Fröhliche Weihnachten

Er saß, wie jeden Tag um diese Zeit, auf seiner zerschlissenen Wolldecke vor dem großen Kaufhaus  und kraulte den Rücken von Terry, seinem Schäferhund. Es begann bereits zu dämmern, die Straßenlaternen gingen an und die Einkaufspassage  zeigte sich in vorweihnachtlichem Lichterglanz. Hektisch  strömten die Menschen um ihn herum in die Geschäfte, um die letzten  Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Nur wenige bemerkten den Mann mit dem verfilzten grauen Bart, dessen dünnes, strähniges Haar unter einer schwarzen Pudelmütze versteckt war.

Hin und wieder fielen ein paar Münzen in den ausgebeulten Hut, der vor ihm lag und ein verhaltenes „Frohes Fest“ kam über einige Lippen. Diese Worte verhallten so schnell im Wind oder gingen im allgemeinen Geräuschpegel unter, wie sie gesprochen waren.

Er zog sich den Kragen seines abgetragenen Mantels enger um den Hals. Es schien nun doch Winter zu werden, so kurz vor dem Fest. Weihnachtslieder erklangen um ihn herum, doch er hörte sie nicht.

Heute war sein fünfzigster Geburtstag. Wie so oft in der letzten Zeit, wenn es ihm nicht gut ging und die Schmerzen im ganzen Körper ihn fast bewegungsunfähig machten, wanderten seine Gedanken in die Vergangenheit. Fast zwanzig Jahre lebte er nun schon auf der Straße.

Vor seinem inneren Auge tauchten Bilder aus vergangenen, glücklichen Tagen auf. Ein kaum merkliches  Lächeln huschte über sein Gesicht, als er an seine damals fünfjährige Tochter dachte, wie sie mit ihren langen blonden Haaren fröhlich im Garten schaukelte. Dann wurde sein Gesichtsausdruck schmerzlich und düster. Sie war gerade in der ersten Klasse, als dieser schreckliche Unfall geschah und sie brutal aus einem Leben gerissen wurde, das gerade erst angefangen hatte. Lange Jahre hatte er seinen Schmerz im Alkohol ertränkt, ohne zu begreifen, dass er auch nach und nach alles andere verlor. Als er das begriff, war es zu spät. Familie, Haus, Arbeit  – davon blieb nur noch eine vage Erinnerung. Nach etlichen Anläufen hatte er es geschafft, trocken zu werden. Die Rückkehr in ein bürgerliches Leben schaffte er jedoch nicht mehr.

So zog er durch die Straßen der Stadt, erbettelte sich zu dem, was er als Minimum vom Sozialamt bekam, ein bisschen Geld und half  einigen, denen es noch schlechter ging als ihm, über die Runden.

Nun wurde es Winter und er musste sich eine geschütztere Übernachtungsmöglichkeit suchen. Wegen seines Hundes konnte er nicht ins Obdachlosenasyl. Terry war der einzige Gefährte, der ihn auch ohne große Worte verstand, treu und anhänglich immer an seiner Seite war.

Mühsam erhob er sich, packte mit klammen Fingern seine Decke zusammen und nahm die Münzen aus dem Hut. So kurz vor den Festtagen waren die Menschen immer sehr großzügig mit ihren Spenden. Aber er kannte auch Kommentare wie „ … arbeitsscheues Pack…“, „…eine Schande für das Straßenbild…, „…geh arbeiten, du Penner…“.    Er hatte viel in seinem Leben gearbeitet. Sein Jurastudium hatte er mit kleinen Jobs nebenbei selbst finanziert. Das Haus, bezahlt vom Erbe seiner verstorbenen Eltern, hatte er mit seiner Hände Arbeit umgebaut und modernisiert und als er seine erste kleine Anwaltskanzlei hatte, dauerte sein Arbeitstag nicht selten zehn bis zwölf Stunden.

