„Schrippenmutti“ (5)

Vorbemerkung für Nicht-Berliner:

Die „Schrippenmutti“  (der Berliner sagt zum Brötchen Schrippe) gehört zu Berlin wie der Funkturm. Mit bürgerlichem Namen Inge Schulz, 74 Jahre alt, verkauft die Schrippenmutti  seit über zwanzig Jahren in Kneipen belegte Brötchen und spendet das verdiente Geld für Berliner Obdachlose.

Am vergangenen Freitag, dem 12. Juli, hat die Polizei den  Dreiradtransporter Piaggio  der Schrippenmutti  beschlagnahmt. Nicht, dass die Schrippenmutti nicht  fahren könnte. Bei der Aufforderung, ihre Papiere zu zeigen, stellte sich heraus, dass Schrippenmutti bereits seit 15 Jahren ohne Führerschein fährt…

Ein klarer Fall für Erwin und Willi….

Willi hatte seine heißen Drähte noch immer. Und so staunte er nicht schlecht, als er erfuhr, dass es Kollegen seiner ehemaligen Dienststelle waren, die der „Schrippenmutti“ das Fahrzeug beschlagnahmt hatten.

Er rief Erwin an.

„Hast du die Nachrichten gehört?“

„Nein, heute noch nicht.“

Willi stöhnte leise, typisch Erwin, der kam prompt  wieder aus dem tiefsten Mustopf.

„Man hat die Schrippenmutti erwischt und festgestellt, dass sie seit fünfzehn Jahren ohne Führerschein fährt.“

Plötzlich schien Erwin hellwach. „Sag bloß!? Die kam doch nachts immer zur Wache und hat uns mit belegten Schrippen versorgt und sich oft mit einem heißen Kaffee aufgewärmt, bevor sie weiterzog.“

„Ja, genau die! Und, das Schlimmste an der Sache ist, die eigenen Kollegen aus dem Abschnitt 36 haben sie erwischt und ihren Piaggio beschlagnahmt.“

Erwin schwieg betroffen.  Schrippenmutti ist doch auch nicht mehr die Jüngste, was macht die denn nun ohne Fahrzeug?“

„Na, zu Fuß wird sie ihre Schrippen sicher nicht an den Mann bringen können. Hast du heute Zeit?“

„Hilde und ich wollen heute Marmelade kochen.“

„Das kann deine holde Hilde wohl allein machen. Ich brauche dich heute.“

Erwin ahnte nichts Gutes. „Was hast du vor?“

„Wir werden meinem Nachfolger, diesem Krümelkacker, mal einen Besuch abstatten.  Dazu brauche ich dich.“

„Was willst du denn dagegen machen? Das Fahren ohne Führerschein ist schließlich nicht erlaubt, Gesetz ist Gesetz.“

„Das mag ja sein. Aber du weißt doch so gut wie ich, dass diese Tätigkeit ihr Lebensinhalt ist. Wenn die Kollegen sie erwischt haben, könnten sie doch möglicherweise etwas tun, damit sie ihren Job auch ohne Führerschein machen kann.“

„So, wie ich dich kenne, hast du auch schon etwas im Hinterkopf?!“

Willi und Erwin trafen sich um vierzehn Uhr vor ihrer alten Dienststelle, Willi kampfbereit und Erwin mit gemischten Gefühlen.

Die beiden ehemaligen Kollegen wurden in der Wache mit einem freudigen ‚Hallo’ begrüßt.

Willi kam gleich zur Sache und verlangte nach dem neuen Dienststellenleiter. Er war jung, unerfahren, ein Paragraphenreiter und in seiner Schicht nicht sonderlich beliebt.

„Na, wen haben wir denn da?“ Als hätte der Dienststellenleiter seinen Namen gehört, kam er aus seinem Dienstzimmer sofort in die Wache. Willi betrachtete seinen Nachfolger kritisch und musste sich ein Lachen verkneifen.  Vor ihm stand ein schlanker, hoch gewachsener Mann mit einer artigen blonden Scheitelfrisur und hellen blauen Augen, die er hinter einer dunklen Hornbrille versteckte.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte der Dienststellenleiter förmlich.

