Nachweihnachtliches Stammtischgeplänkel: Erwin und Willi (1)

Erwin und Willi treffen sich am Dienstag und am Donnerstag in ihrer Stammkneipe „Zum Magendoktor“ nahe des S-Bahnhofes Berlin Wedding. Dieses Ritual zwei Mal pro Woche gehört zum festen Bestandteil ihres Rentnerdaseins. Hilde und Lotte, die Ehefrauen der beiden, besuchen in dieser Zeit einen  Gymnastikkurs für Senioren und holen ihre beiden Ehemänner danach in deren Stammkneipe ab.

„Na, Erwin, die Feiertage gut überstanden?“

„Jo, es ist jedes Jahr das Gleiche.“

„Bei uns auch.“

„Und, was habt Ihr gemacht?“

„Heiligabend waren wir bei Pia, unserer Ältesten und am 1. Feiertag bei Jörn und seiner Familie.“

„Wir waren Heiligabend bei Maria und ihrer Familie. Wir haben ja nur die eine hier, seit Jan in Australien lebt. Am 1. und 2. Feiertag waren wir zu Hause und haben es uns gemütlich gemacht.“

„Und – was gab es zu essen? Wie immer Heiligabend? Traditionell Kartoffelsalat mit Würstchen und am ersten Gänsebraten mit Klößen, Grünkohl und Rotkohl?“

„Den Braten hatten wir bei Maria Heiligabend schon. Und die Enkel? Geht es ihnen gut?“

„Soweit ja.

 „Langsam weiß man nicht, was man den Kindern noch schenken soll. Irgendwie haben sie alles oder das, was ihnen fehlt, interessiert sie nicht mehr.“

 „Wir schenken den Enkelkindern nur noch Geld, damit können sie machen, was sie wollen und sich das kaufen, was sie brauchen. Pias Kinder sind ganz versessen auf Computerspiele und Jörns Sohn ist ein Sparfuchs. Hoffentlich wird der mal nicht ein Geizkragen. Von mir hat er das jedenfalls nicht. Ich kann Geld eigentlich nicht leiden.“

Erwin und Willi lachen und Willi bestellt für beide ein zweites kleines Bier.

 „Warum kann man Kinder heutzutage nicht mehr mit Büchern oder Spielen erfreuen? Lesen bildet und Spiele sind immer eine gute Gelegenheit, Zeit mit der Familie zu verbringen.“

 „Unsere Enkel lesen schon noch, aber heute sind ja diese elektronischen Bücher in. Damit kann man sich wohl Bücher runterladen und dann lesen. So ein Ding ist handlich, klein und du kannst es überall mit hinnehmen. Für die U- oder S-Bahn ist das ganz praktisch.“

 „Das mag ja alles sein, Willi. Ich brauche mein Buch in der Hand, ich will den Duft des Papiers riechen, meine Bemerkungen an den Rand kritzeln und meine Eselsohren und Kaffeeflecken bei mir haben.“

 „Die Technik entwickelt sich und unsere Kinder und Enkel müssen da eher am Ball bleiben als wir. Ich würde meine Bücher auch nicht missen wollen. Und – was würdest Du ohne die Technik machen? Du selbst warst heilfroh, als Dir Jan eine Internetverbindung eingerichtet hat, damit Ihr über das Internet miteinander telefonieren könnt, oder?“

 „Ich will die Technik ja auch grundsätzlich nicht verdammen, aber ich habe mit der ganzen Computerei nichts am Hut.“

 „Das müssen wir ja auch nicht. Jedenfalls bin ich froh, dass Weihnachten vorbei ist. Diese ganze Hektik vorher geht mir so was von auf den Geist. Das hat doch gar nichts mehr mit dem Weihnachtsfest unserer Kindheit zu tun. Selbst, als wir junge Eltern waren, war das alles ganz anders, beschaulich, feierlich und wirklich familiär.“

 „Siehst du, auch da sind wir gezwungen, uns an das Heute anzupassen.“

 „ Sind wir das? Soll ich dir mal was verraten? Lotte und ich haben beschlossen, nächstes Jahr Weihnachten einfach wegzufahren. Irgendwohin, wo es warm und sonnig ist. Wenn wir das jetzt nicht machen, solange wir noch in guter körperlicher Verfassung sind, wann dann? Die Kinder brauchen uns Weihnachten nicht, sie haben ihre eigenen Familien.“

Erwin blickt Willi überrascht an und lächelt vielsagend.

 „Was grinst du denn so süffisant? Machst du dich über mich lustig?“

 „Gott bewahre! Ich grinse, weil ich seit zwei Jahren alles tue, um Hilde das ebenfalls nahe zu bringen. Aber sie will nicht so richtig. Sie ist sehr traditionell eingestellt und meint, es würde Maria und den Zwillingen das Herz brechen, wenn wir Weihnachten nicht da wären. Und Weihnachten woanders, ohne Schnee und Tannenbaum und Gänsebraten kann sie sich nicht vorstellen.“

 „ Na, das wollen wir doch mal sehen! Lotte hat, wie Du ja weißt, ein unnachahmliches Überzeugungstalent. Das soll sie mal bei Hilde einsetzen. Wenn das jemand schafft, dann meine Lotte!“

 „Dein Wort in Hildes Gehörgang, mein Lieber. Aber wenn Du meinst, ich bin dabei!“

Er schaute sehnsüchtig vor sich hin.

„Ich sehe uns schon am nächsten Heiligabend irgendwo am Meer unter Palmen liegen und die Sonne genießen.“

 „Auf Weihnachten 2013!“

 „Auf Weihnachten 2013!“

Die Tür öffnete sich und Lotte und Hilde kamen gut gelaunt vom Sport. Den einvernehmlichen Blick zwischen den beiden Männern registrierten sie nicht.

©G.B. 20/12/12