Gegen Bemerkungen dieser Art war er inzwischen immun geworden. Seine Lebensplanung hatte an einem  bestimmten Punkt eine tragische Wende genommen und alle seine Vorhaben zerstört. Er lebte nun auf der Straße, hatte sich mit seinem Schicksal arrangiert  und so würde er sein Leben weiterleben bis zum Tod.

Auf dem Weg zu seinem Schlafplatz musste er noch einige Besorgungen machen. Terry brauchte was zu fressen und sein Kumpel  etwas Warmes. Seit Tagen machte ihm eine fiebrige Erkältung zu schaffen und sein Allgemeinbefinden wurde immer bedenklicher.

Gleich morgen früh wollte er beim Roten Kreuz um wärmere Kleidung für Kalle bitten.

In wenigen Tagen war Hl. Abend. Er hatte noch keine  Weihnachtskerze  für seine Tochter. Jedes Jahr am Hl. Abend besuchte er sie auf dem Friedhof und stelle  eine rote Kerze auf ihr Grab. Für ihn war sie immer noch seine 6jährige Prinzessin, mit strahlend blauen Augen, einem verschmitzten Lächeln und einer langen blonden Mähne.

Seine Frau hatte Deutschland nach der Scheidung verlassen und niemand, außer ihm, hielt das Grab einigermaßen in Ordnung.

Mit müden, schweren Schritten ging er durch hell beleuchtete Straßen, entlang an weihnachtlich geschmückten Fenstern. Dieser ganze Rummel wurde ihm von Jahr zu Jahr mehr zuwider, Hektik und Eile schienen sich das Jahr über im Hintergrund zu halten, um dann in der Vorweihnachtszeit wie ein eitriger Pickel aufzuplatzen. Jeden Tag beobachtete er die Massen von Menschen, wie sie dick bepackt aus den Geschäften strömten, mit flackernden Augen schon den nächsten Laden in Augenschein nahmen, um eifrig zum nächsten Einkauf darin zu verschwinden .

„Na, du bist aber heute spät dran“, empfing ihn die Kellnerin vom Wienerwald. Jeden Abend um die gleiche Zeit kam er hier vorbei und holte sich Essensreste für sich und seinen Hund ab. „Kalle ist krank. Ich habe ein bisschen Geld und würde ihm  gern eine heiße Hühnersuppe mitbringen.“

Terry konnte es kaum erwarten und tänzelte aufgeregt um die Plastiktüte mit den Essensresten herum. Er näherte sich dem still gelegten Fabrikgebäude, in dem er seit einiger Zeit mit einigen anderen Obdachlosen wohnte. Die Stufen hinauf zur alten Halle knarrten ihrem Alter entsprechend. Als er die Halle betrat, kam ihm Anna aufgeregt entgegen gehumpelt. „Gut, dass du endlich da bist. Kalle hat hohes Fieber. Er muss in ein Krankenhaus, sonst stirbt er.“

Kalle lag auf seinem Lager aus Pappkartons und Zeitungen, bis zum Kinn in seinen Mantel und einer alten Wolldecke gehüllt und blickte ihn mit fiebrig glänzenden Augen müde an. Er röchelte. Jeder Hustenanfall kostete ihn fast seine ganze Kraft.

Hilflos standen alle um ihn herum. „Geh und schau, ob der Pfarrer daheim ist. Wenn einer dafür sorgen kann, dass Kalle in ärztliche Behandlung kommt, dann er“, flüsterte er Anna zu.

Er stützte Kalles Kopf und versuchte ihm die warme Suppe einzuflößen. Die anderen begaben sich zu ihren Schlafplätzen.

Was sollten sie auch tun? Sie waren eine Gruppe in dieser Gesellschaft, mit der niemand etwas zu tun haben wollte, um die sich niemand kümmerte, für die es keine Perspektive mehr gab. Für sie galt es, den nächsten Tag zu überleben, nicht zu verhungern und zu verdursten und einen Platz zum Schlafen zu haben.

