Die Sprache der Natur

Wer der Stimme der Natur zugewandt ist,
erfährt  mehr als  alle modernen
Kommunikationsmittel es vermögen.
Naturgegebenes bleibt,
ist nicht schnelllebig,  morgen noch  aktuell
und lässt sich von Generation
zu Generation weitergeben.

Himmelsstimmung

© G.B. 1/13

Heute sah ich das erste Storchenpärchen über mir.
Der Frühling ist nicht mehr weit…

Der Weg ist das Ziel

Der Weg ist das Ziel.
So sagt man.

Willst du den Weg
oder willst du nur weg
aus dem Leben,
das dir gegeben?
Ein Leben, das
dir so nicht behagt,
das hast du in letzter
Zeit oft beklagt.
Hast du dir
wirklich überlegt,
wohin die letzte Reise geht?
Kein Kompass, kein Navi
können dich führen,
vielleicht findest du nur
verschlossene Türen,
bist einsam in der Dunkelheit,
kein Freund, kein Helfer,
sind weit und breit.
Was ist mit denen,
die auf dem Weg bleiben
und bittere Tränen
um dich weinen?
Nebel
© G.B. 1/13

Stammtischgeplänkel (3)

Erwin und Willi, Ole und Rosi

Willi schaut versonnen auf den immer weniger werdenden Schaum in seinem Bierglas.

„Geht es dir heute nicht gut? Du bist so schweigsam.“

„Doch schon, aber ich habe das Gefühl, wir sollten uns mal eine andere Kneipe suchen. Die hier weckt zu viele Erinnerungen, besonders für dich.“

Erwin schaut ihn an und versteht ihn ohne Worte.

Willi zuckt zusammen, als ihm jemand freundschaftlich auf die Schulter klopft.

„Hallo, Ihr zwei! Immer noch am alten Tatort“?

 „Hallo, Ole, schön, Dich zu sehen. Ja, ich weiß auch nicht, wir haben gerade darüber gesprochen, die Kneipe zu wechseln, aber wenn man hier jahraus, jahrein sein Feierabendbierchen getrunken hat, ist das so wie ein Stück Heimat.“

 „Ich jedenfalls wäre froh, wenn ich in Rente wäre und um diesen Kiez einen Riesenbogen machen könnte.“

„Na, da trifft sich ja der halbe Abschnitt wieder“, ertönte plötzlich eine helle Frauenstimme.

„N’abend Willi, n’Abend Erwin. Wie gefällt Euch Euer Rentnerdasein?“

 „So weit, so gut, aber mit Dir, Rosi, geht doch glatt die Sonne auf!“ Willy schaut seine ehemalige Kollegin mit strahlenden Augen an.

Die vier setzen sich an einen Tisch und plaudern über das Tagesgeschehen, so wie früher, als sie gemeinsam in einer Dienstschicht waren.

 „Was macht Ihr denn so den ganzen Tag?“, fragt Rosi neugierig.

Willi nimmt Rosis Frage spontan auf.  „Du weißt doch, Rentner haben nie Zeit. Ich bin immer gut beschäftigt und gehe all meinen Hobbys nach, für die ich früher keine Zeit hatte. Und du glaubst nicht, wie schnell so ein Tag verflogen ist.“

 „Ich muss mir noch das eine oder andere Hobby suchen, so ausgefüllt, wie Willi bin ich leider noch nicht“, seufzt Erwin und wirft einen etwas neidischen Blick auf Willi. „Hilde arbeitet ja noch drei Tage in der Woche und da fühle ich mich alleine zu Hause doch manchmal wie in einem luftleeren Raum.“

Rosi, Ole, Willi und Erwin haben gemeinsam die letzten Jahre in der Direktion 3, im Abschnitt 36 der Berliner Polizei gearbeitet. Während Erwin und Willi seit gut einem halben Jahr im Ruhestand waren, hatten Rosi und Ole noch etliche Jahre vor sich. Sie waren einst ein eingespieltes Quartett und immer mit Leib und Seele bei der Arbeit gewesen.

„Wie macht sich denn der neue Abschnittsleiter?“, fragt Willi mit gespanntem Gesichtsausdruck.

„Du willst doch nur hören, dass er Dir nicht das Wasser reichen kann, stimmt’s Willi?“

„Er ist viel zu jung, unflexibel, ein Paragraphenreiter und ein Korintenkacker, genau das Gegenteil von Dir, Willi. Bist du nun zufrieden?“

Willi strahlt über das ganze Gesicht. „Genau das wollte ich hören! Es ist nicht so, dass ich die Arbeit ganz aus dem Kopf habe. Und es passiert mir früh manchmal, dass ich hochschrecke und denke, ich hätte verschlafen und müsste längst im Dienst sein.“

Erwin schweigt und hängt seinen eigenen Gedanken nach. Er ist froh, in Pension zu sein, denn seit seiner Schussverletzung im letzten März, mitten auf der stark befahrenen und von Menschen überfüllten Müllerstraße, konnte er seinen Dienst nicht mehr versehen. Ein mehrwöchiger Krankenhausaufenthalt mit einer begleitenden Therapie und einer Rehamaßnahme nach seinem verheilten glatten Beindurchschuss hatten ihn psychisch dienstuntauglich werden lassen. Er war voller Angst und konnte sich selbst im Fernsehen keinen Krimi ansehen, ohne an seine eigene Situation zu denken. Nachts quälten ihn Träume, längst gelöste Fälle aus seiner Dienstzeit tauchten wieder auf  und er wachte nicht selten schweißgebadet auf.

