Stammtischgeplänkel (3)

Erwin und Willi, Ole und Rosi

Willi schaut versonnen auf den immer weniger werdenden Schaum in seinem Bierglas.

„Geht es dir heute nicht gut? Du bist so schweigsam.“

„Doch schon, aber ich habe das Gefühl, wir sollten uns mal eine andere Kneipe suchen. Die hier weckt zu viele Erinnerungen, besonders für dich.“

Erwin schaut ihn an und versteht ihn ohne Worte.

Willi zuckt zusammen, als ihm jemand freundschaftlich auf die Schulter klopft.

„Hallo, Ihr zwei! Immer noch am alten Tatort“?

 „Hallo, Ole, schön, Dich zu sehen. Ja, ich weiß auch nicht, wir haben gerade darüber gesprochen, die Kneipe zu wechseln, aber wenn man hier jahraus, jahrein sein Feierabendbierchen getrunken hat, ist das so wie ein Stück Heimat.“

 „Ich jedenfalls wäre froh, wenn ich in Rente wäre und um diesen Kiez einen Riesenbogen machen könnte.“

„Na, da trifft sich ja der halbe Abschnitt wieder“, ertönte plötzlich eine helle Frauenstimme.

„N’abend Willi, n’Abend Erwin. Wie gefällt Euch Euer Rentnerdasein?“

 „So weit, so gut, aber mit Dir, Rosi, geht doch glatt die Sonne auf!“ Willy schaut seine ehemalige Kollegin mit strahlenden Augen an.

Die vier setzen sich an einen Tisch und plaudern über das Tagesgeschehen, so wie früher, als sie gemeinsam in einer Dienstschicht waren.

 „Was macht Ihr denn so den ganzen Tag?“, fragt Rosi neugierig.

Willi nimmt Rosis Frage spontan auf.  „Du weißt doch, Rentner haben nie Zeit. Ich bin immer gut beschäftigt und gehe all meinen Hobbys nach, für die ich früher keine Zeit hatte. Und du glaubst nicht, wie schnell so ein Tag verflogen ist.“

 „Ich muss mir noch das eine oder andere Hobby suchen, so ausgefüllt, wie Willi bin ich leider noch nicht“, seufzt Erwin und wirft einen etwas neidischen Blick auf Willi. „Hilde arbeitet ja noch drei Tage in der Woche und da fühle ich mich alleine zu Hause doch manchmal wie in einem luftleeren Raum.“

Rosi, Ole, Willi und Erwin haben gemeinsam die letzten Jahre in der Direktion 3, im Abschnitt 36 der Berliner Polizei gearbeitet. Während Erwin und Willi seit gut einem halben Jahr im Ruhestand waren, hatten Rosi und Ole noch etliche Jahre vor sich. Sie waren einst ein eingespieltes Quartett und immer mit Leib und Seele bei der Arbeit gewesen.

„Wie macht sich denn der neue Abschnittsleiter?“, fragt Willi mit gespanntem Gesichtsausdruck.

„Du willst doch nur hören, dass er Dir nicht das Wasser reichen kann, stimmt’s Willi?“

„Er ist viel zu jung, unflexibel, ein Paragraphenreiter und ein Korintenkacker, genau das Gegenteil von Dir, Willi. Bist du nun zufrieden?“

Willi strahlt über das ganze Gesicht. „Genau das wollte ich hören! Es ist nicht so, dass ich die Arbeit ganz aus dem Kopf habe. Und es passiert mir früh manchmal, dass ich hochschrecke und denke, ich hätte verschlafen und müsste längst im Dienst sein.“

Erwin schweigt und hängt seinen eigenen Gedanken nach. Er ist froh, in Pension zu sein, denn seit seiner Schussverletzung im letzten März, mitten auf der stark befahrenen und von Menschen überfüllten Müllerstraße, konnte er seinen Dienst nicht mehr versehen. Ein mehrwöchiger Krankenhausaufenthalt mit einer begleitenden Therapie und einer Rehamaßnahme nach seinem verheilten glatten Beindurchschuss hatten ihn psychisch dienstuntauglich werden lassen. Er war voller Angst und konnte sich selbst im Fernsehen keinen Krimi ansehen, ohne an seine eigene Situation zu denken. Nachts quälten ihn Träume, längst gelöste Fälle aus seiner Dienstzeit tauchten wieder auf  und er wachte nicht selten schweißgebadet auf.

 Der Gedanke, die Stammkneipe zu wechseln, kam ihm gerade recht, auch wenn das bedeutete, auf  den regelmäßigen Austausch mit den Kollegen von früher verzichten zu müssen. Willi würde das verschmerzen, er stand mit einigen Kollegen immer noch in freundschaftlicher Verbindung und ihm würde es helfen, sein Trauma für immer zu bewältigen.

