dann würde sie sich von ihrer dunklen, dezenten  Kleidung verabschieden und sich den bunten Farben des bevorstehenden Sommers öffnen.

Sie wollte neue Möbel kaufen. Nur so konnte sie seinen Geruch, den sie in jeder Ecke einatmete, aus ihren Sinnen verbannen. Für morgen hatte sie die Maler bestellt. Leicht abgetönte, aber helle  Farben nahmen in ihrer Vorstellung Gestalt an.

Als sie sich umschaute, kam sie sich vor wie einem Museum. Dunkel und deprimierend war alles um sie herum, genau wie die Jahre, die sie mit ihm verbracht hatte. Diese Aura hatte sich wie ein Schleier auf ihre Seele gelegt.

Sie zog die dunklen Vorhänge beiseite. Der Tag kündigte sich mit Vogelgezwitscher an und am Horizont ging die Sonne auf, langsam und strahlend.

Ihre Seele sah endlich ein Licht am Ende des Tunnels.

©G.B.

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19 Kommentare

  1. ein guter Schnitt,
    er ist gelungen!

    Erst die Änderungen an sich selbst, dann ringsum.
    Entsorgung des Dunklen innen und außen.

    Doch wie ist es, wenn es kein ersichtliches Dunkel gibt und sich die Seele trotzdem wie in einem Gefängnis fühlt, obwohl ihr ab und zu der Weg durch die Gitterstäbe gelingt?

    Liebe sonnige Grüße und ein fettes Danke für den guten Gedanken
    von Bruni ♥

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    • „Doch wie ist es, wenn es kein ersichtliches Dunkel gibt und sich die Seele trotzdem wie in einem Gefängnis fühlt, obwohl ihr ab und zu der Weg durch die Gitterstäbe gelingt?“

      Auch dafür bedarf es allen Mutes, einen Cut zu machen, es sei denn, die gelegentlichen Ausbüchsereien durch die Gitterstäbe, die jedoch nur kurzweilig sind, reichen aus.
      Du kennst meine Haltung dazu, liebe Bruni.
      Die Cut-Gerschichte ist ein Teil von mir und liegt über dreißig Jahre zurück.

      LG in deinen Sonntag,
      Anna-Lena ♥

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