Viele aus ihren Reihen waren bereits gegangen, andere sehnten das Ende herbei.  Nur wenige hatten noch einen starken Lebenswillen, Humor und Optimismus.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis Anne zurückkam. Sie hatte den Pfarrer der angrenzenden Gemeinde bei sich, ein Mann, der es nicht müde wurde, sich für Obdachlose einzusetzen.

Oft schon hatte er die Not dieser Menschen bei den Politikern kundgetan und war dabei meist auf taube Ohren gestoßen.

Immer, wenn einer von ihnen ging, setzte sich der Pfarrer dafür ein, dass der Verstorbene  ein ordentliches Begräbnis bekam. Nun stand er wieder vor einem sterbenden Menschen, dessen Schicksal ihm nur zu gut bekannt war.

Kalle erhielt die Sterbesakramente. Ruhig lag er auf seinem Schlafplatz, öffnete die Augen und hob kaum merklich  die Hand, als wolle er noch etwas sagen. Während er die Lippen öffnete, sackte sein Kopf zur Seite und er verließ diese Welt.

OBDACHLOSER AN LUNGENENTZÜNDUNG INFOLGE UNTERKÜHLUNG GESTORBEN

stand am nächsten Tag als kleiner Beitrag in allen Tageszeitungen.

Wie gewohnt hasteten die Menschen auch wenige  Tage vor Heiligabend in die Geschäfte, kauften hektisch die letzten Geschenke und Lebensmittel ein und bereiteten sich auf das Fest der Liebe vor.

©G.B., 2009

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17 Kommentare

  1. Eine Geschichte, die sehr betroffen und nachdenklich macht, liebe Anna-Lena…
    Leider, leider geschehen auch in solch festlichen Zeiten Unglücke und tragische Schicksalsschläge… Meine Gedanken sind seit heute Vormittag bei einem lieben Freund, der vor ein paar Tagen erst einen sehr schweren Herzinfarkt erlitten und nur knapp überlebt hat. Sein Leben und die seiner kleinen Familie werden nicht mehr so sein wie vorher…
    ♥liche Grüße!

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  2. Anna-Lena, ich sitze hier und heule – heule um das Schicksal dieser Menschen, die oft so unverschuldet in dieses Elend gelangt sind – die nicht die Kraft fanden, sich gegen das Schicksal aufzulehnen, nicht mit Familientragödien fertig zu werden. Alkoholismus ist nun mal eine Krankheit und nicht allein eine Charakterschwäche. Mancher steckt einen Schicksalsschlag besser weg, ein anderer eben schlechter. – Ich finde die Menschlichkeit so gut beschrieben, wie sie unter den Ärmsten der Armen noch existiert. – Es ist eine Schande, dass in einem Land wie Deutschland solche Zustände herrschen. – Vielen Wohneigentümern werden Zuschüsse für leerstehende Büros oder Wohnungen gezahlt oder wurden zumindest vor langer Zeit wurden sie gezahlt – vielleicht hätte man sie besser nutzen können, solche Räume.
    Bei der Überschrift der Geschichte hätte ich beinahe gar nicht weitergelesen – habe es dann aber doch getan.
    Nachdenkliche Grüße schickt dir
    Clara

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  3. Anna-Lena, das ist tragisch und ja, diese Menschen bedaure ich und hoffe für sie, dass sie einigermaßen über die Runden kommen und gehe nicht ohne Spende vorbei, aber es gibt die Anderen, die ihren Lebensweg über Generationen schon so eingetaktet haben und gerne so leben mit Hilfe der Anderen ohne selbst zu kämpfen, schönen Freitag für dich, Klaus

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  4. Schlimme Schicksale… stehen meist hinter diesen Obdachlosen.
    Leider haben die die saufen die ganze Sache schlimmer gemacht für die die nicht für Alkohol betteln oder sich nur als Bettler verkleiden.

    Gestern sass hier auch ein Bettler in der Innenstadt.
    Ich hab lange überlegt ob ich spenden soll…
    Man guckt ja nur aussen vor.
    Ich habe selber auch nur eine kleine Rente und muss mir mein Geld auch einteilen bzw. sparen, doch ich bin immer bereit zu helfen…
    Jeder kann ganz schnell in einer solchen Situation kommen.
    Doch man muss auch Hilfen annehmen können…

    Frohe Weihnachten an alle die kein Zuhause ihr eigen nennen können!

