Second Hand

„Findest du mich hässlich?“

Das schwarze Sweatshirt mit der lauschigen Kapuze blickte unsicher um sich. „Hier bin ich“, ertönte erneut ein leises Stimmchen, fast flehentlich. Das Sweatshirt blickte zur Seite und entdeckte einen schwarz-rot gestreiften Rollkragenpullover für Damen, der aufgeregt auf seinem Bügel zappelte. „Wieso sollte ich dich hässlich finden?“, fragte das Sweatshirt verwundert. „Du bist zwar nicht ganz meine Kragenweite, aber ich finde, du siehst gut aus.“

Der schwarz-rot gestreifte Damenpullover leuchtete plötzlich  in einem dunklen Kirschrot und ließ den roten Farbton mundig aufleuchten. „Warum fragst du mich das?“ „Ich hänge schon so lange hier und niemand will mich haben.“ Auf dem Rollkragen glitzerten kleine Wassertröpfchen, als würde der schwarz-rot gestreifte  Rollkragenpullover weinen. „Bald ist Weihnachten. Die Menschen kaufen Weihnachtsgeschenke ein und bald wirst du, hübsch verpackt, unter einem Weihnachtsbaum liegen“ antwortete das schwarze Sweatshirt zuversichtlich.

„Nicht schon wieder“,  kreischte der schwarz-rote Rollkragenpullover. Seine Stimme überschlug sich fast und auf dem Schwarz des Pullovers bildeten sich hektische rote Flecken. Das Sweatshirt schaute ratlos drein. „Möchtest du darüber reden?“ „Da gibt es nicht viel zu erzählen“, hob der schwarz-rote Rollkragenpullover an. „Im letzten Jahr lag ich bei H&M im Regal der Damenoberbekleidung. Am Heiligen Abend kaufte mich jemand, nahm mich mit, schlug mich lieblos in ein Stück buntes Geschenkpapier ein und verfrachtete mich in eine dunkle Ecke unter dem Weihnachtsbaum. Bei der Bescherung am Abend wurde ich als letztes Päckchen ausgepackt…“ Der schwarz-rot gestreifte Rollkragenpullover kämpfte bereits wieder mit den Tränen und hielt einen Moment inne.

„Ja – und?“, fragte das Sweatshirt gespannt und auch ein wenig verlegen. Er hatte keine Erfahrung mit weinenden Pullovern und wusste nicht so recht, wie er reagieren sollte, ohne in ein Fettnäpfchen zu treten.

„Eine etwas wohlbeleibte ältere Frau mit einer fürchterlichen grauen Haarkrause packte mich aus, sah mich geringschätzig an und fing an zu schreien. Dabei warf sie mich wütend auf ein Sofa, auf dem ein Schäferhund lag. Der schnappte nach mir,  grub seine scharfen Zähne zwischen meine feinen Maschen und ging mit mir in seine Hundehütte.“ „Wieso hat die Frau geschrieen, als sie dich ausgepackt hatte? Ich dachte immer, die Menschen würden sich über Geschenke freuen?“ „Die nicht“, setzte der schwarz-rot gestreifte Rollkragenpullover leise, aber deutlich beleidigt  hinzu. „Sie hat ihren Mann nur angeschrien, wie er dazu käme, ihr etwas Gestreiftes zu schenken. Ob sie denn aussehen solle wie ein wandelndes Fass!“ „Und dann?“ Das Sweatshirt war fassungslos und hätte den rot-schwarz gestreiften Rollkragenpullover am liebsten in seine langen Ärmel geschlossen. Der schwarz-rot  gestreifte Rollkragenpullover holte tief Luft. „Die Nacht über musste ich in der Hundehütte bleiben. Der große  Schäferhund legte sich auf mich, so dass ich kaum Luft zum Atmen bekam. Am nächsten Morgen packte mich die Frau, zog mich unter den Schäferhund hervor, der die Nacht auf mir verbracht hatte und verfrachtete mich in einen blauen Müllsack, in dem es fürchterlich stank. Ich lag ewig zwischen ausrangierten Bettlaken, mehrfach gestopften Socken und ausgefransten Baumwollhemden. Erst vor kurzem kam ich hierher, wurde gewaschen, wieder instand gesetzt – der Schäferhund hatte mir einige Blessuren verpasst – und seitdem hänge ich hier.“ Das Sweatshirt war entsetzt und hoffte inständig, dass ihm ein solches Schicksal erspart bleiben würde. Zärtlich flüsterte er dem schwarz-rot gestreiften Rollkragenpullover zu: „Warte ab, in diesem Jahr hast du sicher mehr Glück. Diesmal kauft dich jemand, dessen du würdig bist und der deine Schönheit zu schätzen weiß.“ Das tröstete den schwarz-rot gestreiften Rollkragenpullover nicht. Zerknirscht blickte er das schwarze Sweatshirt an und flüsterte ihm zu: „Am liebsten würde ich in die Altkleidersammlung gehen und von jemandem getragen werden, der mich wirklich zu schätzen weiß und meinen wahren Wert erkennt. Dem würde ich all meine Wärme schenken.“

©G.B. 2010

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22 Kommentare

  1. Diese Frau wußte nicht, dass Quergestreift gar nicht dick macht.
    Sie ist noch eine der alten Garde, sie kennt sich einfach nicht aus.
    Ach ja, der Puli wird runtergesetzt, und dann doch noch mit Liebe getragen werden, und wenn ich ihn kaufe….
    Mir steht nämlich quergestreift, längsgestreift üüüüüüüüüberhaupt nicht.
    Dabei dachte ich damals, als ich noch mehr wog, Senkrecht würde dünner machen….

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  2. .. das ist so tiefgehend und gefühlvoll..der Pullover tut mir jetzt richtig leid – denn ich seh das auch im übertragenen Sinne .. auf Lebewesen bezogen und wie manche Menschen mit ihren Mitmenschen und -tieren umgehen .. Außerdem find ich bei Geschenken – wenn mir jemand, den ich gern hab, etwas schenkt, dann freu ich mich auch wenn es nicht mein „Traumgeschenk“ ist – weil es von ihm kommt!

    Danke fürs Teilen dieser schönen Geschichte!

    Ich schick dir ganz liebe Grüße 🙂
    ocean

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