„Sie können für mich gar nichts tun, aber Ihre Mannschaft hier kann Einiges tun.“

Willi machte keinen Hehl daraus, dass er es – Gesetz hin oder her – schon starken Tobak fand, der alten Schrippenmutti den fahrbaren Untersatz unter dem Hintern weg zu beschlagnahmen.

Der Abschnittsleiter öffnete den Mund, bereit den Kollegen über die Straßenverkehrsordnung  zu belehren, doch Willi schnitt ihm donnernd das Wort ab.

„Ihr habt doch wohl nicht vergessen, wie oft Ihr hier alle von Schrippemuttis Brötchen profitiert habt, wenn euch in der Nachtschicht der Magen bereits auf der Schuhsohle hing?“

Die Kollegen schauten betreten zu Boden. „Und nun lasst Ihr sie, so einfach mir nichts, dir nichts, etwa nachts mit ihrem schweren Korb alleine durch den Wedding ziehen, mit vierundsiebzig Jahren? Ihr solltet Euch was schämen.“

Willi hatte sich so in Rage geredet, dass selbst Erwin den Kopf senkte, als sei er an dem ganzen Debakel beteiligt.

„Moment“, hob der Abschnittsleiter mit einem dünnen Stimmchen verzweifelt an.

„Sie können doch kaum erwarten, dass wir zulassen, dass die alte Dame von uns einen Führerschein bekommt. Sie kann einen Idiotentest machen, aber ob das in ihrem Alter noch einen Sinn macht, ist zu bezweifeln.“

„Ich erwarte keine illegalen Lösungen,“ sprach Willi ruhig weiter. „Ich mache Euch einen Vorschlag.“ Er zog eine Anzeige aus der Zweiten Hand aus seiner Tasche und legte sie auf den Tisch.

„Fahrrad kann man in unserem Land noch ohne Führerschein fahren. Es gibt ein gebrauchtes Seniorenfahrrad von Kynast zum Preis von sechshundert Euro. Es hat hinten zwei Räder und sogar einen Korb, mit dem man etwas transportieren kann, seniorengerecht und überaus praktisch.“

Er blickte reihum die Kollegen an, die wiederum ihn mit einem fragenden Blick bedachten.

Willi griff in seinen Jutesack, holte ein großes Porzellansparschwein daraus, stellte es auf den Tresen und steckte einen Fünfzig-Euroschein hinein.

„Die Polizei – dein Freund und Helfer!  Das haben wir alle mal in der Polizeischule gelernt oder habt Ihr das mittlerweile vergessen?“ Betretenes Schweigen.

„Ich habe das Fahrrad für eine Woche reserviert. Ihr dürft nun zeigen, was Ihr so auf der Pfanne habt. In einer Woche komme ich wieder. Wenn Ihr das Geld bis dahin zusammenhabt, kaufen wir das Fahrrad und dann wird es hier der Schrippenmutti feierlich übergeben.“

Er nickte Erwin kurz zu und mit einem „Nen schönen Tach noch“ verließen die beiden die Dienststelle und ließen eine Anzahl verdutzter Kollegen zurück.

Eine knappe Woche später staunte die Schrippenmutti nicht schlecht, als zwei uniformierte Beamte sie in ihren Wohnung überraschten und zu einer Fahrt im Polizeiauto zum Abschnitt 36 abholten…

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©G.B. 7/13

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32 Kommentare

  1. Liebe Anna-Lena,

    genau so sollte es sein, auch in der Realität ..toll geschrieben hast du das 🙂 Ach ..warum hat man ihr das Fahrzeug nicht einfach gelassen. Sture Behörden. Man kann doch auch mal fünfe gerade sein lassen. Hoffentlich gibt es auch in „echt“ eine gute Lösung für sie.

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende wünscht dir Ocean 🙂

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  2. Mehr solche schöne Geschichten, und jeder einzelne Mensch käme u.U. wirklich mal öfter auf den Gedanken, im eigenen (!!) Umfeld für derlei Gesten zu sorgen. Es muss kein Fahrrad für 500 € sein, aber ein bisschen mehr Aufmerksamkeit im tgl. Miteinander, das wirkt Wunder.
    Und… vielleicht muss man für sich persönlich auch die „kleinen“ Wunder im Alltag entdecken…( lernen ) !

    SCHÖNE Geschichte !! DANKE !
    Gruß ! Uli

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