©G.B. 1/13

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29 Kommentare

  1. Eine schöne und auch nachdenklich machende Geschichte, liebe Anna-Lena. Ich kann Erwin gut verstehen. Dort im „alten Revier“ wird er immer wieder an diese Dinge erinnert und kommt nicht zur Ruhe – da wäre es bestimmt besser für ihn, in einer anderen Umgebung nochmal neu anzufangen. Solche „Geister der Vergangenheit“ können leider sehr hartnäckig sein ..

    Ich grüß dich ganz herzlich 🙂 hab einen schönen Tag,

    Ocean

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  2. Ein guter Entschluss, nach Rentenbeginn einfach von vorne anzufangen. Die alten Gewohnheiten, und ja auch, die alten Kollegen einfach hinter sich zu lassen. Das macht es übrigens auch den ehemaligen Kollegen leichter.

    Ich habe das gemacht. Irgendwann muss man einen Schlussstrich ziehen und den Neuanfang wagen. Das bedeutet nicht, dass man die alten Kollegen nicht mehr grüßen oder mit ihnen nicht mehr reden wollte. Aber ehrlich, ich wollte den ganzen Kram auch gar nicht mehr wissen. Es ist befreiend. Es war schließlich auch nicht alles Gold.

    Leichter hat man es natürlich, wenn man immer viele Interessen hatte. Mir war noch nie langweilig, aber – ich nehme auch grundsätzlich keine Ehrenämter an. Da habe ich nämlich auch öfter den Verdacht, dass mit manchen Ehrenamtlichen gerne von den Gemeinden her die Arbeitsplätze gespart werden.

    Lieben Gruß, Brigitte

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    • Ich weiß nicht, wie ich das in gut drei Jahren handhaben werde. Bestimmte Kontakte werde ich sicherlich weiter pflegen…
      Ja, mit den Ehrenämtern ist das so eine Sache, ich könnte mir so etwas schon vorstellen, aber für Bereiche, wo es ohnehin keine Stellen gibt. Das ist jetzt einfach so in den Raum gedacht, denn ich habe ja noch etwas Zeit…

      Liebe Grüße
      Anna-Lena

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  3. tja,das ist nicht immer einfach, dieses Dings mit dem Ruhestand. Jeder verarbeitet es anders. Einige sind herzlich froh über die endlich stille Zeit, andere brauchen das tägliche Erleben, um nicht im Stillstand zu versinken. Natürlich sind Hobbys Gold wert, doch ersetzen sie meines Erachtens nicht den wohligen Stress, dem man/frau vorher ausgesetzt war 🙂 🙂
    In Erwins Fall liegen die Dinge völlig anders. Er ist dankbar dafür, wen er nun abschalten darf, den täglichen Albtraum. Hoffentlich plagen ihn nun keine anderen Dinge. ER müßte ein ablenkendes Hobby finden an ganz anderer Stelle…
    Danke für den nachdenklichen Text, liebe Anna-Lena

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  4. Das ist sicher nicht sehr einfach, den richtigen Weg im Umgang mit den alten Kollegen zu finden, wenn man erstmal in Rente ist. Eigentlich gehört man ja doch nicht mehr richtig dazu. Vielleicht sollte man sich beizeiten was Neues aufbauen… Bin gespannt wie es weiter geht, mit deinen Jungs 😉 LG von Rana

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  5. Ich bin zwar nicht in Rente, aber als ich „meine“ Firma nach 17 Jahren verlassen habe, tat es mir schon leid um die Kontakte. Man hat doch so viel Zeit miteinander verbracht. Jeden Tag so viele Stunden. Einige Kontakte waren erst noch über die Ferne hinaus geblieben (ich bin ja etwas weiter weg gezogen), aber mit der Zeit sind sie dann auch eingeschlafen. Man überlebt es. 🙂 Bis auf einen, da tut es mir leid. Immerhin schreiben wir zum Jahreswechsel noch SMS. 🙂
    Und Erwin… na ja, ihm geht es vielleicht besser, wenn er die Stammkneipe wechselt … andererseits … hmm… ist es irgendwie auch Verdrängung statt Bewältigung. Doch manchmal braucht man auch etwas Zeit und Abstand, um etwas zu bewältigen.

    Liebe Grüße,
    Martina

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  6. Oh wie schön, dass es hier weiter geht :-).
    Da sprichst Du ein Thema an, dass auf uns alle in ähnlicher Weise mal zu kommen mag bzw. manch einer hat es ja schon hinter sich. Ich kann verstehen, wenn man nach Renteneintritt noch einmal ganz von neuem anfangen möchte, und den Dienst hinter sich lassen will. Aber einige Kontakte würde ich persönlich auch im Rentendasein gerne weiter pflegen….. doch bis dahin ist es noch eine Weile hin und wer weiß, wie ich später einmal darüber nachdenke…….. 😉

    LG Susanne

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