 Der Gedanke, die Stammkneipe zu wechseln, kam ihm gerade recht, auch wenn das bedeutete, auf  den regelmäßigen Austausch mit den Kollegen von früher verzichten zu müssen. Willi würde das verschmerzen, er stand mit einigen Kollegen immer noch in freundschaftlicher Verbindung und ihm würde es helfen, sein Trauma für immer zu bewältigen.

©G.B. 1/13

Neujahrsgeplänkel: Hilde und Lotte (2)

 „Guten Tag Lotte. Erwin und ich wollten Willi und Dir ein gesundes Neues Jahr wünschen!“

 „Das ist aber lieb von Euch. Wir wünschen Euch auch ein vor allem gesundes und zufriedenes Jahr 2013. Seid Ihr schon ausgeschlafen?“

 „Aber… Wir haben schon einen Neujahrsspaziergang hinter uns. Die Luft riecht zwar noch etwas verqualmt, aber ich mag es, gleich zu Beginn des Neuen Jahres eine Runde zu drehen. Es ist dann immer so friedlich, kaum ein Auto ist auf der Straße. Aber die haben hier wieder geknallt wie die Verrückten. Was das so alles kostet!“

 „Hier war es auch nicht viel anders, wie immer. Die Feuerwehr ist wieder ein paar Mal ausgerückt. Die Wache ist ja nicht weit von uns und jedes Mal habe ich überlegt, ob jemand im Suff einen Unfall gebaut hat oder sich einer einen Finger mit den gefährlichen Polen-Böllern abgeschossen hat. Mitleid habe ich weder mit den einen noch den anderen.“

 „Und – wart Ihr alleine oder hattet Ihr Besuch? Unsere Nachbarn, die sonst immer mit uns feiern, sind verreist und so haben wir es uns alleine gemütlich gemacht.“

 „Wir haben kurzfristig unsere neuen Nachbarn eingeladen, Du weißt schon. Das hat sich gestern ganz spontan ergeben.“

 „Du meinst die beiden schwulen Männer, die vor drei Wochen eingezogen sind? Kennt Ihr die denn näher?“

 „Wir haben sie ein paar Mal im Treppenhaus getroffen, mehr nicht. Als sie neu waren, haben sie bei uns geklingelt und sich vorgestellt – sehr sympathisch, sage ich Dir. Sie kennen noch niemanden in Berlin und gestern habe ich den einen beim Müll getroffen und gefragt, was sie abends vorhätten. Da sei noch keinen kennen, hatten sie nichts vor und wollten sich zu Hause einen gemütlichen Abend machen. Und – da habe ich sie spontan eingeladen.“

 „Und? Ich kenne keine schwulen Männer und hätte da sicher Berührungsängste, da ich mir so etwas nicht vorstellen kann.“

 „Die zwei kamen gegen acht. Der eine, Robby, brachte eine selbst gemachte Gulaschsuppe mit und der andere, Ernesto, eine Platte mit Schusterjungen, Räucherlachs und Käse. Ich hatte einen Kartoffelsalat gemacht und noch Pfannkuchen besorgt und so haben wir gegessen bis zum Abwinken. So eine gute Gulaschsuppe habe ich noch nie gegessen.“

 „Robby und Ernesto, das sind doch keine deutschen Namen!“

Hilde klang ein wenig entrüstet, was Lotte ein herzliches Lachen entlockte.

 „Hildchen, manchmal bist Du wirklich ein wenig hinter dem Mond. Robby heißt eigentlich Robert und spielt den eher weiblichen Part und Ernesto heißt Ernst und hat die Hosen an. Und beide kommen aus dem tiefsten Bayern.“

Hilde überlegte einen Moment.

„Was meinst Du mit weiblichem und männlichen Part? Ich denke, die beiden sind schwul??“

 „In vielen gleichgeschlechtlichen Beziehungen hat einer eher eine feminine Ausstrahlung und der andere nicht. Auch in solchen Beziehungen gibt es eine Rollenverteilung. Hilde, Du solltest mal den Friseur wechseln und mit zu ‚meinem’ Udo kommen, da kannst Du viel lernen. Udo ist nämlich auch schwul.“

 „Und worüber habt Ihr den ganzen Abend geredet?“

 „Wir haben über Gott und die Welt geredet. Die zwei hat es beruflich hierher verschlagen. Robby ist Banker und hat am Potsdamer Platz bei einer Bank angefangen und Ernesto ist Lehrer  für Deutsch und Geschichte. Er hat sich an seiner Schule für fünf Jahre beurlauben lassen, weil er an der Humboldt-Universität in Germanistik promovieren will.“

Hilde schwieg, begierig, noch mehr zu erfahren, aber Lotte fuhr unbekümmert fort, denn sie machte den Eindruck, das Gespräch bald beenden zu wollen. Hilde meinte, ein Klingeln an der Tür von Lotte und Willi vernommen zu haben.

„Nach dem Essen und interessanten Gesprächen mit unseren neuen Nachbarn haben wir bis Mitternacht Scrabble gespielt und gegen halb zwei sind die zwei in ihre Wohnung gegangen und wir schlafen. Das war`s.“

Hilde seufzte.

„Bei Euch ist immer etwas los, Lotte, dagegen ist unsere Leben immer so eintönig und irgendwie festgefahren.“

„Das kommt Dir nur so vor, Hilde. Seid einfach ein wenig flexibler und unternehmungslustiger. Wir reden morgen nach dem Sport weiter, okay? Ich hole Dich ab, wie immer, gleiche Stelle, gleiche Welle?“

„Ich freue mich, Lotte, der Feiertagsspeck muss wieder runter.“

„Wem sagst Du das??? Grüße Erwin schön. Bis morgen.“

„Und Du grüße Willi von uns. Bis morgen.“

©G.B. 1/13