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  5. Oh man, mir kamen die Tränen bei der Passage mit der Tochter und dass er immer zum Grab geht und es in Ordnung hält.
    Ja, wieviele sind durch solche Schicksalsschläge zu Außenseitern geworden?
    Es ist wirklich schlimm. Gottlob gibt es inzwischen fast überall diese früher genannten Suppenküchen.
    Das ist immerhin eine kleine Hilfe.

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  6. ich erinnere mich gar nicht mehr an diese Geschichte, liebe Anna-Lena. So schnell kann es gehen, eigentlich ist keiner vor diesem schnellen Abrutschen sicher.
    Als ich vor einigen Tagen am Bankschalter war, es war kurz nach 17,00 Uhr, roch es im Vorraum der Bank ganz merkwürdig. Durch eine Bewegung in einer Ecke wurde ich darauf aufmerksam, daß dort ein Obdachloser lag und schlief. Zwei fast geleerte Flaschen standen neben ihm. Er lag ganz gemütlich, trug einen roten Pullover, hatte schneeweiße volle Haare und einen ebensolchen Bart.
    Ich war mit dieser Situation scheinbar überfordert, wußte nicht recht, ob ich ihm eine Decke holen oder ihm irgendwo einen Geldschein hinlegen sollte.
    Ich bin leise und vorsichtig wieder gegangen und habe weder das eine oder das andere gemacht.
    Hilflos sein ist ein dummes Gefühl und macht absolut nicht stolz.

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  7. @all:

    Ich danke euch herzlich fürs Lesen und Kommentieren.
    Diese Geschichte ist nicht nur meiner Fantasie entsprungen. Ich habe während meines Studiums als Sozialhelferin gearbeitet und mein Studium größtenteils damit finanziert.

    Mit Menschen dieser Art hatte ich über viele Jahre zu tun, es waren tragische Schicksale dabei, die mich sehr beschäftigt haben.
    Besonders um die Weihnachtszeit war es oft hart für mich, solchen Menschen etwas Positives mit auf den Weg zu geben, was über das Zuhören, eine Butterstulle und einen warmen Kaffee hinausging. Diese Menschen sind ein TEIL unserer Gesellschaft und brauchen Hilfe und Unterstützung.
    Wie auch immer jeder dahin gekommen ist, niemand sucht es sich freiwillig aus, auf der Straße zu leben. Seien wir dankbar für das, was wir haben, selbst, wenn es nicht immer viel ist.

    Somit hat diese Geschichte für mich gerade in der Vorweihnachtszeit ihre besondere Berechtigung.

    Ich danke euch!
    Mit lieben Grüßen
    Anna-Lena

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  8. Ja, diese Geschichte fährt auch beim wiederholten Lesen ein, wenn man das so salopp sagen kann. Und es ist wichtig, gerade in dieser „frohen“ Zeit auch auf die Menschen am Rand unserer Wohlstandsgesellschaft aufmerksam zu machen. Das ist dir im besten Sinne gelungen, Anna-Lena.

    Liebe Grüsse zu dir,
    Brigitte

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  9. Wie du hatte ich auch beruflich mit Obdachlosen zu tun und ich wiederhole mich zwar, möchte aber doch nochmals sagen, dass sie wirklich nicht immer selber schuld an ihrem Schicksal sind.

    Sehr wichtig für die Obdachlosen ist es immer, sie mit Respekt zu behandeln. Man vergibt sich nichts, wenn man freundlich zu ihnen ist, wenn man ihnen mit Geld oder anderem hilft. Ich finde es außerdem schlimm, dass sie ihre Hunde nicht mit an die Schlafstätte nehmen dürfen. Keiner von ihnen wird sein Tier im Stich lassen.

    Liebe Grüße, Brigitte

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